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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Das Evidenz-Ökosystem CEOsys

Jörg Meerpohl ist Direktor von Cochrane Deutschland und wissenschaftlicher Koordinator von CEOsys
Jörg Meerpohl ist Direktor von Cochrane Deutschland und wissenschaftlicher Koordinator von CEOsys Foto: Uniklinikum Freiburg

In seiner letzten Stellungnahme fordert der Expert:innenrat der Bundesregierung zu COVID-19, eine bessere Kommunikation auf Basis des „besten verfügbaren Wissens“. Das COVID-19-Evidenz-Ökosystem CEOsys hat vorgemacht, wie man während einer Pandemie den Überblick über rasant wachsendes Wissen behält und den Stand der Evidenz zielgruppengerecht kommuniziert.

von Jörg Meerpohl

veröffentlicht am 08.02.2022

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Entscheidungen zu Gesundheitsfragen – von der individuellen Wahl des Kopfschmerzmedikaments bis zu staatlichen Corona-Maßnahmen – sollten stets auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft beruhen. So betont auch der Expert:innenrat der Bundesregierung zu COVID-19 in seiner Stellungnahme vom 30. Januar 2022 die Notwendigkeit einer besseren, evidenzbasierten Risiko- und Gesundheitskommunikation. Der Rat definiert dafür mehrere Bausteine, angefangen bei der „Generierung des besten verfügbaren Wissens“.

Diesen aktuellen Stand der wissenschaftlichen Evidenz geben am besten systematische Übersichtsarbeiten und andere Formen von Evidenzsynthesen wieder, die sämtliche verfügbare Evidenz aus Studien sammeln, kritisch evaluieren und zusammenfassen. Sie sind seit vielen Jahren ein Grundpfeiler der evidenzbasierten Medizin. In vielen Bereichen funktioniert dies auch sehr gut. Doch in Zeiten der Pandemie zeigt sich auch eine große Schwäche dieses klassischen Ansatzes: Er ist zu langsam.

Systematische Übersichtsarbeiten, (z.B. Cochrane Reviews) benötigten bisher oft mehrere Jahre von der Idee bis zur Veröffentlichung. Das reicht in einer akuten Pandemie nicht. Gleichzeitig erleben wir gerade eine wahre Flut von Publikationen zu COVID-19 – viele davon in aller Eile als Preprints veröffentlicht. Wie also soll man diese Studienflut sinnvoll in Evidenzsynthesen kanalisieren und dabei das Tempo noch erheblich anziehen?

Einen innovativen Ansatz hierfür verfolgt das COVID-19-Evidenz-Ökosystem (CEOsys), ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung über das Netzwerk Universitätsmedizin gefördertes Projekt, dessen Förderung Ende 2021 nach wenig mehr als einem Jahr Laufzeit auslief. In seiner kurzen Lebensspanne konnte das Ökosystem, an dem neben 20 Universitätskliniken auch Cochrane beteiligt war, wertvolle Erfahrungen generieren – mit Nutzen für ähnliche Projekten in aller Welt.

Die Idee hinter einem Evidenz-Ökosystem CEOsys: Evidenz aus wissenschaftlichen Studien identifizieren, bewerten und zusammenfassen, damit der Stand der Wissenschaft auch wirklich Entscheidungen im echten Leben unterstützen kann. Diesen Anspruch haben auch klassische Reviews. Doch CEOsys erstellt sogenannte „lebende Evidenzsynthesen“, die kontinuierlich beziehungsweise in sehr viel kürzeren Abständen durch neu erscheinende Evidenz ergänzt werden. Teil des CEOsys-Konsortiums ist auch das Institut für Medizinisches Wissensmanagement der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF-IMWi), unter dessen Koordination die Evidenz direkt in Leitlinien einging, auf die sich Medizin, Politik und Bevölkerung stützen können.

Unser Ziel war es, Entscheidungen auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen und damit den in Pandemiezeiten allgegenwärtigen Spekulationen und Meinungen die bestmögliche Evidenz entgegenzusetzen. Um die Ergebnisse auch wirklich „unter die Leute“ zu bringen, erarbeitete CEOsys zur jeweiligen Zielgruppe passende Kommunikationsformate, von einseitigen Kurzinformationen für Patient:innen bis hin zu ausführlichen Webinaren für Ärzt:innen über die aktuellen Leitlinien zur COVID-Therapie.

Wissenschaftliche Arbeitsweise von CEOsys

CEOsys hat eine Reihe besonderer Merkmale:

  • Enge Verzahnung von klinischer und methodischer Expertise: Das Team von CEOsys umfasst rund 100 Expert:innen aus unterschiedlichen Fachgebieten – von Ärzt:innen mit täglichem Kontakt zu COVID-Patienten bis hin zu Spezialist:innen für die Literatursuche. Das trägt dazu bei, dass unsere Evidenzsynthesen methodisch von höchster Qualität sind und wirklich diejenigen Fragen beantworten, welche Praktiker:innen am meisten beschäftigen.
  • Evidenzprofile in den Softwareplattformen MAGICapp und GRADEpro für ausgewählte Fragestellungen: Diese Plattformen ermöglichen eine Online-Evidenzanalyse, die besonders leicht um neu erscheinende Studienergebnisse ergänzt werden kann – ein zentraler Punkt für das Konzept eines lebenden „Evidenz-Biotops“.
  • Leitlinienentwicklung: Mit dem AWMF-IMWi als Partner stellten wir den engen Austausch mit den medizinischen Fachgesellschaften sicher. So fanden die Evidenzanalysen von CEOsys unmittelbar (also vorherige Fachpublikation) ihren Weg in die Fachgremien und gingen so sehr zeitnah in mehrere nationale Leitlinien ein (s.u.).
  • Evidenzlücken: Manchmal zeigt sich im Lauf einer Literatursuche schnell, dass es zu wichtigen Fragen der Pandemie noch kaum belastbare Evidenz gibt. Solche Evidenzlücken zu erkennen ist der erste Schritt, um sie schließen zu können. CEOsys sammelte Lücken systematisch und kommunizierte sie an die deutsche Forschungsförderung.
  • Aufbau von Kapazitäten: Innerhalb von CEOsys wurden je Fragestellung Kleinteams gebildet, die erfahrene und Nachwuchs-Kräfte aus Klinik und Methodik kombinierten. Intensive Diskussionen trugen dazu bei, die vorhandene Evidenz bestmöglich auszuwerten. Gleichzeitig konnten wir so die Basis an erfahrenen Forscher:innen und so die deutschen Kapazitäten für künftige Herausforderungen vergrößern.
  • Zielgruppenspezifischer Wissenstransfer: Von Anfang an war die Vermittlung der Erkenntnisse von CEOsys an alle relevanten Zielgruppen integraler Bestandteil des Projekts, dem sich eine eigenen Arbeitsgruppe widmete.

Wissenschaftliche Ergebnisse

In der kurzen Projektlaufzeit konnte CEOsys Evidenzanalysen für verschiedene evidenzbasierte Leitlinien in Kooperation mit dem AWMF-IMWI bereitstellen:

  • Am 8. Februar 2021 erschien zunächst die Kurzform der Leitlinie „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen“, im November dann die aktualisierte Langfassung. Die große Stärke dieser Leitlinie ist, dass neben klinischen Expert:innen auch Eltern, Lehrer:innen und andere Stakeholder eingebunden waren. Die Evidenzanalyse beinhaltet allerdings in erster Linie Modellierungsstudien und machte damit auf einen Mangel an empirischen Daten aufmerksam.
  • Ende Februar 2021 erschien die erste Version der S3-Leitlinie zur stationären Behandlung von COVID-19, die zu weiten Teilen auf CEOsys-Evidenz beruht. Diese lebende Leitlinie wurde im Frühjahr und Herbst 2021 auf Basis neuer CEOsys-Evidenzsynthesen aktualisiert.
  • Ende 2021 erschien eine dritte, zu weiten Teilen von CEOsys informierte Leitlinie, diesmal zur ambulanten Therapie von COVID-19.
  • Wissenschaftliche Publikationen: Evidenzanalysen von CEOsys gingen in eine Serie von Cochrane Reviews sowie weitere Publikationen in hochrangigen Forschungsjournalen ein (Stand Januar 2022: 36 Publikationen).
  • Wissenstransfer: Die Ergebnisse von CEOsys wurden auch in einer Reihe von Formaten wie Evidence Briefs oder Patient:inneninformationen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Im März und im Dezember 2021 veranstaltete CEOsys jeweils ein Webinar zur aktuellen Fassung der Therapie-Leitlinie, in dem namhafte Referent:innen die Empfehlungen erläuterten. Aufzeichnungen der Webinare stehen auf der CEOsys-Webseite zur Verfügung.
  • Einbindung von Patient:innen und Betroffenen: Dies gelang vor allem auf Ebene des Wissenstransfers. So befragte CEOsys sowohl ein Panel von Bürger:innen, als auch Krankenhauspersonal und niedergelassene Ärzt:innen zu ihren Informationsbedürfnissen in Bezug auf COVID-19. Dies half, wichtige Zielgruppen bedarfsgerecht zu adressieren.

„Lessons learned“: Erkenntnisse für diese und zukünftige Pandemien

CEOsys war ein komplexes, innovatives Projekt in einem extrem ambitionierten zeitlichen Rahmen. Innerhalb weniger Monate ist es gelungen, ein funktionierendes Team und eine Infrastruktur zu schaffen, das methodische Vorgehen abzustimmen und hochwertige Evidenzsynthesen für Leitlinien zu erarbeiten sowie die Ergebnisse für unterschiedliche Zielgruppen aufzubereiten und relevante Evidenzlücken aufzuzeigen. Das ist ein großer Erfolg, auf den wir stolz sind.

Es wäre höchst wünschenswert gewesen, die gute Zusammenarbeit von Methodikern und Klinikern längerfristig, zumindest bis zum Ende der Pandemie fortzusetzen – ein Ökosystem braucht Zeit, um seine Stärken ausspielen zu können. So oder so werden die Erfahrungen aus CEOsys aber Bedeutung behalten, auch über COVID-19 hinaus – als Blaupause für die nächste Pandemie, aber auch als Vorbild für Evidenz-Ökosysteme zu anderen Themen, um so die evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen weiter zu verbessern.

Professor Dr. Jörg Meerpohl ist Direktor von Cochrane Deutschland und leitet das Institut für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg. Er ist wissenschaftlicher Koordinator von CEOsys.

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