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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Sind E-Zigaretten geeignet zur Tabakentwöhnung?

Wulf Pankow ist Internist und Pneumologe
Wulf Pankow ist Internist und Pneumologe Foto: Kathleen Friedrich

Studien, die zeigen sollen, dass E-Zigaretten und Verdampfer weniger schädlich sind, würden die komplexe Wirkung dieser Schadstoffe auf den menschlichen Organismus nicht berücksichtigen. Der Internist und Pneumologe Wulf Pankow, der die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin im Aktionsbündnis Nichtrauchen vertritt, hält E-Zigaretten für die Tabakentwöhnung ungeeignet.

von Wulf Pankow

veröffentlicht am 11.03.2022

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In einem Background-Interview vom 3. März warben Angestellte des Tabakkonzerns Philip Morris für E-Zigaretten. Mit dem Argument einer geringeren Gesundheitsschädlichkeit sollen Raucher zum Umstieg auf diese und andere neue Nikotinprodukte überzeugt werden, hieß es dort. Dazu gehören auch die Tabakerhitzer, deren prominentes Auftreten in der Straßenwerbung nicht zu übersehen ist. Die Tabakindustrie setzt damit auf ein neues Geschäftsmodell, um dem (erfreulichen) Rückgang des Tabakkonsums zu begegnen und sich neue Käuferschichten zu erschließen. Gleichzeitig will sie ihr Image als Produzent eines todbringenden Produkts loswerden, indem sie sich als Teil der Lösung präsentiert. Immerhin versterben in Deutschland immer noch annähernd 130.000 Menschen jährlich als Folge des Tabakrauchens.

„Harm-reduction“ heißt das Schlagwort, mit dem diese Produkte beworben werden. Das Konzept ist auf den ersten Blick einleuchtend. Der Suchtstoff Nikotin soll von den vielen toxischen Inhaltsstoffen des Tabaks getrennt werden und dennoch die Nikotinsucht befriedigen. Aus medizinischer Sicht sprechen mehrere Gründe dagegen. Zunächst ist Nikotin ein sehr starker Suchtstoff, der zumindest für Kleinkinder und Schwangere gesundheitsgefährlich ist. Jugendliche E-Zigarettenraucher steigen vermehrt auch Tabakzigaretten um. Umgekehrt bleibt beim Umstieg von Tabak- auf E-Zigaretten die Nikotinsucht bestehen. Langjährige Raucher sind aber nicht nur nikotinabhängig. Das Ritual des Inhalierens ist durch Lernprozesse fest verankert und wird aufrechterhalten. Auch weil der Tabak“genuss“ von den meisten Rauchern als deutlich befriedigender empfunden als der Konsum von E-Zigaretten, gelingt das Aussteigen mit der E-Zigarette in den meisten Fällen nicht. Es wird nebenher weiter Tabak geraucht. Man nennt das „dual use“. Untersuchungen haben auch nachgewiesen, dass ehemalige Umsteiger auf E-Zigaretten häufiger rückfällig werden, als diejenigen Raucher, die das Rauchen ganz eingestellt haben.

Irreführung durch Industrie

„Harm reduction“ ist auch aus einem anderen Grund ein irreführender Begriff. Die Tabakindustrie und auch einige Gesundheitsexperten bestreiten nicht die Gesundheitsrisiken an sich. Sie behaupten aber, E-Zigaretten seien 95 Prozent weniger gesundheitsschädlich als Tabak. Sie leiten dies aus Schadstoffanalysen des eingeatmeten Dampfs ab. Dabei wird aber die komplexe Wirkung dieser Schadstoffe auf den menschlichen Organismus nicht berücksichtigt. Viele experimentelle Untersuchungen haben schädliche Wirkungen auf die Lunge und das Herz-Kreislaufsystem nachgewiesen. Es gibt auch direkte Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Lungenkrankheiten wie Asthma und COPD. Da E-Zigaretten nicht lange genug auf dem Markt sind, können die Folgen eines vieljährigen Konsums bisher nicht abgeschätzt werden. Dies gilt besonders auch für Tabakerhitzer, für die nur wenige Industrie-unabhängige Forschungsergebnisse vorliegen.

Rauchende versuchen den Ausstieg meistens ohne Hilfsmittel. Sie scheitern häufig. Wenn mehrfache Versuche nicht erfolgreich waren, kann Nikotin helfen, den Suchtdruck für die erste Zeit zu lindern. Dabei waren E-Zigaretten im direkten Vergleich etwas erfolgreicher als Nikotinersatzpräparate wie Nikotinpflaster. Bevölkerungsstudien, die E-Zigaretten als Konsumentenprodukte in Bezug auf den Rauchstopp analysierten, haben diesen Vorteil nicht bestätigt. Daher werden E-Zigaretten und Tabakerhitzer von der WHO und den medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland mit Hinweisen auf Gesundheitsgefahren und unzureichende Wirksamkeit zur Tabakentwöhnung nicht empfohlen. Die Bewerbung dieser Produkte birgt auch die Gefahr, dass neue – besonders auch jugendliche – Käuferschichten nikotinabhängig gemacht werden. Wissenschaftlich gut untersucht und wirksam ist eine verhaltenstherapeutische Entwöhnung mit Unterstützung geprüfter Medikamente, wenn mehrfache Rauchstoppversuche erfolglos waren. In die Atemluft gehören keine „weniger schädlichen“ Stoffe!

Professor Dr. Wulf Pankow ist Internist und Pneumologe und war bis zur Berentung Chefarzt der Klinik für Innere Medizin – Pneumologie und Infektiologie im Vivantes Klinikum Neukölln. Er vertritt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin im Aktionsbündnis Nichtrauchen.

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