Illegale Motorisierung und Einfuhren : Nicht das Fatbike ist das Problem
Die Niederlande reagieren auf den Boom illegal motorisierter Fatbikes mit einer neuen Fahrzeugklasse und möglichen Fahrverboten. Zugleich überschwemmen billig produzierte und falsch deklarierte Modelle aus China den Markt. Dabei gäbe es wirksamere Lösungen als immer neue Regeln.
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Die neue niederländische Regierung bekennt sich im Koalitionsvertrag an drei Stellen zur Radverkehrsförderung, dabei kündigt sie auch eine eigene Fahrzeugklasse für Fatbikes an, verbunden mit Mindestalter, Helmpflicht und der Möglichkeit Fatbike-freier Zonen. Was steckt dahinter?
Ursprünglich sind Fatbikes motorlose Geländeräder mit extrabreiten Reifen. Heute erleben in den Niederlanden Fatbikes im City-Cruiser-Stil, mit kleinen 20-Zoll-Rädern und E-Antrieb, einen Boom, vor allem unter Jugendlichen. Das Problem: Auf die Straße gelangen überwiegend minderwertig produzierte chinesische Modelle mit illegaler Motorisierung.
Illegale Motorisierung heißt, dass die Fatbikes als Fahrräder deklariert sind, ihre elektrische Motorleistung dafür aber zu groß ist. Die Grenze für den E-Antrieb von Fahrrädern liegt in der EU bei 250 Watt Nenndauerleistung, Tretunterstützung bis 25 km/h und Handgas bis 6 km/h. Jenseits davon ist ein E-Bike ein Kraftfahrzeug, das nicht ohne Betriebserlaubnis, Versicherung, Führerschein und Helm gefahren werden darf.
Illegal motorisierte Fatbikes fahren mittlerweile in großer Anzahl auf niederländischen Straßen. Die Polizei kommt mit Kontrollen nicht hinterher. Unfälle und schwere Verletzungen unter schnell fahrenden Jugendlichen sind stark gestiegen und der Unmut über Fatbike-Fahrende wächst.
Enschede hat erstes kommunales Fatbike-Verbot erlassen
Am 11. März 2026 hat die Stadt Enschede auf Antrag der rechtsliberalen Partei VVD vor Ort das erste kommunale Fatbike-Verbot erlassen. Es gilt während der Geschäftszeiten in der Innenstadt für Fatbikes mit einer Reifenbreite ab sieben Zentimeter. Amsterdam und weitere Kommunen haben ähnliche Maßnahmen angekündigt.
Auch in Deutschland verbreiten sich illegale Billig-Fatbikes. Bei Essenslieferdiensten in Großstädten sind sie besonders sichtbar. Die Käufer sind formal selbstständige Rider in meist prekärer sozialer Lage. Sie schätzen den günstigen Preis und die Kraft des illegalen Antriebs angesichts der Arbeit unter Zeitdruck. Arbeitsschutz und Verkehrssicherheit bleiben dabei auf der Strecke. Hier müssen die großen Lieferdienste bei der Umsetzung der EU-Plattformrichtlinie in die Verantwortung für bessere Arbeitsbedingungen und legale E-Bikes genommen werden.
Eine eigene Fahrzeugklasse mit maximal zulässiger Reifenbreite oder ein Fatbike‑Verbot führen hingegen nur dazu, dass Hersteller illegal motorisierter Fatbikes die Reifenbreite anpassen, während gleichzeitig legal motorisierte Fatbikes aufgrund breiterer Reifen einer anderen Fahrzeugklasse zugeordnet werden oder von Fahrverboten betroffen sind. Dass solche Maßnahmen kontraproduktiv sind, hatte im November 2025 bereits eine Studie für die niederländische Vorgängerregierung festgehalten.
Bestehendes Recht umsetzen statt immer neuer Regeln
Was es statt einer eigenen Fatbike-Klasse oder einer Helmpflicht für Jugendliche auf E-Bikes tatsächlich bräuchte, wäre die Umsetzung geltenden Rechts. Denn aufgrund der illegalen Motorisierung dürften diese Fatbikes in den Niederlanden wie in der gesamten EU gar nicht verkauft werden. Hier versagt die Marktaufsicht. Hinzu kommt, dass die illegal motorisierten Fatbikes aus China im großen Stil unter Umgehung von Zöllen und Umsatzsteuer eingeführt werden und nur deswegen zu unschlagbaren Dumping-Preisen von deutlich unter 1000 Euro zu kaufen sind.
Anfang 2025 hat die EU ihre Anti-Dumping-Zölle von bis zu 70 Prozent auf E-Bikes aus China um fünf Jahre verlängert. Denn die chinesische Regierung fördert ihre Fahrradindustrie massiv mit wettbewerbswidrigen Mitteln, um internationale Märkte mit Dumping-Preisen zu erobern. Die Zölle der EU stellen hier Wettbewerbsgerechtigkeit her. Das ist essenziell für die Fahrradproduktion in Europa und entsprechende Arbeitsplätze. Allerdings werden die Anti-Dumping-Zölle im großen Stil umgangen.
Im Sommer 2025 hat die großangelegte „Calypso“-Ermittlung der europäischen Staatsanwaltschaft die Dimension verdeutlicht: Im griechischen Hafen Piräus wurden über 500 falsch deklarierte Container mit etwa 100.000 E-Bikes aus China beschlagnahmt. Die europäischen Ermittler schätzen, dass der EU und den Mitgliedstaaten bisher mehr als 700 Millionen Euro an Zöllen und Umsatzsteuer durch den E-Bike-Schmuggel aus China entgangen sind. Gleichzeitig gelangen tausende illegale Räder auf die Straßen.
Um den Verkauf illegaler Fatbikes in der EU zu unterbinden, bräuchte es an erster Stelle ausreichende Kapazitäten bei Zoll und Marktaufsicht und ein konsequentes Vorgehen.
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