Digitale Verwaltung : Künstliche Intelligenz: Was Verwaltungen von der Plattformökonomie lernen können
Mit dem Projekt F13 testet Baden-Württemberg seit 2021, wie generative KI die Verwaltung effizienter machen kann – nicht als isolierte Insellösung, sondern als offene Plattform. Der Ansatz erinnert an App-Stores: klare Standards, schnelle Integration, offene Ökosysteme. Warum das mehr ist als ein Technikspiel – und wie es helfen soll, Abhängigkeiten von Big Tech zu vermeiden.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Im Innolab BW, dem Innovationslabor der Landesregierung Baden-Württemberg, wird seit 2021 der Nutzen generativer Künstlicher Intelligenz (KI) für die Verwaltung erprobt. Hierfür wurde eine KI-Assistenz zunächst als Prototyp, später als Vollprodukt und inzwischen als Open-Source-Software entwickelt. Der Name des Systems lautet „F13“. Er spielt auf eine fiktive dreizehnte Funktionstaste auf der Tastatur an, die schnelle Hilfe in den Berufsalltag der Beschäftigten bringen soll.
Nachdem F13 zunächst als Pilotprojekt ausgestaltet war, hat es sich technisch und strategisch über die letzten 18 Monate erheblich weiterentwickelt. Es stellt inzwischen eine moderne Sammlung von Anwendungen und Diensten dar, die serviceorientiert und modellagnostisch entwickelt wurde.
Rückblick – „Die guten alten Tage“
In den 1990ern war das Internet eine bunte Baustelle voller Entdeckergeist, später überschwemmten CDs unsere Schreibtische – bis Apps und zentrale Marktplätze kamen und alles auf wenige Plattformen konzentrierten. Diese Entwicklung hin zu starker Zentralisierung prägt längst auch andere digitale Bereiche.
Natürlich steht es jedem frei, Apps außerhalb der großen Stores von Google oder Apple zur Verfügung zu stellen. Faktisch wird sich damit aber kein kommerzieller Erfolg einstellen.
Natürlich steht es jedem Hotelier frei, nur in der örtlichen Tageszeitung zu inserieren, aber auch dort wird sich oft kein kommerzieller Erfolg mehr realisieren lassen.
Natürlich steht es jedem frei, nicht auf den großen Plattformen seine Waren zum Verkauf anzubieten, aber... Sie wissen schon: Der wirtschaftliche Erfolg.
In einer Welt digitaler Güter ist es einigen Unternehmen gelungen, nicht nur eine starke Stellung auf dem Markt innezuhaben, sondern direkt selbst zum Markt zu werden. In diesem fundamental relevanten Prinzip steckt durchaus eine Lehre für die Verwaltungsdigitalisierung.
KI als Atom der Digitalisierung
Seit Beginn meiner Arbeit mit KI im öffentlichen Sektor im Jahr 2018 hat sich für mich eines sehr deutlich herauskristallisiert: KI sollte in ihren einzelnen Facetten wie eine kleinste Einheit betrachtet werden, die bei einem enorm engen Anwendungsbereich, gleichwohl einen enorm großen Nutzen haben kann.
Um das an einem ersten Beispiel zu beleuchten, betrachten wir die sogenannte Diesel-Klagewelle, also die Klagen infolge manipulierten Abgasverhaltens bei Dieselmotoren diverser Hersteller. Die Klagen brachten die Justiz an ihre Grenzen: Die Masse an Verfahren überflutete die Gerichte, der Personaldeckungsgrad sank dramatisch, und doppelt so viele Richter hätten gebraucht werden können. Trotzdem gelang es, in der Berufungsinstanz mit KI hervorragende Ergebnisse zu erzielen – ein hoher Nutzen für einen kleinen Kreis an Richtern bei einem Thema von großer gesellschaftlicher Relevanz.
Ein weiteres Beispiel ist die Metadatenvergabe in elektronischen Akten: eine monotone, zeitaufwändige Aufgabe, die heute noch manuell erledigt wird. KI könnte diesen Prozess künftig übernehmen und so die Effizienz massiv steigern. Die Lehre aus beiden Fällen: Selbst kleine KI-Lösungen können große Wirkung entfalten – auch bei überschaubaren Nutzerzahlen.
Programme, die zu Apps wurden
Die Erfolge der großen App-Stores mit ihren jeweils rund zwei Millionen Apps für jede noch so kleine Lebenslage sind vor diesem Hintergrund einen Blick wert. Denn F13 soll werden, was App-Stores für Smartphones sind: ein offenes, standardisiertes Ökosystem, das Innovation erleichtert und KI flexibel in Verwaltungsprozesse integriert. Der Blick auf die App-Stores zeigt, warum: Klare technische Vorgaben und einfache Nutzung haben weltweit Millionen Anwendungen hervorgebracht – ein Prinzip, das auch für Verwaltungs-KI zum Schlüssel werden könnte.
Denn die beiden großen App-Stores legen exakt fest, welche technischen und betrieblichen Anforderungen für die Entwicklung einer App gelten. Jeder Entwickler auf der Welt kann klar dokumentiert nachlesen, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit eine App auf jedem Gerät weltweit genutzt werden kann. Ohne langwierigen Abstimmungsprozesse, und schon gar nicht unter menschlicher Beteiligung.
Zweitens schaffen App-Stores einfache Monetarisierungsmöglichkeiten – allerdings zu hohen Provisionen und unter der Prämisse, dass außerhalb dieser Plattformen kaum noch ein Markt existiert. Nur Open-Source-Alternativen wie F-Droid bieten etwas Unabhängigkeit.
Daraus folgt eine einfache Erkenntnis: Wir müssen die Art und Weise der Entwicklung von KI-Funktionalitäten für die Verwaltung festschreiben und öffentlich dokumentieren, um einen echten Markt zu etablieren, bei dem Innovation der Verwaltung in einer Form proaktiv angeboten werden kann, die einen schnellen Echtbetrieb ermöglicht.
Und da die Plattformökonomie nur dann souverän und selbstbestimmt für die Verwaltung umgesetzt werden kann, wenn Sie nicht ausschließlich kommerziellen Interessen dient, müssen wir die Verwaltung als Plattform selbst erfinden. So verhindern wir proaktiv, vom kommerziellen Interessen der Plattformökonomie vereinnahmt zu werden und bewahren dauerhaft unsere Souveränität. Denn darauf zielen „Cloud-only“-Initiativen der Hersteller letzten Endes ab: Ein Wohlfühl-Ökosystem zu schaffen, das sich selbst zum Markt erhebt und am Ende kaum noch verlassen werden kann.
Weg vom Silodenken
Einen ersten Schritt zu einer Plattformökonomie der Verwaltung sind wir mit Partnerinnen und Partnern aus ganz Deutschland und darüber hinaus bereits gegangen und haben mit F13 unsere Standards und grundlegenden „Apps“ öffentlich gemacht. Es wird dabei deutlich: Jetzt gilt es, das Ökosystem mit Leben zu füllen, schnell weitere Funktionalitäten bereitzustellen und eine tiefere Integration in Bestandssysteme umzusetzen.
F13 steht deshalb für mehr als Open-Source-Apps: Es ist ein gemeinsames Fundament, auf dem Zusammenarbeit neu gedacht wird, Silos verschwinden und Parallelentwicklungen vermieden werden. So entsteht eine souveräne Plattformökonomie für Verwaltungs-KI – nicht in endlosen Diskussionen, sondern durch sofort wirksame Aktionen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden