Standpunkt Die Luftfahrt muss sich radikal ändern

Die Zahl der Fluglinien, die einen Teil ihrer Emissionen mit Investitionen in den Klimaschutz kompensieren wollen, steigt. Billigflieger Easyjet will sogar alle Flüge ausgleichen – was aber weniger als 30 Millionen Euro pro Jahr kosten soll. Geht das überhaupt? Im Standpunkt antwortet Deutschlandchef Stephan Erler auf die Kritiker.

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Mitte November hat Easyjet als erste große Airline weltweit angekündigt, alle Flüge „mit Netto-Null-Emissionen“ durchführen zu wollen und die durch Treibstoffverbrauch verursachten CO2-Emissionen aller Flüge auszugleichen. Für diese Initiative haben wir teils Lob, teils kritische Reaktionen erhalten, vor allem aber auch haben wir Fragen aufgeworfen. Warum jetzt? Was bringt CO2-Kompensation überhaupt? Seid ihr damit nun klimatechnisch aus dem Schneider?

Nicht nur das anhaltende Passagierwachstum stellt die Luftfahrtindustrie vor die Aufgabe, die ökologischen Herausforderungen anzugehen und die Umweltauswirkungen der Luftfahrt zu reduzieren. Sowohl auf europäischer und nationaler Ebene als auch von der Luftfahrtindustrie selbst werden bereits erhebliche Investitionen getätigt, um die Umweltauswirkungen der Branche zu bewältigen. Dies zeigt beispielsweise ein Blick auf die CO2-Bilanz von Airlines, die in der Branche häufig als CO2-Ausstoß pro Personenkilometer aufgeführt wird.

Wenn wir uns den CO2-Ausstoß pro Personenkilometer im Jahr 2019 ansehen, so betrug dieser 77,07 Gramm bei Easyjet – ein Drittel (33,67 Prozent) weniger als im Jahr 2000. Und wir arbeiten daran, ihn weiter zu senken. Obwohl also dank verschiedener Maßnahmen und Innovationen bereits Verbesserungen der Umweltbilanz erzielt werden konnten, können diese nicht mit der steigenden Nachfrage mithalten und die Luftfahrtindustrie muss sich radikal ändern.

Die Kompensation von CO2-Emissionen ist dabei ein Mittel, um dem Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre entgegenzuwirken – auch wenn das nicht gleichbedeutend ist mit der Reduzierung von Emissionen.

Das Versprechen: „Unabhängige, externe Prüfung“

Um die CO2-Emissionen aus dem Verbrauch von Flugtreibstoff auszugleichen, unterstützt Easyjet internationale Klimaschutzprojekte. Die ausgewählten Projekte lassen sich in naturbasierte Projekte, Projekte rund um erneuerbare Energien sowie  Gemeinschaftsprojekte unterteilen. Die Auswahl dieser Projekte erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Climate Focus und es werden nur Programme in Erwägung gezogen, die entweder dem Gold Standard oder dem Verified Carbon Standard (VCS) entsprechen, die weltweit anerkannt und für ihre Standards der Kompensation respektiert werden.

Die Verifizierung der Projekte beginnt mit der Validierung der Konzeption eines Projekts (Waldschutz- und Wiederaufforstungsprojekte, Solarenergieanlagen, Programme für energieeffiziente Kochöfen usw.) anhand der strengen Kriterien der renommierten CO2-Standards, u. a. Additionalität, Dauerhaftigkeit und Darstellung des Referenzszenarios. Die Validierung wird von einer unabhängigen, externen Prüfinstitution durchgeführt. 

So wird durch die Zertifizierung der Projekte unter anderem sichergestellt, dass die Klimaschutzmaßnahmen zusätzlich sind, dass also die von den einzelnen Programmen ausgewiesenen CO2-Reduktionen ohne das jeweilige Projekt nicht stattgefunden hätten. Diese sogenannte Additionalität ist ein Schlüsselkriterium, durch das sichergestellt wird, dass nur solche Projekte unterstützt werden, die anders nicht wirtschaftlich tragbar wären und die nicht bereits auf anderem Weg gefördert werden. Die Zertifizierung der Projekte bestätigt außerdem, dass die Klimaschutzaktivitäten der Projekte nicht andernorts zu einem unbeabsichtigten Anstieg von Emissionen führen können.

Die im Rahmen der Projekte tatsächlich erzielten Emissionseinsparungen werden regelmäßig gemessen und durch unabhängige, international anerkannte Prüfinstitutionen wie SGS oder TÜV bestätigt.

„Freiwillig und ohne zusätzliche Kosten für unsere Fluggäste“

Insgesamt investiert Easyjet einen Betrag von knapp 30 Millionen Euro im aktuellen Geschäftsjahr in die ausgewählten Klimaschutzmaßnahmen. Diese Investition leisten wir freiwillig und ohne zusätzliche Kosten für unsere Fluggäste. Im Hinblick auf die Finanzierung des Kompensationsprogramms wurde uns verschiedentlich entgegengehalten, dass die Kosten pro Tonne der von uns bezogenen Emissionsminderungsnachweise gering seien.

Dazu ist anzumerken, dass im Rahmen großumfänglicher Kompensationsinitiativen, wie wir sie durchführen, massive Skaleneffekte auftreten. So werden wir durch unsere Kompensationsaktivitäten schätzungsweise einen Anteil von zehn Prozent am Markt für freiwillige Kompensationen haben. Dies unterstreicht das Ausmaß unseres Engagements, und ein kosteneffizienter CO2-Ausgleich bedeutet nicht, dass er weniger effektiv ist, solange er auf das Ziel einzahlt, für jede Tonne an verursachten CO2-Emissionen die Freisetzung eine Tonne CO2 zu verhindern beziehungsweise sie der Atmosphäre zu entziehen.

Wir sind uns alle einig, dass wir mit dem CO2-Ausgleich nicht aus dem Schneider sind und er nur eine Übergangsmaßnahme sein kann, während neue, innovative Technologien entwickelt werden, einschließlich der Entwicklung von Hybrid- und Elektroflugzeugen, um den Luftverkehr langfristig neu zu erfinden und zu „dekarbonisieren“.

Daher prüfen wir auch andere Alternativen und sprechen derzeit mit Partnern wie Airbus, Wright Electric, Rolls Royce und Safran über neue Entwicklungen und prüfen neue Technologien, um den CO2-Fußabdruck des Fliegens radikal zu reduzieren. Wenn diese Technologien ausgereift sind und für den Personenverkehr zur Verfügung stehen, können wir unsere CO2-Emissionen drastisch reduzieren und dadurch auch den Umfang unserer CO2-Kompensation zurückfahren.

Wir können das alles allerdings nicht alleine umsetzen. Wir brauchen Unterstützung. Die Politik muss Anreize für alle Beteiligten im Luftfahrtsektor schaffen, einschließlich Fluggesellschaften, Flughäfen und Herstellern, so effizient wie möglich zu operieren und Investitionen in Forschung und Entwicklung tätigen.

Stephan Erler ist Country Manager Deutschland bei der britischen Fluglinie Easyjet mit Sitz in Berlin, dem zweitgrößten Drehkreuz der Airline nach London-Gatwick. Am heutigen Dienstag will das Unternehmen seine neuen Geschäftszahlen vorlegen.

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