Personalisierte KI-Agenten : Die KI-Transformation ist ein Infrastrukturthema
Ein Sachbearbeiter automatisiert seinen Arbeitsalltag heimlich mit KI-Tools – auf dem Privatgerät, weil der Dienstweg Jahre dauern würde. Kein Einzelfall. Die Ukraine zeigt, wie eine Antwort darauf aussehen kann. Was Deutschland davon lernen sollte.
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Vor einiger Zeit lernte ich am Rande einer Veranstaltung einen Sachbearbeiter aus der Verwaltung kennen, nennen wir ihn Billy. Billy fragte mich, ob er mir etwas zeigen dürfe. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sonst niemand zusah, klappte er seinen Laptop auf und präsentierte mir eine Sammlung selbstgebauter Tools, mit denen er weite Teile seines Arbeitsalltags automatisiert hat. Man muss dazu sagen, dass Billy kein Programmierer ist. Die Werkzeuge hat er sich von einer KI nach seinen Vorstellungen schreiben lassen.
Das war beeindruckend, zukunftsweisend – und natürlich hochgradig verboten. Weder darf Billy dienstlich eine amerikanische KI nutzen noch Software schreiben (lassen), und erst recht darf er keine Eigenentwicklungen einsetzen, die nicht zuvor einen langwierigen und teuren Compliance-Prozess durchlaufen haben: Datenschutz, IT-Sicherheit, Barrierefreiheit, Architekturkonformität und vieles mehr. Weil all das in keinem Verhältnis zu den fünf Minuten steht, in denen die KI ein neues Tool baut, nutzt Billy einfach weiter sein Privatgerät. Es lebe die Schatten-IT.
Abwehrreflexe aus der Verwaltung
Billy ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen lassen sich von KI nicht nur Texte schreiben, sondern gleich individuelle Software, die auf die eigenen Bedürfnisse maßgeschneidert ist. „Hyper-Personalisierung“ nennt sich dieses Phänomen, und manche sehen darin bereits die Zukunft der Mensch-Computer-Interaktion: Statt Programme von der Stange zu installieren, beschreibt man, was man braucht, und wenige Minuten später ist es da.
Bei jenen, die in der Verwaltung für IT-Management oder -Sicherheit zuständig sind, löst diese Entwicklung naturgemäß Abwehrreflexe aus. Wenn ich das Thema in Diskussionen aufbringe, lautet die erste Reaktion fast immer: Wie können wir das verhindern? Das ist insofern verständlich, als dass diese Menschen seit Jahren daran arbeiten, Ordnung und Einheitlichkeit in das IT-Chaos vieler Behörden zu bringen. Trotzdem lautet die viel interessantere Frage doch: Wie müsste eine zukünftige IT-Infrastruktur der Verwaltung aussehen, in der Software nicht mehr jahrelang beschafft und entwickelt wird, sondern quasi auf Zuruf entstehen kann – ohne dass wir berechtigte Anforderungen an Sicherheit, Standardisierung und Nachvollziehbarkeit aufgeben?
Die Ukraine zeigt, wie es funktionieren kann
Die derzeit spannendsten Antworten auf diese Frage kommen aus der Ukraine, einem Land, das sich in den vergangenen Jahren unter schwierigsten Bedingungen zu einem weltweiten Vorreiter der Verwaltungsdigitalisierung entwickelt hat. Das dortige Ministerium für digitale Transformation hat nicht nur die populäre Diia-Plattform entwickelt, sondern arbeitet inzwischen aktiv an einer Infrastruktur für den „Agentic State“. Eine kürzlich veröffentlichte Roadmap gibt dabei detaillierte Einblicke, wie sich eine Verwaltung für das KI-Zeitalter neu aufstellen kann.
Eine zentrale Erkenntnis des Papiers: Klassische Fachverfahren, wie sie für die deutsche Verwaltungsarbeit nach wie vor prägend sind, könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Denn Fachverfahren sind oft hochkomplexe Softwareanwendungen, die Prozesse, Daten und Fachlogik enthalten. Die gesamte Intelligenz steckt in der Anwendungsebene, gemeinsam genutzte Infrastruktur gibt es hingegen kaum. Weil Fachverfahren nicht selten untereinander inkompatibel sind, entstehen so die berüchtigten „Daten-Silos“: Jedes Amt betreibt eigene, in sich geschlossene Software, obwohl die Aufgaben ähnlich sind.
Anwendungsebene verliert an Bedeutung
Das ukrainische Modell dreht dieses Prinzip um: Die Anwendungsebene verliert an Bedeutung, sie wird leichtgewichtig und geradezu fluide. Dafür gewinnt die zugrunde liegende Infrastruktur massiv an Relevanz. Die Endanwendungen selbst enthalten weder Fachlogik noch eigene Datenbanken, sondern kombinieren Bausteine, die von einer zentral verwalteten Infrastruktur bereitgestellt werden. Diese Infrastruktur besteht stark vereinfacht aus drei Schichten:
- Datenschicht: Verwaltungsdaten liegen nicht mehr verstreut in einzelnen Fachverfahren, sondern werden ressortübergreifend nach einheitlichen Standards zugänglich gemacht. Wer welche Daten sehen darf, regelt nicht mehr jede Software für sich, sondern die Infrastruktur selbst. In Berlin arbeiten wir mit dem Berlin Data Hub gerade am Aufbau einer solchen Dateninfrastruktur.
- Code- und Regelschicht: Standardisierte und geprüfte Module, etwa für Authentifizierung, Bezahlung oder Dokumentenprüfung, werden als technisch eigenständige Microservices bereitgestellt. Auch Gesetze, Vorschriften und Prozessmodelle werden maschinenlesbar modelliert („Rules as Code“) und an einem zentralen Ort hinterlegt. Ändert sich ein Gesetz, ist nur an einer Stelle eine Aktualisierung notwendig, und alle Anwendungen sind wieder auf dem neuesten Stand.
- KI-Schicht: Hier stehen verschiedene, von der Verwaltung souverän betriebene KI-Agenten zur Verfügung, die auf spezifische Anwendungsfälle trainiert sind. Sie können auf die Daten- und Regelschicht zugreifen und diese Ebenen ad hoc zu Workflows verknüpfen, die bislang von Sachbearbeiter:innen am Bildschirm erledigt werden. Jeder Agent ist in einem zentralen Register verzeichnet, alle Aktivitäten werden transparent protokolliert und die Abläufe so gestaltet, dass ein Mensch jederzeit eingreifen kann.
Personalisierte KI-Agenten wären die Praxis
Weil das alles noch reichlich kompliziert klingt, betrachten wir die Auswirkungen dieses Infrastruktur-Modells noch einmal aus Sicht von Billy, dem Sachbearbeiter. Er müsste nicht länger seine private Schatten-IT nutzen, denn sein Vorgehen wäre kein Regelverstoß, sondern gängige Praxis: Er beschreibt lediglich seinem KI-Agenten, welche Aufgabe er lösen möchte, und erhält in wenigen Minuten ein passendes Tool, das aus standardisierten Komponenten zusammengesetzt und doch genau auf seinen Anwendungsfall zugeschnitten ist. Datenschutz, Sicherheit und Nachvollziehbarkeit müssen für dieses Tool nicht mehr in monatelangen Prüfverfahren nachgewiesen werden, sondern sind Eigenschaften der Infrastruktur, auf der es läuft. So wird einerseits der Bedarf an Standardisierung (auf Infrastrukturebene) erfüllt, während Billy (auf Anwendungsebene) zugleich die Freiheit gewinnt, seine Werkzeuge flexibel zu gestalten.
Klingt wie Zukunftsmusik? Ist es auch, aber genau deshalb sollten wir uns heute damit beschäftigen. Was wir dabei von der Ukraine lernen können: Die KI-Transformation der Verwaltung ist nicht in erster Linie ein Produkt-, sondern ein Infrastrukturthema. Das ist gerade politischen Entscheidungsträgern nicht immer leicht zu vermitteln, denn Infrastruktur ist komplex, abstrakt und gewinnt weder Wahlen noch Schönheitspreise. Aber an ihr wird sich entscheiden, ob wir im KI-Zeitalter eine souveräne, handlungsfähige Verwaltung bekommen – oder den nächsten Flickenteppich aus teuren, proprietären und untereinander inkompatiblen Einzellösungen.
Der promovierte Kultur- und Medienwissenschaftler Benjamin Seibel leitet das City Lab Berlin. Das 2019 gegründete Stadtlabor wird von der Berliner Senatskanzlei finanziert und von der Technologiestiftung Berlin betrieben. Im City Lab arbeiten Teams aus der öffentlichen Verwaltung gemeinsam mit der Stadtgesellschaft und der Forschung an der Stadt der Zukunft.
Zuletzt von ihm unter dieser Rubrik erschienen: „Die Verwaltung im agentischen KI-Zeitalter“
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