Standpunkt Bei Schlaganfall besser kommunizieren

Heute ist Welt-Schlaganfalltag. Die Erkrankung ist nicht nur die dritthäufigste Todesursache, sondern auch die häufigste für dauerhafte Invalidität. Der Neurologe Hans Joachim von Büdingen fordert mehr Aufklärung, bessere Nachsorge – und einen noch intensiveren Blick auf die Therapietreue der Patienten.

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Mit gutem Grund rückt der heutige Weltschlaganfalltag das Thema Schlaganfall ins Bewusstsein. Immerhin leben in Deutschland 1,3 Millionen Menschen mit den Folgen eines Schlaganfalls. Die Erkrankung ist die dritthäufigste Todesursache sowie die häufigste Ursache für dauerhafte Invalidität im Erwachsenenalter. Hierzulande ereignen sich jährlich etwa 270.000 Schlaganfälle, davon treten 70.000 (26 Prozent) zum wiederholten Mal auf.

Viele denken: Betrifft das nicht „nur“ ältere Menschen und Risikopatienten? Das ist – leider – nicht der Fall, denn es handelt sich um keine reine Alterserkrankung. Auch wenn die Häufigkeit von Schlaganfällen mit fortschreitendem Lebensalter deutlich zunimmt, sind in Deutschland jährlich rund 300 bis 500 Kinder und Jugendliche betroffen. In der Altersgruppe von 18 bis 55 Jahren stehen bereits rund 30.000 Fälle pro Jahr zu Buche.

Schlaganfälle nehmen bis 2035 um ein Drittel zu

Auch der gesellschaftliche Faktor darf nicht außer Acht gelassen werden. Statistische Berechnungen weisen darauf hin, dass zwischen 2015 und 2035 die Zahl der Schlaganfälle um 34 Prozent zunehmen wird, bedingt vor allem durch das zunehmende Lebensalter der Bevölkerung. Entsprechend werden auch die Kosten ansteigen, welche durch Schlaganfälle verursacht werden. Im deutschen Gesundheitssystem betragen die Behandlungskosten pro Patient etwa 43.000 Euro. Die durchschnittlichen Kosten im ersten Jahr nach Auftreten eines Schlaganfalls werden mit 19.000 bis 20.000 Euro beziffert.

Erfreulicherweise konnte in den vergangenen drei Jahrzehnten die medizinische Behandlung wesentlich verbessert werden. Basis für diese Entwicklung ist zum einen die Anerkennung des Schlaganfalls als Notfall, unter dem Motto „Zeit ist Hirn, jede Minute zählt, rufe sofort 112“. Zum anderen wurden in Deutschland an Krankenhäusern insgesamt 335 zertifizierte „Stroke Units“, also Schlaganfall-Spezialstationen zur Akutversorgung des Schlaganfalls, eingerichtet.

Jeder Zweite versteht Anweisungen der Ärzte nicht gut genug

Auch tragen verbesserte Therapien sowie die ständige Verfeinerung der Untersuchungsmethoden und -techniken dazu bei, die Behandlung immer weiter zu optimieren. Der Motor und entscheidend für den Erfolg dieser Entwicklung ist seit mehr als 20 Jahren die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe e.V. mit ihren vielfältigen Projekten. Wesentliche Verbesserungen in der Vorsorge, der Diagnostik und Therapie haben zu erhöhten Überlebenschancen und zur besseren Erholung nach einem Schlaganfall geführt. Dennoch ist weltweit eine stetige Zunahme von Schlaganfällen zu verzeichnen, bedingt durch die zunehmende Alterung und Durchseuchung mit Risikofaktoren.

Hinzu kommt, dass die Nachsorge ein Stiefkind in der Behandlungskette eines Schlaganfalls ist. Von der deutschen Gesundheitspolitik wird eine strukturierte, sektorenübergreifende Nachbetreuung unter Einbezug aller Behandlungsbereiche gefordert. Dieses Manko soll in den kommenden Jahren unter Federführung der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft behoben werden. Modellprojekte werden seit acht Jahren durchgeführt. Die große Hoffnung ist, dass sich das Problem auch durch den Weltschlaganfalltag im Bewusstsein der Bevölkerung verankert – eine Voraussetzung, damit Risikofaktoren in Selbstverantwortung jedes Einzelnen begrenzt werden. Apropos Selbstverantwortung: Studien haben gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Deutschen die Anweisungen ihrer behandelnden Ärzte nicht gut genug verstehen. Jeder Fünfte konnte sich nicht mehr an alle Details aus dem Arztgespräch erinnern. Das ist gerade bei Erkrankungen wie dem Schlaganfall ein riesiges Problem, da der Patient die Therapie aktiv angehen muss. 

DiGAs bieten Chance für seriöse Nachsorge

Kein Wunder, dass mehr als 60 Prozent aller Patienten ihre Diagnose im Internet recherchieren. Und prinzipiell ist das gut so. Doch auch hier finden sie viel zu oft für den Laien unverständliche Informationen oder unsauber recherchierte Fakten. Um hier Transparenz und Verlässlichkeit zu schaffen, weist das Konzept Digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGAs) einen sinnvollen Weg. Noch stehen diese digitalen Angebote im Anfangsstadium und ringen um wissenschaftliche Anerkennung. Doch es steht zweifelsfrei fest, dass sie einen wertvollen Beitrag leisten. Innovative Lösungen in Form von Apps und digitalen Informationsangeboten helfen effektiv dabei, dass die Patienten ihre Erkrankung besser verstehen und mit ihr selbstbestimmt umgehen. Sie unterstützen Patienten, damit sie die Notwendigkeit der Behandlung annehmen, aktiv an Maßnahmen teilnehmen, ihren Lebensstil anpassen und auf diese Weise Risikofaktoren minimieren.

Wie wichtig diese sogenannte Therapietreue speziell für Schlaganfallpatienten ist, kann man gar nicht oft genug betonen. Viele Patienten fühlen sich jedoch mit ihrer Krankheit allein gelassen und leiden in der Folge häufig an Depressionen. Dabei brauchen sie eine strukturierte Nachsorge, Informationen und Orientierung.

Konsequente Therapie stellt die Weichen

Auch wenn die Patienten ihre Diagnose buchstäblich wie ein Schlag trifft, so stellt eine konsequente Therapie die Weichen für eine positive Prognose. So stehen 90 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu denen auch der Schlaganfall gehört, in Verbindung mit behandel- und beeinflussbaren Risikofaktoren. Wer beispielsweise auf Alkohol und Nikotin verzichtet, regelmäßig seine Medikamente nimmt, sich gesund ernährt und auf ausreichend Bewegung achtet, hat deutlich höhere Chancen, dass sich der Schlaganfall nicht wiederholt.

Es gibt noch viel zu tun, um die Ziele der Europäischen Schlaganfall-Organisation (ESO) zu erreichen, die im „Aktionsplan für den Schlaganfall 2018-2030“ festgeschrieben sind. So soll es eine lückenlose Behandlungskette geben, von der Vorbeugung bis hin zum Leben nach dem Schlaganfall. Nationale Strategien, so wird gefordert, sollen gesunden Lebensstil fördern, negative Umwelteinflüsse reduzieren und die Gesundheitserziehung verbessern. All das könnte bis 2030 die Anzahl der Schlaganfälle um mindestens zehn Prozent reduzieren. Diese Maßnahmen führen nur dann zum Ziel, wenn der aktiven Aufklärung der Betroffenen sowie der Therapietreue eine größere Bedeutung beigemessen wird – nicht nur zum Weltschlaganfalltag.

Hans Joachim von Büdingen ist als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie am Neurozentrum Ravensburg tätig, das 2014 von ihm mitgegründet wurde. Zuvor war er war 27 Jahre Chefarzt der Klinik für Neurologie am St. Elisabethen Klinikum in Ravensburg. Mit einem interdisziplinären Autorenteam widmet er sich auf https://schlaganfallbegleitung.de der digitalen Aufklärung zum Thema Schlaganfall.

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