Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Von der Pandemie zur Therapie

Wolfgang Brysch
Wolfgang Brysch ist CEO von MetrioPharm Foto: MetrioPharm

Die aktuelle Debatte verzerrt den Blick: Dass wir nur ein Jahr nach Beginn der Pandemie Impfstoffe haben, ist eine unglaubliche Leistung der Pharmaforschung. Eine langfristige Corona-Strategie muss jetzt als zweite Säule die Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von Covid-19 in den Mittelpunkt rücken. Hier gelte es, an das Vorbild der Impfstoff-Entwicklungen anzuknüpfen, meint Wolfgang Brysch, CEO von MetrioPharm.

von Wolfgang Brysch

veröffentlicht am 06.04.2021

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Seit das Bundesgesundheitsministerium Ende Januar angekündigt hat, für 400 Millionen Euro monoklonale Antikörper zur Behandlung von Covd-19 zu beschaffen, ist die Aufmerksamkeit für Therapien von Covid-19 gestiegen. Noch immer aber gibt es kein zugelassenes Medikament oder Therapieverfahren, das gezielt für die Behandlung von Covid-19 entwickelt wurde. Dabei sind effektive Medikamente unerlässlich, um im weiteren Umgang mit der Pandemie nicht allein auf die Impfstoffe bauen zu müssen. Wir benötigen breit einsetzbare, sichere Medikamente, die vor einem schweren Verlauf bei Covid-19 schützen können.

Viele der bisher rund 2,4 Millionen Genesenen in Deutschland leiden an Spätfolgen, dem sogenannten „Long Covid“. Symptome wie anhaltende Müdigkeit, Muskel-, Brust- oder Kopfschmerzen sowie Geschmacks- und Geruchsverlust schränken die Betroffenen stark ein. Auch für sie gibt es bisher keine anerkannte Therapie.

Dabei wird es den einen Wirkstoff zur Behandlung aller Covid-19 bezogenen Erkrankungen nicht geben. Vielmehr brauchen wir zahlreiche, an unterschiedlichen Stellen ansetzende Therapeutika, sowohl für akute Symptome wie auch für Spätfolgen. Zu diesem Spektrum gehören Dexamethason für Intensivfälle ebenso wie monoklonale Antikörper, antivirale Medikamente und nicht zuletzt, Wirkstoffe, die einer starken Überreaktion des Immunsystems durch Hyperinflammation und Zytokinsturm entgegenwirken. 

Lernen von der Förderung der Impfstoff-Forschung

Die Impfstoff-Entwicklung in Deutschland ist mit Blick auf die staatliche Förderung ein positives Paradebeispiel. Zwischen den umfangreichen Förderungen für Impfstoffe und dem Investitionsumfeld für Entwickler von Covid-19-Medikamenten besteht hingegen eine erhebliche Unwucht. Der Erfolg der Impfstoff-Entwicklung in Deutschland fußt auf einer entschlossenen Förderung von Entwicklung und Produktion – in Deutschland alleine rund 750 Millionen Euro durch die Bundesregierung. Bei der Medikamentenentwicklung hingegen fehlt bisher ein vergleichbar starkes Signal. 

Dies spiegelt sich dann auch im privatwirtschaftlichen Engagement – etwa in den Zahlen des in Deutschland verfügbaren Risikokapitals für Biotech-Entwicklungen. Einer Studie der Beratungsfirma EY zu Folge wurden beispielsweise in den USA im letzten Jahr 12 Milliarden Euro an Risikokapital in die Biotech-Branche investiert. Deutsche Unternehmen erhielten dagegen mit nur 882 Millionen Euro weniger als acht Prozent dessen, was in die US Biotech-Branche floss.

Signale für Therapeutika setzen 

Es gibt inzwischen erste positive Anzeichen für eine intensivere Beschäftigung mit Behandlungsmethoden für Covid-19, beispielsweise die Förderung des Bundesforschungsministeriums zur Entwicklung von Medikamenten. Dieses Programm mit einem Volumen von 50 Millionen Euro ist eine erste gute Initiative zur Förderung der Entwicklung besserer Therapiemöglichkeiten für Covid-19. Für eine breite Beschleunigung der Entwicklung von Covid-19-Medikamenten bis hin zur Marktreife bedarf es aber mehr. Entsprechend zögerlich ist die finanzielle Unterstützung von Medikamentenentwicklungen in Deutschland auch durch private Investoren – es mangelt an einer entschlossenen Signalwirkung durch umfassende öffentliche Förderung.

Und es geht nicht allein um Signalwirkung durch finanzielle öffentliche Unterstützung. Ein nicht minder wichtiger gesellschaftlicher Schritt wäre die deutliche Artikulation einer klareren Covid-19-Strategie, die über den alleinigen Fokus auf Impfstoffe hinausreicht und die langfristige Relevanz von Therapien anerkennt. Allein damit würde die Bundesregierung einen Erwartungsrahmen mit Signalwirkung schaffen, der wiederum stärkere private Investitionen für die aufwendige Medikamentenforschung aktivieren könnte. 

Auch wenn es nach über einem Jahr Pandemie schwerfällt: Wir dürfen trotz allmählich steigender Impfzahlen jetzt nicht nachlassen. Wir müssen schwere Verläufe und Todesfälle auch da effektiv vermeiden, wo Impfungen nicht alle Menschen schützen und möglicherweise gegen neue Mutationen nicht wirken. Erst wenn effektive Therapien die Impfstrategie begleiten und absichern, werden wir dauerhaft Kontrolle über diese und auch mögliche zukünftige Pandemien erlangen.

Der Mediziner Dr. Wolfgang Brysch ist CEO von MetrioPharm, einem auf die Entwicklung von Therapien für chronische Entzündungserkrankungen fokussierten Pharmaunternehmen. Derzeit bereitet MetrioPharm eine Phase-II-Studie für den Wirkstoff MP1032 vor, der mit seiner entzündungshemmenden Wirkung auch gegen Corona-Erkrankungen helfen könnte. Vor der Gründung von MetrioPharm war Brysch in verschiedenen Führungspositionen bei Unternehmen der Biotech- und IT-Branche. Bis 1992 leitete er eine Arbeitsgruppe für molekulare Neurobiologie und Krebsforschung am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen.

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