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Verkehr & Smart Mobility

Standpunkt

Was unser Verhalten wirklich kostet

Daniel Schröder, Mobilitätsexperte am Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik der Technischen Universität München
Daniel Schröder, Mobilitätsexperte am Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik der Technischen Universität München Foto: promo

Ist der ÖPNV tatsächlich chronisch defizitär und der Individualverkehr Ausdruck des freien Marktes? Eine aktuelle Studie bewertet die internen und externen Kosten aller Verkehrsmittel in München. Die Ergebnisse sind auch für die Ampel-Koalition interessant.

von Daniel Schröder

veröffentlicht am 16.12.2022

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Die Debatte zur Zukunft unserer Mobilität ist immer auch eine Frage der Kosten. Neun-Euro- oder 49-Euro-Ticket, Spritbreisbremse oder nun der Koalitionsstreit um Autobahn- und Schienenausbau. Die eigentlichen Gesamtkosten für Mobilität – nicht nur die individuellen Kaufpreise für Bürger oder die Investitionshöhe für Infrastruktur für den Staat – sind dabei bislang kaum bekannt. Eine neue Studie des Zukunftsclusters MCube aus der Technischen Universität München heraus bringt erste umfassende Ergebnisse. 

Wir haben alle Verkehrsmittel im urbanen München hinsichtlich ihrer sogenannten internen und externen Kosten bewertet.

Interne Kosten berücksichtigen dabei alle Kosten, die ich als Nutzer direkt oder indirekt zahle, wenn ich mobil bin. Dazu zählen sowohl der zu zahlende Preis für den öffentlichen Nahverkehr oder Sharing-Dienste als auch jegliche Kosten, die der Nutzer eines privaten Autos oder Fahrrads selbst zahlt. Ganz nach dem Prinzip: „Caused by user, payed by user“. 

Externe Kosten hingegen entstehen immer dann, wenn der Konsum eines Produkts – in diesem Fall Mobilitätsverhalten – Kosten bei anderen Personen verursacht, die nicht im Preis enthalten sind. Kurz: „Caused by user, payed by others“. Beispielsweise die Bereitstellung von Fahrradwegen, Autostraßen oder U-Bahnstationen – Güter, für die ich nicht direkt zahle. 

Externe Kosten aus vielfältigen Bestandteilen

Die neueste Studie mit dem Titel „Ending the myth of mobility at zero costs: An external cost analysis“ wirft einen transparenten Einblick auf die wahren Kosten der Mobilität und hilft dabei, das Mobilitätsbewusstsein der Nutzer durch umfängliches Wissen zu stärken. Darin haben wir umfangreiche Methoden entwickelt, die auf jeden urbanen Raum der Welt anwendbar sind. Erste Ergebnisse wurden nun mit Hilfe einer umfangreichen Datenbasis aus dem Cluster für den urbanen Raum München erzeugt. 

Die externen Kosten setzen sich dabei aus verschiedenen Bestandteilen zusammen, die Kosten in der Gesellschaft verursachen. Dazu gehören Luftschadstoff-, Klima-, Lärm-, Flächennutzungs-, Stau-, Unfall- und Barriere-Kosten. 

Luftschadstoffe durch lokale Emissionen wie NOx oder Kohlenstoffpartikel verursachen sowohl Kosten durch gesundheitlichen Schaden in der Bevölkerung, als auch nicht-gesundheitliche Schäden wie Ernteverluste, Sachschaden oder Biodiversitätsverlust. 

Klimakosten, hervorgerufen durch Treibhausgase wie CO2, entstehen durch den Schaden ausgelöst durch den Klimawandel. Lärmkosten berücksichtigen zum einen gesundheitliche Beeinträchtigungen durch mentalen Stress für Anwohner, aber auch Verluste durch reduzierte Produktivität in anliegenden Bürogebäuden. 

Flächennutzungskosten beinhalten die Kosten für Infrastruktur des fließenden (Schiene und Straße) und stehenden Verkehrs (Parkplätze) sowie Opportunitätskosten der verbrauchten Flächen. Staukosten entstehen durch den Wert der verlorenen Zeit im Stau oder beim ÖPNV durch Verspätungen. 

Unfallkosten setzen sich wiederum aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Dazu gehören die direkten Kosten wie der medizinischen Behandlung der Verletzten und dem Krankentransport, als auch die indirekten Kosten zur generellen Bereitstellung der Notdienste.

Auf Autos entfallen 80 Prozent aller externen Kosten

Alle diese Bestandteile sind unterschiedlich stark für die einzelnen Verkehrsmittel ausgeprägt. Während beim Pkw die Klimakosten, Staukosten und Flächennutzungskosten dominieren, sind es bei den aktiven Verkehrsmitteln (Fahrrad, Fußgänger) die hohen Unfallkosten, die den Hauptkostentreiber darstellen. Beim ÖPNV sind Verspätungen und Kosten für die Infrastruktur die größten Faktoren.

Wo liegen nun aber für die Gesellschaft die größten Einsparpotenziale? Ist der ÖPNV tatsächlich chronisch defizitär und der Individualverkehr Ausdruck des freien Marktes?

Schaut man alle externen Kosten an, zeigt sich, dass alleine in München alle Benzin- und Diesel-Autos fast 80 Prozent aller externen Mobilitäts-Kosten verantworten. Kosten, die nicht die Besitzer, sondern die gesamte Gesellschaft tragen. Die restlichen 20 Prozent der Kosten werden durch Fahrräder, Busse, Fußgänger, Elektroroller und weitere zusammen verursacht.

Will man diese Kosten nun reduzieren, zeigt sich ebenfalls ein eindeutiges Bild: Durch die einfache Umstellung auf Elektroautos spart die Gesellschaft beim aktuellen Strommix lediglich elf Prozent an externen Kosten pro Personenkilometer ein. Ein Wechsel zum Fahrrad schafft hingegen 58 Prozent Einsparungen und beim Wechsel auf die U-Bahn sind es sogar 75 Prozent. Anders gesagt, wenn ein einziges Benziner-Auto die Gesellschaft 100 Euro für die Fahrt für eine bestimmte Strecke kostet, kostet ein Elektroauto für die gleiche Strecke 89 Euro, ein Fahrrad 42 Euro und eine U-Bahn nur 25 Euro.

Objektive Informationen für Bürger und Politik 

Was sagt uns das Ganze? Zum einen gibt es den Nutzern der Verkehrsmittel zusätzliche Informationen und Transparenz für die Wahl des Mobilitätsverhaltens. Der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad oder auf den ÖPNV spart nicht nur direkt im eigenen Geldbeutel. Es senkt den CO2-Ausstoß, vermeidet Flächenverbrauch, und senkt die Gesundheitskosten – und all das sind nicht nur abstrakte gesamtgesellschaftliche Faktoren, sondern real entstehende Kosten für jeden von uns.

Zum anderen hilft es der Politik, gute Entscheidungen zu treffen. Schaut man sich den aktuellen Koalitionsstreit zum Ausbau der Schiene und von Autobahnen an, bringt hier ein Blick auf die tatsächlichen Kosten mehr Objektivität in die Diskussion. Es zeigt sich, dass erstens jedes Mobilitätsverhalten viel höhere Kosten verursacht, als bislang bekannt. Kosten, die dem Steuerzahler und der Steuerzahlerin völlig unbewusst auferlegt werden. Es zeigt zweitens aber auch große Unterschiede dieser tatsächlichen Kosten zwischen den einzelnen Mobilitätsoptionen. 

Jeder gefahrene Kilometer mit dem Auto kostet die Gesellschaft mehr als doppelt so viel wie ein gefahrener Kilometer mit dem ÖPNV. Das bedeutet, der Ausbau aktiver Mobilität sowie des ÖPNV in Deutschland schont nicht nur das Klima, es entlastet unser aller Portemonnaie.

Der Autor ist Research Associate im Zukunftscluster MCube.

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