Software : Standardisiert statt improvisiert: Ein lebender Baukasten für die Verwaltungsdigitalisierung
Bei der Entwicklung digitaler Fachverfahren wird häufig derselbe Prozess durchlaufen. Was fehlt, ist eine gemeinsame Basis, auf der sich Verwaltungssoftware effizient, einheitlich und zugänglich entwickeln lässt, findet Simon Hesse vom ITZ Bund. Er hat ein barrierefreies Designsystem entwickelt, das die Verwaltungsdigitalisierung beschleunigen soll.
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Wer heute ein digitales Fachverfahren entwickelt, sieht sich mit einer Vielzahl wiederkehrender Fragen konfrontiert: Müssen wir eine eigene Design Library entwickeln? Müssen wir eine eigene Development Library aufbauen? Wie wird die Anwendung barrierefrei?
Diese und viele andere Fragen werden meist isoliert beantwortet. Jedes Projekt beginnt mit individuellen Design-Workshops, eigenen Architekturentscheidungen, neuen Styleguides. Das Resultat: Redundante Entwicklungen, uneinheitliche Erlebnisse für die Nutzenden und eine Digitalverwaltung, die sich anfühlt wie ein Flickenteppich.
Darüber hinaus verlieren die Projekte viel Zeit und Geld für den Aufbau von Werkzeugen, die sie benötigen, um die tatsächlichen Herausforderungen für die Nutzenden zu lösen. Was fehlt, ist eine gemeinsame Basis, auf der sich Verwaltungssoftware effizient, einheitlich und zugänglich entwickeln lässt. Genau hier setzt Desybri an.
Ein Fundament für digitale Verwaltungslösungen
Desybri steht für „Design System für die Barrierefreiheit“. Es ist ein im ITZBund erstellter modularer Baukasten, der wiederverwendbare UI-Komponenten, einheitliche Gestaltungsrichtlinien und systematische Qualitätssicherung vereint. Im Kern basiert es auf dem Atomic-Design-Prinzip, das Benutzeroberflächen in skalierbare Bestandteile zerlegt – von „Protonen“ (Farben, Icons) über vollständige Templates für Seitenlayouts bis hin zu vollumfänglichen Interaktionsmustern sogenannte „Patterns“.
Diese Bausteine liegen in einer Design Library in Figma sowie in einer React-basierten Development Library vor. Diese fußt auf Kolibri (Komponentenbibliothek für die Barrierefreiheit des ITZ Bunds), bietet darüber hinaus jedoch ein vielfach erweitertes Set an Komponenten, Mustern und logischen Funktionen – gezielt für die Anforderungen komplexer Fachverfahren. Ergänzt wird das System durch Qualitätskriterien in Form von drei einfachen Checklisten, die die Qualität der Software auf Barrierefreiheit, Usability und UX Writing überprüft. Als gemeinsames Fundament dient der „hybride Design- und Entwicklungsprozess“, der Design Thinking, menschenzentriertes Design und agile Entwicklungsmethoden kombiniert. Das Ziel: Moderne Anwendungen, die schnell entstehen – und von Anfang an für alle gedacht sind.
Drei Hebel für eine nachhaltigere Digitalisierung
1. Standardisierung durch Nachnutzung
Desybri ermöglicht es, einmal entwickelte Lösungen systematisch nachzunutzen – über Projektgrenzen hinweg. So wird nicht nur gestalterische Konsistenz erreicht, sondern auch technische Effizienz. Projektteams müssen sich nicht mehr mit Grundsatzfragen aufhalten, sondern können direkt mit der Umsetzung spezifischer Anforderungen beginnen. Das entlastet Ressourcen und verbessert die Anschlussfähigkeit zwischen Verfahren.
2. Qualität durch frühe Beteiligung der Nutzenden
Gute digitale Verwaltungslösungen entstehen nicht im Elfenbeinturm, sondern im engen Austausch mit denen, die sie nutzen – Bürger:innen und Verwaltungsmitarbeitende. Das Designsystem verankert diese Perspektive systematisch: Iterative Nutzendentests sind integraler Bestandteil des Designprozesses. Sie ermöglichen frühzeitige Korrekturen, verhindern teure Nachbesserungen und senken die Notwendigkeit aufwendiger Schulungen.
3. Barrierefreiheit als Designprinzip – nicht als Nacharbeit
Trotz gesetzlicher Vorgaben wird Barrierefreiheit in Digitalprojekten der Verwaltung oft zu spät berücksichtigt. Dabei ist sie kein Randthema, sondern Grundvoraussetzung für eine inklusive Gesellschaft. Das Designsystem integriert Barrierefreiheit von Anfang an: über dokumentierte Standards, Checklisten auf Basis der BITV und internationale Normen sowie die konsequente Orientierung an den höchsten Konformitätsstufen „AAA“ der WCAG. Das spart Aufwand, erhöht die Qualität – und sichert digitale Teilhabe.
Vom Tool zur Strukturveränderung
Desybri ist mehr als ein Werkzeug – es ist ein Strukturangebot. Es erlaubt Verwaltungen, digital produktiver zu werden, ohne sich in Einzellösungen zu verlieren. Es reduziert Reibungsverluste, schafft eine gemeinsame Sprache zwischen allen Projektbeteiligten und ermöglicht skalierbares Lernen und Iterieren über Projekte hinweg.
So wird aus punktueller Digitalisierung eine nachhaltige Strategie. In regelmäßigen „Community of Practices“ fließen praktische Erfahrungen von Designern, Entwickelnden und Barrierefreiheitsexpert:innen zurück ins System. Es wird weiterentwickelt, ohne seine Standards zu verlieren – ein lebender Baukasten für die Verwaltungsdigitalisierung.
Der entscheidende Schritt: Nutzung statt Neuentwicklung
All das funktioniert aber nur, wenn Desybri auch konsequent genutzt wird. Dafür braucht es einen kulturellen Wandel: Weg von der Eigenentwicklung als Ausweis individueller Professionalität – hin zur Anerkennung gemeinsamer Standards als Zeichen strategischer Reife. Verwaltungsdigitalisierung ist kein Wettbewerb um die beste Insellösung. Sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe – und sie verdient Strukturen, die Zusammenarbeit ermöglichen, nicht verhindern.
Simon Hesse ist Lead UX/UI Designer für die digitale Transformation beim ITZ Bund.
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