Nachhaltige Finanzen : Warum Europa Finanzinnovation braucht – und sie schon hat
Will die EU ihre Klimaziele erfüllen, sollte sie neue Finanzinstrumente viel stärker fördern, findet Karsten Kührlings, Geschäftsführer von GLS Investments. In seinem Standpunkt-Gastbeitrag beschreibt er, welche das seien könnten und wie sie wirken.
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Die EU-Kommission hat mit ihrem neuen Vorschlag, bis 2040 die Treibhausgasemissionen in der EU um 90 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren, einen weiteren Meilenstein zur Erreichung der Klimaneutralität bis zur Jahrhundertmitte vorgestellt. Neue Technologien zur CO2-Reduktion, Umstellung auf eine Wasserstoffökonomie, neuartige Batterielösungen, Anwendungen in der Kreislaufwirtschaft, die faktische Elektrifizierung aller Wirtschaftsbereiche und soziale Nachhaltigkeit müssen durch Innovationen weiter vorangetrieben werden. Doch es hapert schon am Green Deal, der als nächstes Etappenziel das Jahr 2030 nennt.
Nach Daten der Europäischen Umweltagentur kann das ausgerufene Ziel, den CO2-Ausstoß bis dahin um 55 Prozent zu senken, nicht erfüllt werden. Ein Grund hierfür ist auch die bestehende Investitionslücke allein des Green Deals von jährlich (!) mindestens 406 Milliarden Euro. Die EU hat zu lange vorwiegend auf Ge- und Verbote gesetzt, anstatt die richtigen Anreize zu schaffen, um Investitionsströme in die richtigen Bahnen zu lenken. Neben weiteren technologischen Innovationen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes bedarf es ebenso einer Innovationspolitik im Bereich der Finanzierungsinstrumente, um weitere Quellen für die grüne Finanzierung zu erschließen. Die notwendigen Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe pro Jahr können nur durch neue, kreative und kooperative Ansätze unterschiedlicher Akteure aufgebracht werden. Die gute Nachricht ist, dass schon einige dieser innovativen Ansätze erfolgreich erprobt sind.
Blended Finance als Hebel für öffentliches Kapital
Der Privatsektor ist für die Finanzierung einer klimaneutralen Wirtschaft essenziell. Jedoch ist der Risikokapitalmarkt in der EU unterversorgt. Um diese Lücke zu schließen, kann ein Konzept zum Einsatz kommen, das in der Entwicklungszusammenarbeit entwickelt wurde: Blended Finance. Dabei handelt es sich um die strategische Kombination von öffentlichen, privaten und philanthropischen Finanzmitteln. Hierbei gibt es unterschiedliche Formen wie öffentliche Investitionen durch privates Kapital oder Garantien von öffentlichen Institutionen. Letztere übernehmen Risiken im Zusammenhang mit Projekten, die ein hohes Risiko tragen.
Besonders aussichtsreich, da gut skalierbar, sind strukturierte Investmentfonds auf Basis von Wasserfallstrukturen. Hier wird die Passivseite der Fonds nach unterschiedlichen Risikoklassen strukturiert. Die öffentliche Seite übernimmt die Erstverlust-Tranchen und private und philanthropische Investoren die weiteren Tranchen, so dass zum einen die Gesamtinvestitionen weit über die eigentlichen öffentlichen Mittel hinaus gesteigert werden können. Zum anderen kann eine viel stärke Risikodiversifikation der Mittel erfolgen. Blended Finance eröffnet somit die Möglichkeit, die Wirkung öffentlichen Kapitals zu hebeln, die Reichweite von Finanzierungen im Markt zu vergrößern und die Kapitalmärkte letztendlich zu stärken.
Umgekehrter Generationenvertrag – Finanzierung neu gedacht
Ein weiteres Beispiel für innovative Finanzierungsansätze sind sogenannte Revenue-Based-Financing-Modelle. Das bekannteste Beispiel ist der umgekehrte Generationenvertrag (UGV), international bekannt als ISA – Income Share Agreements. Dieses ursprünglich von Studierenden der Universität Witten/Herdecke entwickelte Finanzierungstool soll ein Studium an einer privaten Hochschule, unabhängig von den Einkommensverhältnissen, ermöglichen. Anders als bei einem klassischen Kredit gibt es keinen festen Zins- und Tilgungsplan. Die Studiengebühren werden erst später, nach Antreten eines Jobs, zurückgezahlt, wobei die Höhe der Rückzahlungen sich am zukünftigen Gehalt bemisst. Die Summe der individuellen Rückzahlungen (Zins- und Tilgung) ist damit abhängig von der individuellen Einkommenssituation. Dadurch enthält das System in sich eine solidarische Ausgleichskomponente zwischen den Investees.
Dieses Finanzierungsmodell, welches mit den Grundsätzen der Finanzierung – fester Zins, feste Laufzeit, fester Rückzahlungsbetrag – bricht, ließe sich auch auf Finanzierungen von nachhaltigen Start-ups oder Social Businesses in der Frühphase übertragen. Damit würde eine Alternative zu den stark Exit-orientierten Venture-Capital-Investments geschaffen. Für die Refinanzierung solcher, in der Regel sehr langlaufender, solidarischer umsatzbasierter Finanzierungsmodelle wären die eingangs skizzierten Fonds mit Wasserfallstrukturen prädestiniert. Insbesondere, wenn mit den Modellen ein hoher gesellschaftlicher Mehrwert – wie im Bereich Bildung – geschaffen wird, ließen sich öffentliche Investitionen sehr sinnvoll mit privaten Geldern hebeln.
Dezentrale Finanzinstitute als Schlüsselakteure für sozial-ökologische Transformation
Wenn die EU ihre politischen Ziele im Bereich der sozialen Gerechtigkeit und der grünen Transformation ernst nimmt, muss sie ihre Fördermittel gezielter und wirksamer einsetzen. Ein entscheidender Hebel liegt in der Zusammenarbeit mit dezentralen Finanzinstituten wie Genossenschaftsbanken, Sparkassen, Nachhaltigkeitsbanken und Mikrofinanzinstituten. Diese Institute sind tief in ihren Heimatregionen verwurzelt, kennen die lokalen Bedürfnisse und investieren einen deutlich höheren Anteil ihrer Mittel in die Realwirtschaft als internationale Großbanken.
Während Großbanken häufig global agieren und sich auf renditestarke Finanzprodukte konzentrieren, finanzieren dezentrale Institute konkret vor Ort bezahlbaren Wohnraum, Bildungsprojekte, regionale Infrastruktur oder kleine und mittlere Unternehmen. Sie fördern damit nicht nur wirtschaftliche Teilhabe, sondern auch soziale Kohäsion und Chancengleichheit – zentrale Ziele der EU-Politik.
Die eingangs genannten Finanzierungsbeispiele, eine stärker auf Effektivität ausgerichtete Regulatorik sowie Fördermodelle, die gezielt öffentliche Gelder mit privatem Kapital kombinieren, könnten hier gezielt eingesetzt werden, um die Wirkung dieser Institute zu vervielfachen. Durch gezielte Risikoabsicherungen oder technische Unterstützung könnten EU-Mittel dort ansetzen, wo sie den größten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen – in der realen Wirtschaft, bei den Menschen vor Ort.
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