Pflegenotstand : Wer pflegt, zählt nicht!

Stockschlaeder
Heinrich Stockschlaeder ist Vorstandsmitglied bei „Wir pflegen in Berlin e.V.“ Foto: privat

In Berlin nutzen nur rund drei Prozent der Anspruchsberechtigten die Tagespflege. Über die Menschen, die zu Hause pflegen, erhebt die amtliche Statistik kein einziges Merkmal. Die Selbsthilfeorganisation „Wir pflegen in Berlin e.V.“ hat nachgefragt und präsentiert ihre Ergebnisse beim heutigen 4. Pflegepolitischen Dialog ins Berliner Abgeordnetenhaus. Heinrich Stockschlaeder, Vorstandsmitglied im Verein, schreibt im Standpunkt, welche Forderungen sich daraus aus seiner Sicht ableiten.

von Stockschlaeder, Wir pflegen in Berlin e.V.

veröffentlicht am

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Die Tages- und Nachtpflege kann für Pflegebedürftige und pflegende An- und Zugehörige ausgesprochen gewinnbringend sein. Und doch nimmt in Berlin wie im Bundesgebiet nur rund drei Prozent der potenziell Leistungsberechtigten das Angebot in Anspruch. Nachtpflege gibt es kaum. Wir haben deshalb von Februar bis Mai 2026 pflegebedürftige Menschen und pflegende An- und Zugehörige als „Experten in eigener Sache“ befragt, 183 Antworten ausgewertet. Nicht repräsentativ, aber ernst zu nehmen. Ihre Belastbarkeit beziehen die Ergebnisse aus der durchgängigen Spiegelung an amtlicher Statistik, Erhebungen der Senatsverwaltung, bundesweiten Pflegereporten und weiteren Forschungsergebnissen.

So sieht die Berliner Tagespflege aus: Ein Bus fährt halb leer durch die Stadt, während an der übernächsten Haltestelle Menschen warten, die den Fahrplan nicht kennen. Die Tagespflegen waren 2024 zu 77 Prozent ausgelastet. Rund jeder vierte Platz blieb leer. Gleichzeitig führten vier von zehn Einrichtungen eine Warteliste.

Wer das Angebot nutzt, ist zufrieden: zehn von elf bewerten es mit gut oder sehr gut. An der Qualität liegt es also nicht. Woran liegt es dann? Wir haben die gefragt, die nicht kommen. Genannt werden zu hohe Zuzahlungen (63 Prozent), ein Leistungsanspruch, der den Bedarf nicht deckt (53 Prozent), der Weg zur Einrichtung (52 Prozent) und fehlende eigene Mittel (45 Prozent). Dass ihnen das Angebot unbekannt sei, sagen 24 Prozent – der am seltensten genannte Grund. Nicht Unkenntnis hält die Pflegehaushalte somit fern, sondern Kosten, Leistungsgrenzen, Passung und Zugang.

Keine Daten über pflegende Angehörige

Hinzu kommt eine räumliche Ungleichheit, die sich nicht mit Bedarfsunterschieden erklären lässt: Die Nutzung schwankt zwischen den Berliner Bezirken um den Faktor vier, von 0,74 bis 2,99 Nutzenden je hundert Pflegebedürftige. Ob jemand die Tagespflege nutzt, hängt in dieser Stadt auch davon ab, wo er wohnt.

In einer Fußnote im Landespflegeplan 2025 heißt es, für Berlin lägen nur wenige repräsentative und valide Daten zur Situation pflegender Angehöriger vor. Das ist eine ehrliche Feststellung. Rund 87 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, ganz oder teilweise von pflegenden An- und Zugehörigen. Über sie, das Rückgrat der pflegerischen Versorgung, erhebt die amtliche Statistik kein einziges Merkmal: kein Alter, keine Erwerbssituation, keinen Pflegeumfang.

Deutlich mehr wissen wir jetzt mit unserer Befragung. Sie liefert viele Befunde, die es für Berlin bisher nicht gab. Vier von zehn Hauptpflegepersonen in unserer Befragung sehen ihre Belastbarkeitsgrenze als erreicht oder überschritten. Die Pflegestützpunkte werden von allen Anlaufstellen am besten bewertet – und erreichen die wenigsten Menschen. Häufigste Informationsquelle ist die eigene Recherche im Internet.

Nicht an den Realitäten vorbeiplanen

Aus der Befragung sind zwanzig Handlungsempfehlungen entstanden und daraus sechzehn Vorschläge für die nächste Koalitionsvereinbarung auf Landesebene – so formuliert, dass über jeden Punkt einzeln entschieden werden kann. Sie sind derzeit das einzige aktuelle Papier, das die Perspektiven rund um das Rückgrat der pflegerischen Versorgung, die pflegenden An- und Zugehörigen, bündelt.

Ihr Schwerpunkt liegt auf der bezirklichen Ebene, denn dort entscheidet sich, ob Bedarf und Angebot zueinander finden. Der Senat geht mit seiner Landespflegestrukturplanung auch in diese Richtung. In den Bezirken ist diese Entwicklung allerdings noch nicht angekommen; es fehlen die nötigen Ressourcen. Notwendig aus unserer Sicht: eine verbindliche Pflegestrukturplanung in jedem Bezirk, eine Pflegekonferenz, ein regelmäßiger Austausch aller Beteiligten, eine hauptamtliche Koordinierungsstelle – und eine belastbare Datengrundlage.

Vieles liegt hierzu längst vor – in der Pflegestatistik, bei den Pflegekassen, in der Begutachtung, in den Beratungsgesprächen. Es wird nur nicht erhoben beziehungsweise zusammengeführt. Und: Es gibt Lücken. Für sie schlagen wir ein Monitoring der häuslichen Pflege vor, das die Betroffenen fragt, was an Belastungen und ungedeckten Bedarfen besteht, tatsächlich gebraucht wird und wirkt. Wir hätten uns diese Datengrundlage gewünscht, bevor der Landespflegeplan und der Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) geschrieben wurden. Die Reihenfolge lässt sich nicht mehr ändern. Für die Zukunft aber gilt: Planung, die auf Daten über die Betroffenen verzichtet, plant an den Realitäten vorbei.

Kritik am PNOG-Entwurf

Sorge bereitet uns der PNOG-Referentenentwurf. Die jährliche Dynamisierung der Leistungsbeträge ist überfällig und richtig. Zugleich wird mit den neuen Schwellenwerten der Zugang schwieriger, soll die Tagespflege vom Sozialraumbudget ausgeschlossen bleiben, und die Leistungen, mit denen sich Zuzahlungen heute senken lassen – Umwandlungsanspruch, Verhinderungspflege, Gemeinsamer Jahresbetrag –, entfallen in ihrer jetzigen Form. Der Bund, der Tagespflege befördern will, stellt sich so selbst ein Bein.

Heinrich Stockschlaeder ist Vorstandsmitglied von wir pflegen Berlin e.V., Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender An- und Zugehöriger, und Mitglied des Berliner Landespflegeausschusses. Der Auswertungsbericht zur Befragung und die sechzehn Vorschläge stehen unter www.wir-pflegen.berlin. Der 4. Pflegepolitische Dialog startet am heutigen Montag um 17.45 Uhr im Berliner Abgeordnetenhaus.

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