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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Die Unterversorgung mit Hörgeräten

Niklas Spichalsky ist Gründer von MySecondEar
Niklas Spichalsky ist Gründer von MySecondEar Foto: privat

Bis 2050 wird jeder Vierte weltweit unter Hörproblemen leiden. Das prognostiziert die WHO. Allein in Deutschland leben schon jetzt rund 16 Millionen Menschen mit Hörverlust. Doch nur knapp ein Fünftel von ihnen besitzt ein Hörgerät; viele schämen sich, andere scheuen die hohen Kosten. Niklas Spichalsky, Gründer des Berliner Hörakustik-Unternehmens MySecondEar, will dem begegnen: mit digitalen Technologien und optimierten Prozessen.

von Niklas Spichalsky

veröffentlicht am 13.12.2022

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Während des Drogerie-Einkaufs gleich noch ein Hörgerät mitnehmen – eine Möglichkeit, die diesen Herbst in den USA eingeführt wurde. Die sogenannten OTC-Hörgeräte können rezeptfrei in der Drogerie erworben werden – und das stark vergünstigt. So haben Betroffene, die sich zuvor keine Hörgeräte leisten konnten, die Chance, eines zu erwerben. Damit wurden auch hierzulande die Forderungen nach einer Reform des Hörgerätemarkts laut.

Laut einem aktuellen Bericht der WHO ist davon auszugehen, dass bis 2050 jeder Vierte weltweit unter Hörproblemen leiden wird. Schon jetzt leben in Deutschland schätzungsweise 16 Millionen Menschen mit Hörverlust. Hörgeräte helfen Betroffenen dabei, sich wieder im Alltag zurechtzufinden. Die Lebensqualität wird gesteigert, anderen Krankheiten, wie Demenz, vorgebeugt und die Träger fühlen sich wieder sicherer im Straßenverkehr.

Kaum einer trägt Hörgeräte

Umso erschreckender ist es, dass nur knapp ein Fünftel der Betroffenen ein Hörgerät besitzt. Gerade im Hinblick darauf, dass die Zahl der Schwerhörigen immer weiter steigt, ist ein Wandel dringend notwendig. Ohne Behandlung werden sie mit einigen Problemen konfrontiert. Mit Freunden einen spaßigen Abend verbringen? Klingt für viele normal, für Personen mit Hörschwäche wird es aber zur Herausforderung. Gesprächen zu folgen ist anstrengend, bei Witzen kann man nicht mitlachen, weil man sie nicht gehört hat, also isolieren sich Betroffene.

Menschen mit einer unbehandelten Schwerhörigkeit leiden im Alter in der Regel an Demenz. Neben den Problemen im sozialen Kontext kommen auch Schwierigkeiten im Berufsleben hinzu. Nicht zuletzt mit der Folge, dass Menschen mit Hörschaden im Schnitt nur 80 Prozent des Gehalts von Hörenden verdienen.

Hier stellt sich die Frage: Warum tragen so viele Betroffene trotz der gravierenden Folgen im Alltag kein Hörgerät? Das hat mehrere Gründe.

Undurchsichtige Preisstrukturen

Stigmatisierung: Der wohl offensichtlichste Grund ist die Stigmatisierung der Erkrankung. Noch immer denken viele an große fleischfarbene Geräte, die längst der Vergangenheit angehören. Außerdem verbinden viele einen Hörschaden mit dem Altern, dabei betrifft die Erkrankung auch immer mehr Jüngere.

Die Intransparenz des Marktes: Auch der Kauf eines Hörgerätes ist mit einigen Hürden verbunden. Zu welchem Akustiker gehe ich? Die Städte sind überflutet mit Läden. Gibt es Unterschiede zwischen den Anbietern? Ja, die gibt es. Jeder Anbieter setzt unterschiedliche Preise. Diese unterscheiden sich teilweise enorm, obwohl es sich um die gleichen Modelle handelt. Die Preisstruktur ist undurchsichtig. Das macht einen Vergleich ohne Beratung vor Ort fast unmöglich.

Fehlende Digitalisierung: Bei Problemen und Neu-Einstellungen der Geräte steht ein Besuch beim Akustiker an. Es gibt auch die Möglichkeit, dies digital aus der Ferne zu tun, wie MySecondEar zeigt. Diese Möglichkeit nutzen Akustiker aber bisher selten oder gar nicht. Und spätestens beim Kauf stößt man auf die vielleicht größte Hürde: Der hohe Preis für ein angemessenes Gerät. Einige Modelle kosten mehrere tausend Euro. Die Krankenkasse übernimmt davon nur etwa 1500 Euro. Betroffene müssen durchschnittlich Beträge von mehr als 2000 Euro aus eigener Tasche zahlen, manchmal sogar 6000 Euro und mehr. Ein Preis, den sich nicht jeder leisten kann.

Zeit, etwas zu ändern

Welche Veränderungen sind notwendig, damit mehr Menschen auf ein Hörgerät zurückgreifen?

1. Mehr Aufklärung. Kaum einer beschäftigt sich mit Dezibel-Grenzen und damit, wie schädlich zu laute Musik in Clubs oder Restaurants sein kann. Es braucht mehr Aufklärungskampagnen zu den Folgen und Schäden, die zu laute Musik und Lärm anrichten können. Das fehlt bisher. Schwerhörige finden sich in jeder Altersklasse unserer Gesellschaft. Sie sollten Teil der Gesellschaft sein und nicht isoliert werden. Nicht zuletzt deshalb muss das Stigma, das Hörschäden begleitet, verschwinden.

2. Eine Krankenkassen-Reform : Die Anforderungen an Kassengeräte oder der Zuschuss müssen erhöht werden. Betroffene sollten nicht auf schlechtere Geräte zurückgreifen müssen, nur weil sie sich die Zuzahlung nicht leisten können. Denn Gesundheit sollte nie eine Frage des Geldbeutels sein.

Jährliche Hörtests zur Vorsorge

3. Prävention: Mehr Anreize der Krankenkasse könnten auch dazu führen, dass Menschen nicht erst zehn Jahre zu spät ihre Schwerhörigkeit entdecken. Eine finanzierte Vorsorge durch jährliche Hörtests wäre zum Beispiel denkbar. Auch an Schulen könnten regelmäßige Hörtests angeboten werden. Eine große Hilfe wären auch Förderungen für Menschen mit Hörverlust, ob durch einen Schwerbehindertenausweis oder sogar Steuerreduktionen.

4. Mehr Transparenz: Preise könnten und sollten veröffentlicht werden, damit Betroffene sich einen Überblick verschaffen und Geräte vergleichen können. Immerhin handelt es sich bei Hörgeräten nicht um Luxusgegenstände, sondern um die Grundlage der Betroffenen für eine gute Lebensqualität.

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