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Gesundheit & E-Health

Standpunkt

Zeit für eine deutsche Männergesundheits-Strategie

Doris Bardehle, Koordinatorin des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Männergesundheit
Doris Bardehle, Koordinatorin des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Männergesundheit Foto: Markus Nowak

Die Impulse der WHO in Sachen Männergesundheit für Europa sollten in Form einer nationalen Strategie weiterentwickelt werden, fordert Doris Bardehle, Koordinatorin des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Männergesundheit. Und an der Erarbeitung dieser Strategie müssten die im Bundestag vertretenen Parteien beteiligt werden.

von Doris Bardehle

veröffentlicht am 10.12.2021

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Gegen Ende des Jahres werden Männer und ihre Gesundheit innerhalb weniger Wochen gleich mehrfach mit besonderen Aktionstagen bedacht. Nach dem 3. November, dem Weltmännertag, findet am 19. November der Internationale Männertag statt, der ebenfalls die Aufmerksamkeit auf die Männer- und Jungengesundheit richten soll. Darüber hinaus hat die Stiftung Männergesundheit den 10. Dezember zum Tag der ungleichen Lebenserwartung ausgerufen. Männer haben eine deutlich geringere Lebenserwartung als Frauen. Der Unterschied beträgt aktuell noch immer 4,8 Jahre. Auf ein Jahr gerechnet würde das Leben von Frauen also in der Silvesternacht enden, das der Männer aber schon am 10. Dezember.

Seit im Jahre 2005 das Netzwerk für Jungen- und Männergesundheit sowie 2006 die Stiftung Männergesundheit gegründet wurden, versuchen verschiedene Akteure, der Männergesundheit zu einer stärkeren öffentlichen Aufmerksamkeit zu verhelfen. Dazu zählen vier Männergesundheitsberichte, die von der Stiftung Männergesundheit herausgegeben wurden, ein Männergesundheitsbericht des Robert Koch-Instituts, seit 2012 das Männergesundheitsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sowie Männergesundheitskonferenzen und Kampagnen sowohl zur jährlichen internationalen Männergesundheitswoche im Juni als auch zum Tag der ungleichen Lebenserwartung vom 19. November bis 10. Dezember.

Das Bundesgesundheitsministerium verkündete im Jahr 2020 auf der 5. Männergesundheitskonferenz, dass eine Männergesundheitsstrategie auf der Basis der WHO-Europa-Dokumente von 2018 avisiert sei.

Übersterblichkeit von 83 Prozent der Männer 

Warum ist Männergesundheit so in den Fokus gerückt? Durch die zunehmende genderspezifische Ausrichtung der gesundheitlichen Versorgung wird immer offensichtlicher, dass soziale und genderspezifische gesundheitliche Determinanten die Unterschiede in der Krankheitslast zwischen Männern und Frauen bestimmen. Ein Kriterium ist die vorzeitige Sterblichkeit im Alter unter 70 Jahre. Im Jahr 2018 betrugen die Raten der Männer 280,4 je 100.000 der männlichen Bevölkerung von 0 bis 69 Jahre, die der Frauen 153,50. Das entspricht einer Übersterblichkeit von 83 Prozent der Männer gegenüber den Frauen. Betrachten wir die Sterblichkeit aller Altersgruppen, dann liegt die Übersterblichkeit der Männer bei 53 Prozent. Demzufolge liegt das Hauptproblem bei den Männern im arbeitsfähigen Alter. Die Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von Diabetes, von chronischen Lungenerkrankungen, von bösartigen Neubildungen und von Abhängigkeitserkrankungen und zunehmend von psychischen Erkrankungen haben einen besonderen Stellenwert, weil Morbidität und Mortalität von Männern höher als bei Frauen sind. In der Corona-Pandemie zeigt sich ebenfalls eine höhere Sterblichkeit von Männern. 2020 hatten wir einen Anstieg bei den Suiziden auf 2.262 bei den Frauen und 6.944 bei Männern – mit einer Übersterblichkeit der Männer um das 3,2-fache gegenüber Frauen.

Ausgehend von diesen Fakten wurde von einer Arbeitsgruppe, bestehend aus Experten des Netzwerkes für Jungen- und Männergesundheit, dem Bundesforum Männer und der Stiftung Männergesundheit im August 2021 das Manifest „Es ist Zeit für eine deutsche Männergesundheitsstrategie“ erarbeitet.

Eine nationale Männergesundheitsstrategie wird auch Frauen und Familien nutzen. Sie sollte Teil einer Gendergesundheitsstrategie sein. Dazu wurden Anforderungen an die Bundesregierung und erste Schritte formuliert.

Zu den ersten Schritten sollten zählen:

  • die Impulse der WHO-Europa-Männergesundheitsstrategie von 2018 für Europa aufzunehmen und in Form einer nationalen Strategie weiterzuentwickeln;
  • die im Bundestag vertretenen Parteien sollten an der Erarbeitung einer Männergesundheitsstrategie beteiligt werden;
  • in einem nationalen Zentrum für Gendergesundheit könnte die Vernetzung von Forschung und Praxis stattfinden;
  • eine männerbezogene Gesundheitsbildung kann zur Erhöhung der Gesundheitskompetenz beitragen;
  • erfolgreiche Projekte sollten unbedingt in die Praxis überführt werden.

Das Manifest „Es ist Zeit für eine deutsche Männergesundheitsstrategie“ steht hier zum Download zur Verfügung. 

Professorin Doris Bardehle ist Koordinatorin des Wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Männergesundheit und Mitglied des Kuratoriums von Global Action of Men`s Health (GAMH). 

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