Vorschlag neuer Leitprinzipien : Gesunde Mobilität gibt es bisher nur auf dem Papier
Die meisten Menschen sind irgendwann einmal in ihrer Mobilität eingeschränkt – sei es durch Alter, Krankheit, Behinderung, Schwangerschaft, Sorgearbeit oder Geldknappheit. Darum sollten sich Mobilitätsforschung und -politik stärker an Bedürfnissen benachteiligter Gruppen orientieren.
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Zwar gibt es umfangreiche Mobilitätsforschung und detaillierte Daten zu Verkehrsmengen, Emissionen oder Modal Split, doch benachteiligte Gruppen bleiben darin oft Randfiguren. Zu wenig berücksichtigt werden etwa Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen, Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, taube oder blinde Menschen sowie Personen mit Migrationsgeschichte. Ihre Perspektiven auf Alltagsmobilität – defekte Aufzüge, zu enge Gehwege, fehlende Querungen, unverständliche Informationen, Unsicherheit im Verkehr – werden selten systematisch in Forschung und Planung einbezogen. So entstehen Verkehrssysteme, die an Kennziffern wie Reisezeit und Verkehrsfluss optimiert sind, nicht aber an Teilhabe und Gesundheit.
Über 200 Berliner:innen haben zwischen April 2025 und März 2026 im Rahmen der Citizen-Science-Studie gemeinsam mit Forschenden der Freien Universität Berlin und des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung untersucht, wie eine gesunde und gerechte Mobilität für alle in Berlin ausgestaltet werden sollte. Die Teilnehmenden bringen vielseitige Erfahrungen mit: Sie nutzen etwa Rollstühle und Gehhilfen, haben unterschiedliche Hörstatus, sind sehbehindert, leben mit chronischen Erkrankungen, sind mit kleinen Kindern unterwegs oder werden aufgrund ihrer Migrationsgeschichte benachteiligt. Ihre Perspektiven sind in die Forschung eingeflossen.
Die teilnehmenden Bürger:innen beantworteten übers Jahr verteilt fünf Fragebögen und beobachteten insgesamt drei Wochen ihre alltägliche Mobilität. Rund achtzig Teilnehmende wirkten zusätzlich in Forschungsgruppen mit, wo sie Fragen definierten, Daten erhoben und interpretierten. Ihre Methoden reichten von Interviews, Beobachtungen und Kartierungen bis hin zu Luftqualitätsmessungen. Auf dieser Grundlage erarbeiteten sie gemeinsam mit den Forschenden ein politisches Forderungspapier – unter anderem mit fünf Leitprinzipien für gesunde und gerechte Mobilität.
Fünf Leitprinzipien für gesunde Mobilität
Die Leitprinzipien enthalten erstens, dass Barrierefreiheit in allen Infrastrukturprojekten und im ÖPNV entsprechend der bestehenden völker-, bundes- und landesrechtlichen Vorgaben konsequent umgesetzt wird. Informationsvermittlung im öffentlichen Raum soll dem Mehr-Sinne-Prinzip folgen, bei dem zwei der drei Sinne – Hören, Sehen und Tasten – angesprochen werden. Nachhaltige Mobilität im Umweltverbund muss als zentrale Voraussetzung für soziale Teilhabe für alle zugänglich und bezahlbar sein.
Zweitens sollte sich die Verteilung von Fläche, Infrastruktur und Finanzierung in der Stadt an sozialer Gerechtigkeit und Umweltgerechtigkeit orientieren. Ein barrierefreier Umweltverbund soll gegenüber dem motorisierten Individualverkehr bevorzugt werden, ohne Grün-, Wasser- und Erholungsflächen zu verdrängen.
Drittens sollte der Schutz von Leben und Gesundheit in der Stadt- und Verkehrsplanung oberste Priorität haben – im Sinne der Vision Zero mit weniger Schwerverletzten und ohne Todesopfer im Straßenverkehr, durch bessere Luftqualität, weniger Lärm und Klimaanpassungsmaßnahmen wie Hitzeschutz im öffentlichen Raum. Gesunde Mobilität ist viertens ebenso untrennbar mit Umwelt- und Klimaschutz sowie der Einhaltung planetarer Grenzen verknüpft.
Fünftens sollten alle Menschen und insbesondere benachteiligte gleichermaßen die Möglichkeit haben, sich aktiv und ohne Diskriminierung an Planungs- und Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Zivilgesellschaftliches Engagement und Beteiligung sind demokratieerhaltend und müssen allen Menschen offenstehen.
Zielwissen vorhanden – Umsetzung fehlt
Die Studie bestätigt zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse der Mobilitätsforschung vergangener Jahrzehnte: Eine Stärkung des Umweltverbunds von Fuß-, Rad- und öffentlichem Verkehr ist die zentrale Voraussetzung für gesunde und gerechte Mobilität. Benachteiligte Gruppen sind besonders darauf angewiesen, dass diese Verkehrsarten zugänglich, sicher und bezahlbar sind.
Diese Ziele sind auch bereits weitgehend gesetzlich und strategisch verankert. Zu nennen sind vor allem das Berliner Mobilitätsgesetz, die UN-Behindertenrechtskonvention, das Behindertengleichstellungsgesetz, das Landesgleichberechtigungsgesetz, das Personenbeförderungsgesetz, der Maßnahmenplan „Berlin Inklusiv“ sowie das Berliner Klimaanpassungsgesetz.
Gleichzeitig betonen die Citizen Scientists, dass Berlin von einer vollständigen Umsetzung noch weit entfernt ist. Bestehende Regelwerke werden nicht konsequent angewendet und durchgesetzt, die Umsetzung wird verzögert. Öffentliche Mittel werden gekürzt, statt verlässlich in Pflege und Ausbau von Umweltverbund und barrierefreien sowie klimaresilienten öffentlichen Räumen zu fließen.
Entsprechend lautet die zentrale und äußerst berechtigte Forderung der Bürger:innen, bestehende Rechtsgrundlagen endlich konsequent umzusetzen. Eine Mobilitätspolitik, wie sie sich auf Bundesebene abzeichnet, die in erster Linie auf technologische Innovationen wie etwa autonomes Fahren setzt, ohne zuerst Grundbedürfnisse der Barrierefreiheit, Verkehrssicherheit oder Hitzeschutz zu adressieren, verfehlt die vorhandenen Bedürfnisse in der Stadt. Vielmehr müssen auf kommunaler Ebene verstärkt Gelder und Ressourcen in Pflege und Ausbau von Infrastruktur als zentrale Hebel für gesunde Mobilität fließen.
Was andere Städte aus der Berliner Studie lernen können
Die Lücke zwischen Rechtslage und Realität findet sich auch in anderen Städten: Oftmals sind Programme, Strategien und Gesetze vorhanden. Ob sie fristgerecht und verbindlich umgesetzt werden, unabhängig von parteipolitischen Konjunkturen, ist von verlässlicher Finanzierung für den Umweltverbund, personellen Kapazitäten in Verwaltungen, klaren Zuständigkeiten oder auch Sanktionsmechanismen abhängig, die etwa das Zuparken von Gehwegen oder das Nichteinhalten von Sicherheitsstandards nicht als Kavaliersdelikt behandeln. Wer Mobilität gerecht gestalten will, muss Prioritäten weg von kurzfristigen symbolischen Projekten und technikgetriebenen Pilotvorhaben hin zu Pflege, Instandhaltung und nachhaltigem Ausbau von inklusiven und klimaresilienten Infrastrukturen verschieben.
Der partizipative Charakter der Studie zeigt zudem, wie demokratische Verfahren selbst Teil der Lösung sein können. Wenn Menschen, die von den Folgen der Mobilitätspolitik besonders betroffen sind, systematisch an Forschung, Planung und Entscheidungsprozessen beteiligt werden, steigen sowohl die Qualität der Lösungen als auch ihre Legitimität. Inklusive Beteiligungsformate, mehrsprachig, barrierefrei, mit echter Mitbestimmung und sichtbaren Konsequenzen, helfen, Zielkonflikte offen zu verhandeln und Entscheidungen zu treffen, die sich nicht allein an der Lautstärke gut organisierter Interessengruppen orientieren.
Eine konsequente Ausrichtung der Mobilität an den Bedürfnissen benachteiligter Gruppen verbessert schlussendlich die Gesundheit aller Bewohnenden. Wenn Mobilität für Menschen mit Behinderungen, ältere und jüngere Menschen, Personen mit Migrationsgeschichte oder Frauen sicher und zugänglich ist, profitieren alle – sei es durch weniger Verkehrskollisionen, mehr Aufenthaltsqualität, geringere gesundheitliche Belastungen oder soziale Teilhabe.
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