Apotheken- und Pflegepolitik : Bitte keine leeren Versprechungen!
Die aktuelle gesundheitspolitische Debatte in Deutschland ist von dem Wunsch geprägt, das System gleichzeitig leistungsfähiger, zugänglicher und kostengünstiger zu machen. Das bringt einen grundlegenden Zielkonflikt mit sich, findet Michael Hubmann, Präsident der Kinder- und Jugendärzte. Welchen er meint und warum er sich mehr Ehrlichkeit wünschen würde, schreibt er im Standpunkt.
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Vor zwei Tagen veröffentlichte die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ein Positionspapier, das zahlreiche neue Aufgabenfelder für Apotheken skizziert, die weit über die bereits eingeführten pharmazeutischen Dienstleistungen hinausgehen.
Dazu zählen unter anderem die stärkere Einbindung in die Ersteinschätzung von Patient:innen, die Ausweitung von Präventionsangeboten wie Impfungen oder telemedizinischen Leistungen sowie eine einfachere Kostenübernahme für rezeptfreie Kinderarzneimittel im Notdienst.
Überlegungen wie diese sind grundsätzlich nachvollziehbar. Apotheken sind niedrigschwellige Zugangsorte im Gesundheitssystem und leisten einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung. Gleichzeitig muss aber klar gesagt werden: Zusätzliche Leistungen bedeuten zusätzliche Ressourcen.
Apotheken können Praxen nicht ersetzen
Jede Ausweitung von Beratung, Betreuung oder pharmazeutischen Dienstleistungen erfordert qualifiziertes Personal, Zeit und damit Finanzierung. Die Vorstellung, solche Erweiterungen führten automatisch zu Kosteneinsparungen im System, ist nicht realistisch.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Apotheken können ärztliche Versorgung nicht ersetzen. Dort, wo keine ärztliche Infrastruktur mehr vorhanden ist, kann auch eine Apotheke diese Lücke nicht einfach kompensieren. Die Idee, Apotheken könnten flächendeckend Aufgaben der Primärversorgung übernehmen und gleichzeitig Kosten senken, greift daher zu kurz. Sie erzeugt Erwartungen, die im Alltag nicht erfüllbar sind.
Die Apothekerschaft tut sich keinen Gefallen, wenn sie einerseits auf wirtschaftlichen Druck und „Apothekensterben“ hinweist, andererseits aber eine nahezu unbegrenzte Ausweitung ihres Leistungsspektrums in Aussicht stellt.
Die Diskussion über eine stärkere Rolle von Apotheken in der Primärversorgung sollte weniger als Strukturersatz, sondern vielmehr als Ergänzung gedacht werden. Apotheken können Orientierung bieten, in bestimmten Bereichen beraten und zur Entlastung beitragen. Sie können und sollen jedoch nicht die Funktion von Arztpraxen substituieren. Entscheidend ist eine realistische Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen.
Prävention hat Grenzen
Ähnlich problematisch ist die aktuelle Diskussion in der Pflegepolitik. In der Pflegeversicherung fehlen im kommenden Jahr 7,5 Milliarden Euro. Im Jahr darauf sogar 15 Milliarden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken muss Geld sparen – eine Aufgabe, um die ich sie nicht beneide und für die ich ihr Respekt zolle. Allerdings hat sie sich mit ihrer Aussage in den ARD-Tagesthemen am vergangenen Donnerstag einen denkwürdigen Fauxpas geleistet.
„Wir wollen einen stärkeren Fokus auch auf Prävention legen, also die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit“, sagte Warken unmittelbar nach einem Einspieler über eine Familie, die ihre 29-jährige behinderte Tochter zu Hause pflegt. Angehörigen von Kindern mit Behinderungen zu suggerieren, Pflegebedürftigkeit lasse sich durch Prävention vermeiden, ist schon ein starkes Stück.
Prävention ist zweifellos ein wichtiger Bestandteil moderner Gesundheitspolitik. Sie kann Erkrankungen verzögern, Risiken reduzieren und Lebensqualität verbessern. Sie darf jedoch nicht als Argument missverstanden werden, strukturelle und demografisch bedingte Pflegebedarfe grundsätzlich „wegpräventieren“ zu können. Insbesondere im Bereich von Menschen mit angeborenen Behinderungen oder schweren chronischen Einschränkungen greift ein solcher Gedanke zu kurz und wird der Lebensrealität der Betroffenen nicht gerecht.
Gesundheitspolitik braucht keine falschen Versprechen über gleichzeitige Leistungsausweitung und Kostensenkung. Sie braucht eine klare Sprache über das, was möglich ist und was ist. Apotheken können wichtige Beiträge leisten, aber sie ersetzen keine ärztliche Versorgung. Und Prävention ist zentral, aber kein Allheilmittel gegen demografische Entwicklungen.
Michael Hubmann ist der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ).
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