Gemeinsam zur digitalen Souveränität : Wie Kommunen durch Open Source unabhängiger werden
Die Forderung nach digitaler Souveränität ist längst Konsens. In der Praxis scheitern kommunale Open-Source-Projekte jedoch oft an Einzelkämpfertum und fehlenden Standards. Mit dem „Kommunalen Open-Source-Board“ (KOSB) gibt es nun eine strategische Instanz, die den direkten Draht zwischen Kommunen, der KGSt und dem Zendis herstellt. Welche Vorteile das hat, schreiben Steffi Kaulich, Michael Baumann und Ernst Mayer im Standpunkt.
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Die digitale Verwaltung der Zukunft darf keine Blackbox sein. Wenn wir über die Modernisierung unserer Rathäuser sprechen, geht es heute um weit mehr als nur um neue Softwareoberflächen oder schnellere Breitbandanschlüsse. Es geht um die Frage, wer die Kontrolle über unsere Daten, unsere Prozesse und damit über unsere Handlungsfähigkeit behält. Open Source (OS) ist hierfür kein „Nice-to-have“, sondern die notwendige Bedingung für eine souveräne Demokratie im digitalen Zeitalter.
Warum Kommunen jetzt auf Open Source setzen müssen
Lange Zeit war die Debatte um Open Source in der öffentlichen Verwaltung von Kostenerwägungen geprägt. Man erhoffte sich günstigere Betriebskosten. Doch während diese Effekte, wenn überhaupt, nur langfristig eintreten, haben andere Faktoren massiv an Bedeutung gewonnen: die geopolitische Lage, die Resilienz staatlicher IT und die Notwendigkeit, sensible Daten und digitale Infrastrukturen vor ungewollten Zugriffen zu schützen.
Die Abhängigkeit von marktbeherrschenden, proprietären Systemen hat uns in eine Sackgasse geführt. Wenn Anbieter Lizenzmodelle einseitig ändern, zentrale Funktionen einstellen oder Datenflüsse in Drittstaaten nicht mehr rechtssicher kontrolliert werden können, gerät die kommunale Selbstverwaltung unter Druck. Die Erfahrung zeigt: Einzelne Leuchtturmprojekte sind zwar mutig, aber oft nicht nachhaltig, wenn sie gegen die Marktmacht der „Big Tech“-Konzerne allein bestehen müssen.
Digitale Souveränität bedeutet, dass wir als Kommunen selbst entscheiden können, wie unsere IT-Infrastruktur beschaffen ist. Dass wir Codes prüfen, verändern und mit anderen teilen können. Dass wir uns aus der Umklammerung durch „Vendor Lock-ins“ lösen. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Gerade hier liegt eine der größten Chancen von Open Source: Gute Lösungen können weitergedacht, angepasst und in anderen Kontexten genutzt werden. Was in einer Kommune oder einem Fachbereich erfolgreich erprobt wurde, kann mit überschaubarem Aufwand auch an anderer Stelle eingesetzt werden. Aus einzelnen Projekten entstehen so gemeinsame Standards und aus spezifischen Anwendungen übertragbare Bausteine für die gesamte Verwaltung. Genau diese Form der Nachnutzung ist ein zentraler Hebel für mehr Tempo, Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Verwaltungsdigitalisierung.
Das KOSB: Der Motor für die kommunale Gemeinschaft
Genau hier setzt das im vergangenen Jahr gegründete Kommunale Open Source Board (KOSB) an. Es ist ein gemeinsamer Projekt- und Austauschraum für das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS), die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) und Praxisexpert:innen aus Kommunen, die Open Source bereits heute produktiv einsetzen.
Das Board fungiert als Bindeglied zwischen der strategischen Bundesebene und der kommunalen Umsetzungsebene. Bisher fehlte oft ein direkter Rückkanal: Welche Anforderungen haben IT-Verantwortliche in den Städten konkret? Wo reicht die Implementierung von Lösungen wie openDesk allein noch nicht aus? Welche Erfahrungen liegen aus produktiven Anwendungen bereits vor? Das KOSB bündelt diese Stimmen. Wir versprechen uns durch diese Gemeinschaft eine einheitliche Wirkung über alle Verwaltungsebenen hinweg und darüber hinaus in Richtung Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Woran wir arbeiten: Standards und Lobbying
In unseren regelmäßigen Workshops, wie zuletzt im März 2026 in Jena, haben wir klare Arbeitsschwerpunkte definiert. Wir arbeiten nicht im luftleeren Raum, sondern an konkreten Werkzeugen für die kommunale Praxis:
- Infrastruktur-Standards: Damit Open Source in der Breite funktioniert, brauchen wir Einheitlichkeit/gemeinsame technische und organisatorische Standards. Wir evaluieren Standards/Ansätze, die es den Kommunen erleichtern, Lösungen zu integrieren und zu skalieren. Nur über eine breite Masse an Installationen können wir sicherstellen, dass sich Open-Source-Lieferanten nachhaltig am Markt behaupten.
- Lobbying-Strategie: Wir müssen die Sprache der Politik sprechen. Das KOSB entwickelt eine Strategie, um das Thema digitale Souveränität fest in den politischen Gremien zu verankern. Es geht darum, ein klares Mandat für Open-Source-Strategien zu schaffen und die notwendigen Ressourcen einzufordern.
- Positionspapier und Marketing: Wir erarbeiten eine gemeinsame Positionierung/Sprache und Argumentation. Alle Beteiligten müssen „sprachfähig“ sein, um Vorurteile/Vorbehalte gegenüber Open Source – etwa vermeintlich mangelnde Nutzerfreundlichkeit oder Sicherheitsbedenken – faktenbasiert zu begegnen. Gleichzeitig wollen wir deutlich machen, dass offene Lösungen nicht Verzicht bedeuten, sondern neue Spielräume schaffen: für Kooperation, Innovation und eine Verwaltung, die voneinander lernt.
- KI-Grundlagen: Ein aktuelles Feld ist die Erstellung von Open-Source-Grundlagen mit KI-Systemen. Dabei geht es nicht nur um technische Grundlagen. Zentral ist die Frage, wie KI-Systeme künftig souverän, transparent und nachvollziehbar eingesetzt werden können.
Die Vision: Der nutzerfreundliche Open-Source-Arbeitsplatz
Ein zentrales Anliegen ist die Weiterentwicklung einer modernen digitalen Arbeitsumgebung. Wir brauchen einen Arbeitsplatz, der nicht nur sicher und souverän ist, sondern den Vergleich mit proprietären Lösungen in Sachen Nutzerfreundlichkeit nicht scheuen muss.
Unsere Vision umfasst ein integriertes Portal, das als zentrale Komponente fungiert und den Zugriff auf alle notwendigen Werkzeuge steuert – von der Dateiverwaltung über kollaborative Textbearbeitung bis hin zu modernen Kommunikationslösungen. Die Herausforderung der Zukunft liegt in der tiefen Integration: Wir brauchen eine nahtlose Synchronisation für mobiles Arbeiten, eine hohe Anschlussfähigkeit für spezialisierte Fachverfahren und offene Schnittstellen zu bestehenden Dokumentenmanagement- und Fachsystemen. Die Anbieter proprietärer Fachanwendungen müssen sich öffnen und Schnittstellen anbieten. Durch einen umfangreichen Funktionsumfang, eine starke kommunale Nutzendengemeinschaft und eine intuitive Bedienbarkeit entsteht daraus eine hohe Akzeptanz.
Das Potenzial ist gewaltig: Die Zahl der Beschäftigten in Bund, Ländern und Kommunen macht die Weiterentwicklung auch für Hersteller wirtschaftlich attraktiv. Eine stabile und breite Nutzendengemeinschaft ist die beste Garantie für eine nachhaltige digitale Verwaltung. Und sie ist Voraussetzung dafür, dass aus einzelnen guten Ideen gemeinsame Lösungen werden.
Stefanie Kaulich leitet im Gesundheitsamt Frankfurt am Main seit April 2024 die neu gegründete Abteilung „Digitale Zukunft, IT und strategische Planung“.
Michael Baumann leitet den Fachbereich E-Government und IT der Stadt Krefeld.
Ernst Mayer ist Servicebereichsleiter beim Kommunalen Rechenzentrum Niederrhein (KRZN).
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