Lernkurven statt Backlash : Was Europa beim Nachhaltigkeitsreporting vom ISSB‑Modell lernen kann
In der europäischen Politik und innerhalb von Unternehmen wird heftig über die Nachhaltigkeitsberichterstattungspflichten gestritten. Das sorgt für Unsicherheit in Wirtschaft und Gesellschaft. Gleichzeitig nehmen die internationalen Berichtsstandards des ISSB rund um den Globus an Bedeutsamkeit zu. Wie Europa Praxisnähe sichern kann, ohne seine Werte zu verlieren, beschreibt Moritz Sckaer vom Beratungsunternehmen Forvis Mazars in seinem Standpunkt-Gastbeitrag für Tagesspiegel Background.
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Das Thema Nachhaltigkeitsreporting geriet 2025 plötzlich ins politische Rampenlicht: Am Beispiel der europäischen Richtlinie für Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen, CSRD, diskutierte die EU über Entlastung von Unternehmen und Bürokratieabbau – und riskierte verlorenes Vertrauen und einen ESG-Backlash.
Gleichzeitig bleibt, trotz aller Kritik vor allem von Politikern, Nachhaltigkeitsreporting durchaus global relevant: Immer mehr Länder außerhalb der EU orientieren sich am fokussierten, investorenzentrierten Modell des International Sustainability Standards Board (ISSB), dem vom internationalen Rechnungslegungs-Standardsetzer IFRS gegründetem Gremium für Nachhaltigkeitsberichterstattung.
Es stellt sich also die Frage: Wie kann Europa sein ambitioniertes, wertebasiertes Nachhaltigkeitsverständnis bewahren – und zugleich Praxisnähe und globale Anschlussfähigkeit sicherstellen?
ISSB vs. ESRS: Start bei Klima gegen Start in der Breite
Die ISSB‑Standards folgen einer rein finanziellen Wesentlichkeit: Berichtet wird, was den Unternehmenswert beeinflusst. Zudem werden die Standards nach und nach veröffentlicht. Mit IFRS S1 und S2 existieren bislang zwei Einstiegspunkte, die vor allem Klima und Nachhaltigkeitsstrategie adressieren. Solange für ein wichtiges Thema noch kein eigener IFRS‑Standard vorliegt, können Unternehmen freiwillig und gemäß eigener Gewichtungen auf etablierte Rahmenwerke wie SASB oder GRI zurückgreifen.
Dieses schrittweise, klar priorisierte Vorgehen – erst zentrale Themen adressieren, insbesondere Klimaschutz, dann breiter werden – reduziert Einstiegshürden, fördert Akzeptanz und ermöglicht realistische Lernkurven. Lernkurven nicht nur für die Inhalte an sicht, sondern auch für die Steuerung und den Angang von komplexen nicht-finanziellen Reporting-Prozessen.
Die ESRS setzen hingegen auf die sogenannte doppelte Wesentlichkeit: Wirkungen von geschäftlichen Vorgängen werden identifiziert, bevor sie sich finanziell auswirken – ein sinnvoller Frühwarnradar, der über die reine Investorenperspektive des ISSB hinausgeht.
Gleichzeitig decken die ESRS mit neun thematischen Standards, die alle im Rahmen der Wesentlichkeitsanalyse betrachtet werden müssen, von Anfang an deutlich mehr und kleinteiligere Bereiche ab. Durch diese umfassende Betrachtung gewinnen Unternehmen zwar ein vollständiges Bild ihrer Handlungsfelder, laufen jedoch gleichzeitig Gefahr, sich in der Komplexität dieses Bildes zu verlieren.
Wenn Komplexität den Fokus verschiebt
Unsere Erfahrungen aus über zwei Jahren CSRD‑Beratung zeigen, welche internen Diskussionen die ESRS-Anforderungen auslösen können: Etwa, wenn das Management bis in die oberste Führungsetage in Detailfragen zu Wasserrisiken an kleinen Bürostandorten in Südafrika einsteigt.
Solche Debatten verschieben den Fokus von zentralen Transformationsthemen auf Nebenschauplätze und können interne Widerstände erzeugen sowie viel Zeit und Geld kosten. Diese Erfahrungen dürften auch zu politischen wie unternehmensinternen Narrativen beigetragen haben, die ESRS seien ein zu technokratisches Bürokratie‑Ungetüm und gehören simplifiziert, abgebaut, gestrichen.
Was der ISSB‑Ansatz lehrt – und wo Europa stärker bleibt
In der Diskussion rund um die ESRS wird jedoch häufig übersehen: Die ESRS verlangen Offenlegung zu allen wesentlichen Themen und Datenpunkten – aber nicht, dass Unternehmen zu jedem Standard sofort Strategien und Maßnahmen vorweisen können. Eine praxisnahe Logik, die dem ISSB‑Modell ähnelt, ist daher auch unter ESRS möglich:
- Solide aufsetzen: ESRS 2 als Rahmenwerk verankern und zentrale Themen wie Klimaschutz mit robusten Prozessen, Verantwortlichkeiten und Metriken hinterlegen.
- Pragmatisch offenlegen: Bei weiteren wesentlichen Themen zunächst den Status quo transparent darstellen – insbesondere dort, wo Steuerungsprozesse erst aufgebaut werden.
Dieses Vorgehen lenkt den Fokus zunächst auf die größten Transformationshebel des Unternehmens und lässt zugleich Raum für eine praxisnahe, schrittweise Annäherung an neue Themen. Dies ermöglicht realistische Lernkurven, die bei komplexen Nachhaltigkeitsthemen entscheidend sind, um Engagement und Motivation über Jahre sicherzustellen.
Fazit: Nicht selbst überfrachten – klüger beginnen
Europäische Unternehmen müssen also nicht ultimativ weniger berichten – sie dürfen klüger, pragmatischer und priorisierter beginnen und dann über die Jahre hinweg weitere Nachhaltigkeitsthemen hinzufügen. Sequenzierung statt radikaler Simplifizierung ist der Schlüssel.
Gleichzeitig gilt es, die Stärken des europäischen Ansatzes bewusst zu nutzen. Denn die reine Finanzperspektive des ISSB greift zu kurz. Die doppelte Wesentlichkeit der ESRS erkennt negative Impacts als Frühindikatoren für spätere finanzielle Risiken – und vermeidet so strategisch teure blinde Flecken.
Damit knüpft die EU an ein über Jahrzehnte gewachsenes ganzheitliches Verständnis verantwortungsvoller Unternehmensführung an, auf dessen Prinzipien viele traditionsreiche deutsche Unternehmen bis heute bauen. Dieses werteorientierte Unternehmertum vom ehrbaren Kaufmann über den rheinischen Kapitalismus bis zur sozialen Marktwirtschaft muss bewahrt und mit stetigem, belastbarem Nachhaltigkeitsmanagement und -reporting weiter untermauert werden, statt sich in Bürokratie-Diskussionen zu verzetteln.
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