Nationaler Fußverkehrskongress : Selbst Fachleute haben das Zufußgehen unterschätzt

Monika Pentenrieder
Monika Pentenrieder, wissenschaftliche Mitarbeiterin für urbane Mobilität an der Universität Frankfurt Foto: Barbara Häfele

Immer mehr Menschen gehen zu Fuß. Viele gesellschaftliche Gruppen sehen ihn auch als Gegengewicht zum als dominant empfundenen Radverkehr. Doch Fußverkehrsbeauftragte dürfen sich politisch nicht vereinnahmen lassen und müssen gesundheits- und klimafreundliche Mobilität hochhalten. Dazu gehört auch, eine gerechte Neuaufteilung des öffentlichen Raums einzufordern.

von Monika Pentenrieder, Universität Frankfurt

veröffentlicht am

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Menschen beginnen fast jeden Weg zu Fuß. Dennoch hat der Fußverkehr in der Stadt- und Mobilitätsplanung lange wenig Beachtung gefunden. Seit Mitte der 2010er-Jahre, spätestens seit Corona, ändert sich das. Expert:innen und Aktivist:innen sprechen von einer stärkeren Prioritätensetzung in Mobilitätspolitik und -planung, von einem Aufwind oder sogar einem Paradigmenwechsel. Nun kommt es darauf an, diesen Aufwind dauerhaft in konkrete Verbesserungen auf der Straße zu übersetzen.

Die Anzeichen für den Aufschwung der vergangenen Jahre sind vielfältig:

So haben größere Städte in Deutschland begonnen, Stellen für sogenannte Fußverkehrsbeauftragte oder gar ganze Teams zu schaffen. Sie entwickeln Strategien zur gezielten Förderung der städtischen Fußmobilität. Kleinere Städte setzen Fußverkehrschecks um, die Anwohner:innen, Politiker:innen und Verwaltungsangestellte zur Diskussion auf dem Gehweg zusammenbringen.

Ein wichtiger Gradmesser des Aufschwungs ist der Nationale Fußverkehrskongress, in der Fachwelt liebevoll „Fuko“ genannt. In dieser Woche findet die sechste Auflage dieser Vernetzungsveranstaltung aus Praxis, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Bielefeld statt. Seit dem ersten Treffen 2014 sind die Teilnehmendenzahlen deutlich gestiegen.

Auch die Themen sind diverser geworden und beschränken sich nicht mehr nur auf Fragen von Verkehrssicherheit und Querungsanlagen. Gerade der vergangene Fußverkehrskongress im Frühjahr 2025 in Mainz war von Aufbruchstimmung getragen: Der damalige geschäftsführende Bundesverkehrsminister Volker Wissing hatte beim Kongress der Fachwelt die erste Nationale Fußverkehrsstrategie vorgestellt. Allein dieser Besuch war ein Novum und ein bestärkendes Signal für das Fuko-Publikum. Zudem hatte die anstehende Novellierung des Straßenverkehrsgesetzes den Kommunen mehr Handlungsspielräume versprochen.

Zufußgehen als urbane Entdeckungsreise

Auch die jüngsten bundesweiten Zahlen zum Fußverkehr zeigen den Aufschwung – und selbst Fachleute blicken noch etwas ungläubig darauf. Laut der Studie „Mobilität in Deutschland“ gehen die Menschen im Vergleich zu 2017 deutlich häufiger und weitere Strecken zu Fuß: Mehr als jeder vierte Weg wurde 2023 komplett zu Fuß zurückgelegt.

Nicht zuletzt hat die Corona-Pandemie die Fußmobilität befördert und zum Thema in Freundeskreisen und Feuilletons werden lassen. Digitale und soziale Medien greifen das Zufußgehen als urbane Entdeckungsreise oder Naturerlebnis auf und informieren über den Social Walking Club in Ihrer Stadt.

Hinter diesen Anzeichen des Aufschwungs stehen verschiedene Entwicklungen, die mitunter Jahrzehnte zurückreichen.

Meilensteine wie der Fuko, die Fußverkehrschecks oder die Nationale Fußverkehrsstrategie sind dem anhaltenden Engagement einer Vielzahl von Akteur:innen zu verdanken. Dazu zählen Vorreiter:innen aus Kommunen, Planungsbüros, Wissenschaft und Lobbygruppen, aus der baden-württembergischen Landespolitik oder auch dem Umweltbundesamt. So war das Bundesministerium nicht etwa von selbst auf die Idee einer Strategie gekommen.

Dieses Engagement setzt sich aktuell fort: Die Generation der neuen Fußverkehrsbeauftragten kommt von Hochschulen, welche sich ebenfalls mit Fußmobilität befassen. Die Beauftragten vernetzen und bestärken sich beim Fuko. Und sie setzen auf die Zusammenarbeit mit dem Radverkehr.

Das Zufußgehen profitiert dabei von den Vorarbeiten der Radverkehrsplanung, dessen Institutionalisierung in den Stadtverwaltungen bis in die 1990er-Jahre zurückreicht. So sind bestehende Radverkehrsstellen, -gremien und -fördertöpfe um das Thema Fußverkehr erweitert worden. In der gemeinsamen Betrachtung steht dennoch der Fußverkehr weiterhin häufig hinter dem besser aufgestellten Radverkehr zurück.

Fußverkehr als versöhnliches, parteiübergreifendes Thema

Zuletzt ist dieses Verhältnis jedoch ins Wanken geraten: Fußverkehrsstellen werden auch aus der Gesellschaft heraus, etwa von Senior:innen-Vertretungen, explizit als Gegengewicht zum als dominant empfundenen Radverkehr eingefordert. Wo Radverkehrspolitik von Kritiker:innen als ideologiegetriebene, links-grüne Agenda geframed wird, gilt der Fußverkehr noch als versöhnliches, parteiübergreifendes Themenfeld.

Fußverkehrsbeauftragte sind hier gefordert, sich politisch nicht vereinnahmen zu lassen und die Ziele einer zugänglichen, gesundheits- und klimafreundlichen Mobilität hochzuhalten. Dazu gehört auch, sich im Zweifelsfall mit dem automobilen Elefanten im Straßenraum anzulegen und eine gerechte Neuaufteilung des öffentlichen Raums unter allen Verkehrsmitteln einzufordern.

So scheint sich zwar die Fußverkehrsplanung im Aufwind zu befinden – und es zumindest auf die Agenda von Medien, Zivilgesellschaft und Kommunal-, Landes- und Bundespolitik geschafft zu haben. Auf die zunehmende Sichtbarkeit und Thematisierung muss nun aber die systematische Umsetzung folgen. Die Kommunen müssen – und wollen auch – ins Handeln kommen.

Der neue Bundesverkehrsminister erscheint nicht

Wer sich für Fußverkehr einsetzt, muss sich dabei in die Gemengelage aus Austeritätspolitik, sich ändernden politischen Mehrheiten und Narrativen, verwaltungsinternen Hierarchien und Zuordnungen sowie regulatorischen Leerstellen begeben – und immer noch die ein oder andere Kolleg:in oder Politiker:in von der Notwendigkeit dieser Themensetzung überzeugen. So brauchen die Kommunen angesichts dieser Herausforderungen doch auch das dezidierte und kontinuierliche Engagement der Bundespolitik, um ihre Ambitionen tatsächlich auf die Straße zu bringen.

Mit Beginn des Fukos in dieser Woche ist also unsicher, inwiefern der Aufwind weiterhin trägt. Das Themenspektrum bleibt breit: Fußverkehr wird verbunden mit Fragen zu sozialem Zusammenhalt und Beteiligung, zu Klimaschutz oder zur Zukunft des Einzelhandels diskutiert werden. Für die kommunalen Fußverkehrsbeauftragten stehen Austausch über neue Rechtsrahmen, Digitalisierungsansätze und Datengrundlagen auf dem Programm. Der neue Bundesverkehrsminister indes hat sich für diesen Fuko nicht angekündigt.

Monika Pentenrieder hält zu diesem Thema heute einen Vortrag auf dem Nationalen Fußverkehrskongress.

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