Biotechstandort Deutschland : Mehr Mut, mehr machen
Biotechnologie ist eines der Felder, auf denen sich entscheiden wird, wie zukunftsfähig unser Standort in den kommenden Jahrzehnten ist, schreibt Roland Sackers, Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland, im Standpunkt. Es brauche jetzt mehr Mut, diese Branche als strategische Zukunftsindustrie zu behandeln – und mehr Entschlossenheit, die Rahmenbedingungen entsprechend auszurichten. Am Ende würden alle davon profitieren – Patienten, Wissenschaft, Wirtschaft und Co.
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Deutschland hat eine starke wissenschaftliche Basis, eine innovative Industrie und exzellente Talente. Gerade in der Biotechnologie ist dieses Fundament sichtbar: in der Forschung, in Ausgründungen, in der Diagnostik, in neuen Therapien und in nachhaltigen Produktionsverfahren. Biotechnologie ist keine Nische. Sie ist eine Schlüssel- und Plattformtechnologie, die weit über die eigene Branche hinauswirkt – für medizinischen Fortschritt, für industrielle Innovation und für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas.
Trotzdem bleibt der Eindruck, dass wir in Deutschland das Potenzial dieser Zukunftsindustrie noch immer nicht voll ausschöpfen. Wir sind stark darin, Wissen zu schaffen. Aber zu oft sind andere schneller darin, daraus Wertschöpfung zu machen. Innovationen werden andernorts zügiger finanziert, konsequenter skaliert und früher in den Markt gebracht. Genau darin liegt eine der entscheidenden Herausforderungen für unseren Standort.
Wer über den Industriestandort Deutschland spricht, darf über Biotechnologie nicht nur am Rand reden. Ohne Biotechnologie gibt es keine moderne Gesundheitsversorgung, keine leistungsfähige Diagnostik und viele Fortschritte in Therapie und Prävention nicht. Zugleich spielt sie eine immer größere Rolle für resiliente Lieferketten, für nachhaltigere Produktionsprozesse und für technologische Souveränität. In einer Zeit geopolitischer Spannungen und harter globaler Konkurrenz ist das mehr als ein Branchenthema. Es ist industriepolitisch und gesellschaftlich relevant.
Tempo in der Umsetzung fehlt oft
Deutschland bringt dafür viel mit. Der Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ist eng, die Zahl erfolgreicher Gründungen aus Forschungseinrichtungen ist beachtlich, und über Jahre ist ein differenziertes Ökosystem entstanden – von forschungsgetriebenen Start-ups über spezialisierte Dienstleister bis hin zu international erfolgreichen Unternehmen. Diese Vielfalt ist eine große Stärke. Sie zeigt, dass wir die Ideen, das Know-how und die Menschen haben.
Was zu oft fehlt, ist das Tempo in der Umsetzung. Gerade im Deeptech-Bereich braucht Innovation lange Vorläufe, belastbare Finanzierung und regulatorische Verlässlichkeit. Wer neue Diagnostikverfahren oder Therapien entwickelt, investiert über viele Jahre, bevor wirtschaftlicher Erfolg sichtbar wird. Umso wichtiger sind klare Rahmenbedingungen. Unternehmen müssen sich darauf verlassen können, dass Verfahren planbar sind, politische Prioritäten nicht ständig wechseln und Skalierung in Deutschland und Europa gewollt ist – nicht nur in Sonntagsreden, sondern im Alltag der Genehmigung, Finanzierung und Anwendung
Bürokratie spürbar abbauen
Die Richtung vieler politischer Initiativen stimmt. Dass Biotechnologie in der deutschen Innovationspolitik als Schlüsseltechnologie sichtbarer wird, ist richtig und überfällig. Auch Programme, die Ausgründungen aus der Wissenschaft gezielt unterstützen, setzen an einem entscheidenden Punkt an. Denn eine starke Forschung entfaltet ihren Nutzen für Patientinnen und Patienten, für Beschäftigung und Wohlstand erst dann voll, wenn sie in marktfähige Produkte, industrielle Produktion und Versorgung übersetzt wird.
Doch gute Strategien allein reichen nicht. Entscheidend ist jetzt die Umsetzung. Deutschland und Europa müssen Innovationen schneller in die Anwendung bringen, besser finanzieren und konsequenter auf Skalierung ausrichten. Dazu gehört erstens der Zugang zu Kapital. Gerade wachstumsstarke Biotechnologieunternehmen brauchen Investoren mit langem Atem. Zweitens braucht es einen spürbaren Abbau von Bürokratie. Wo Verfahren zu lange dauern, wo Regulierung unnötig kompliziert ist oder nationale Sonderwege europäische Entwicklungen ausbremsen, verlieren wir wertvolle Zeit. Und drittens müssen wir mehr dafür tun, Talente zu gewinnen und zu halten – mit attraktiven Bedingungen für Fachkräfte, Gründerinnen und Gründer sowie internationale Spitzenkräfte.
Europa: Nicht mit guten Absichten begnügen
Auch Europa steht in der Verantwortung. Wenn der Kontinent technologisch souverän und wirtschaftlich stark bleiben will, müssen biotechnologische Innovationen nicht nur erfunden, sondern auch in Europa skaliert, produziert und angewendet werden. Es ist ein gutes Zeichen, dass die strategische Bedeutung der Biotechnologie auf EU-Ebene stärker erkannt wird. Dieses Momentum müssen wir nutzen. Europa darf sich im globalen Wettbewerb nicht mit guten Absichten begnügen.
Ebenso klar ist: Die Industrie selbst ist gefordert. Ambition, Investitionsbereitschaft und der Wille, in größeren Maßstäben zu denken, gehören dazu. Fortschritt entsteht nie allein durch Politik. Aber ohne die richtigen politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen bleibt auch unternehmerischer Mut unter seinen Möglichkeiten. Wettbewerbsfähigkeit entsteht dort, wo beides zusammenkommt: unternehmerische Initiative und ein Staat, der Zukunftstechnologien nicht verwaltet, sondern ermöglicht.
Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Deutschland und Europa können auf wissenschaftliche Exzellenz, starke Technologien und eine innovative Industrie bauen. Was jetzt zählt, ist der gemeinsame Wille, daraus mehr zu machen: mehr Tempo, mehr Verbindlichkeit, mehr Umsetzung. Fortschritt entsteht nicht in Silos. Er entsteht dort, wo Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Verantwortung übernehmen und die nächsten Schritte gemeinsam gehen.
Biotechnologie ist eines der Felder, auf denen sich entscheiden wird, wie zukunftsfähig unser Standort in den kommenden Jahrzehnten ist. Gerade deshalb brauchen wir jetzt mehr Mut, diese Branche als strategische Zukunftsindustrie zu behandeln – und mehr Entschlossenheit, die Rahmenbedingungen entsprechend auszurichten. Mehr Mut. Mehr machen.
Roland Sackers ist Vorstandsvorsitzender vom Branchenverband BIO Deutschland.
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