Autoindustrie in Spanien : Wettbewerbsfähigkeit durch europaweit einheitliche Spielregeln sichern
Europa hat bei der Herstellung von Elektroautos geschlafen: Zuletzt haben chinesische Marken ihre Präsenz innerhalb eines Jahres verdoppelt. Europa braucht eine eigene Industriepolitik, und Spanien zeigt mit einem gemeinsam erarbeiteten Plan, wie das gehen kann. Doch noch läuft nicht alles rund – ein Plan auf dem Papier reicht nicht, die Umsetzung muss jetzt folgen.
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Jahrelang hat Europa China einen entscheidenden Teil der Wertschöpfungskette für Elektroautos, von der Raffination der Rohstoffe bis zur Herstellung von Batteriezellen, überlassen. Heute ist diese Entscheidung in den Autohäusern spürbar. Die chinesischen Marken haben ihre Präsenz auf dem europäischen Markt innerhalb eines Jahres verdoppelt, mit breitem Angebot und sehr knapp kalkulierten Preisen.
Auf der anderen Seite des Atlantiks haben die USA währenddessen ihren Markt mit Zöllen abgeschottet und verlangen, dass Industrieinvestitionen dort getätigt werden. Die europäische Automobilindustrie steht damit an zwei Fronten gleichzeitig im Wettbewerb.
China hat einen Vorsprung
Die Branche muss zahlreiche Veränderungen gleichzeitig bewältigen: Künstliche Intelligenz, Fahrzeugdaten und autonomes Fahren verändern Produkt und Geschäftsmodell. Was die Zukunft unserer Fabriken aber am stärksten bestimmt, ist die Frage, wer die Technologie beherrscht und wie der Sektor reguliert wird. Wer Batterie und Fahrzeugsoftware beherrscht, kontrolliert einen großen Teil der Wertschöpfung.
China hat diese Phase mit einem Vorsprung erreicht. Europa hat hingegen jahrelang sehr anspruchsvolle Ziele für die Hersteller formuliert, ohne Maßnahmen für den Rest der Wirtschaft beizustellen. Der Draghi-Bericht hat bereits gewarnt, dass die Umweltpolitik Vorrang erhalten habe und die Industriepolitik dabei zurückgeblieben sei.
Der europäische Markt wächst in diesem Jahr um etwas mehr als fünf Prozent, und im August waren mehr als 25 Prozent der in der EU verkauften Pkw rein elektrisch. Die Nachfrage ist vorhanden, die Frage ist aber, wer sie bedient. Die im Jahr 2024 beschlossenen Zölle auf chinesische Elektroautos haben die Einfuhr chinesischer Plug-in-Hybride nicht gestoppt, und die EU hat Peking gebeten, diese Exporte freiwillig zu begrenzen.
IAA wird als industriepolitisches Signal begrüßt
Gleichzeitig hat die EU-Kommission, um andere Technologien nicht zu benachteiligen, vorgeschlagen, die Anwendung der CO2-Ziele flexibler zu gestalten, ohne auf die Dekarbonisierung zu verzichten. Hinzu kommt der im März vorgelegte Vorschlag für den Industrial Accelerator Act (IAA). Er sieht bei öffentlichen Beihilfen Vorteile für in Europa gefertigte Produkte vor und knüpft große ausländische Investitionen an Technologietransfer und europäische Beschäftigung.
Aus Spanien und konkret von Anfac (Asociación Española de Fabricantes de Automóviles y Camiones ist der spanische Verband der Automobil- und Lkw-Hersteller) begrüßen wir dieses Signal, denn es zeigt, dass Europa anerkannt hat, dass seine Automobilindustrie eine eigene Industriepolitik braucht. Handelspolitische Maßnahmen helfen jedoch, den Wettbewerb auszugleichen, ersetzen aber keine Industriepolitik.
Ein Anteil an europäischem Inhalt im Fahrzeug nützt wenig, wenn Produktion und Beschaffung in Europa nicht wettbewerbsfähig sind oder die Initiative nur langsam umgesetzt wird und denjenigen, die investieren, zusätzliche Bürokratie aufbürdet.
Deutschland, der größte Markt Europas und sein wichtigster Industriemotor, befindet sich in einer schwierigen Phase für Hersteller und Zulieferer, die ihre Kapazitäten an einen Markt anpassen müssen, der sich schneller wandelt als erwartet. Berlin hat darauf reagiert, indem es die direkten Kaufprämien für Elektroautos wieder eingeführt hat, mit drei Milliarden Euro bis 2029 und Förderung, die vom Haushaltseinkommen abhängt. Die Verkäufe rein elektrischer Pkw wachsen in diesem Jahr um mehr als 50 Prozent. Dabei hat Deutschland chinesisch gebaute Fahrzeuge nicht ausgeschlossen. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass Europa noch keine gemeinsame Antwort hat.
Spanien hat einen gemeinsam erarbeiteten Plan
All dies betrifft auch Spanien. Unsere Fabriken verkaufen den überwiegenden Teil ihrer Produktion in Europa und teilen sich Zulieferer und Entscheidungszentren mit der deutschen Industrie. Deshalb brauchen wir eine koordinierte Antwort. Spanien ist heute der zweitgrößte Fahrzeughersteller Europas, obwohl kein großer Automobilkonzern hier seine Zentrale hat. Das haben wir der Flexibilität unserer Werke, einer wettbewerbsfähigen Zulieferkette und einem sozialen Dialog zu verdanken, der es ermöglicht hat, die Produktion jedes Mal anzupassen, wenn es nötig war.
Spanien wollte vorausgehen und hat eine eigene Strategie für die gesamte Wertschöpfungskette entwickelt, die mit den aktuellen Debatten in Brüssel abgestimmt ist und für die gesamte europäische Automobilindustrie wegweisend sein kann. Im Dezember 2025 wurde der „Plan España Auto 2030“ vorgestellt, der erste umfassende Plan für die gesamte Automobilbranche, der in unserem Land verabschiedet wurde (Background berichtete).
Wir haben ihn bei Anfac gemeinsam mit dem Industrieministerium erarbeitet, unter Beteiligung von Sernauto (Asociación Española de Proveedores de Automoción ist der spanische Verband der Automobilzulieferer), dem Handel, den autonomen Gemeinschaften und den Sozialpartnern. Erstmals arbeiten Hersteller, Zulieferer, Verwaltung und Sozialpartner auf der Grundlage einer gemeinsamen Analyse dessen, was die Branche braucht, mit einer abgestimmten Vision und gemeinsamen, vereinbarten Zielen. Kurz gesagt: Spanien hat einen gemeinsamen Plan für seine gesamte Automobilindustrie geschaffen.
Bei der Umsetzung ist noch Luft nach oben
Zu den 25 Maßnahmen gehören ein Programm für Wachstum und strategische Autonomie, mit dem Batterien und neue Komponenten in Spanien entwickelt werden sollen, der „Plan Innovemos“ für kollaborative Forschung und Entwicklung, ein nationaler Plan für die Ladeinfrastruktur, der zwischen den Verwaltungsebenen abgestimmt wird, und die Fortführung der Nachfrageförderung.
Das Ziel ist klar: Die Wertschöpfung der Branche soll von heute 85 Milliarden Euro auf 120 Milliarden Euro steigen. Zur Überwachung verfügt der Plan über eine gemeinsame Governance mit einem Plenum, einem Exekutivausschuss, einem regionalen Tisch und spezialisierten Arbeitsgruppen, die das Vorgehen in den Bereichen Industrie, Markt und Ansiedlung neuer Chancen stärken sollen.
Eine der ersten und notwendigen Maßnahmen dieses Fahrplans ist der „Plan Auto+“. Dieses Förderprogramm hat Käufern elektrifizierter Fahrzeuge wieder Verlässlichkeit gegeben, und im September war eines von drei in Spanien verkauften Pkw ein Elektroauto oder ein Plug-in-Hybrid. Das ist ein Meilenstein für einen Markt wie den spanischen, auf dem die Elektrifizierung bisher stets hinterherhinkte. Das ist eine gute Nachricht, doch die übrigen Vorschläge müssen noch umgesetzt werden.
Die im Plan vorgesehene Steuerreform steht weiterhin aus, Unternehmen haben keine Anreize, ihre Flotten zu elektrifizieren, der Schwerlastverkehr wartet seit Jahren auf ein Förderprogramm und Tausende Ladepunkte sind installiert, funktionieren aber nicht. Es geht nicht nur darum, einen Rekord zu erreichen, sondern darum, die Latte weiter hochzulegen und uns selbst zu übertreffen.
Nach festen Spielregeln sind alle willkommen, zu investieren
Die Elektrifizierung hat einen neuen Wettbewerbsraum eröffnet, denn mit neuen Marken kommen auch neue Anbieter. Mit diesem Plan kommen chinesische Hersteller nach Spanien, ein sehr starker Akteur, der gekommen ist, um zu bleiben, und der dem Verbraucher und unserer Industrie viel bieten kann. Wir haben das schon bei japanischen und koreanischen Marken erlebt, die heute fester Bestandteil unseres industriellen Gefüges sind.
Willkommen sind alle, die hier investieren und produzieren wollen, sofern sie dieselben Spielregeln einhalten wie jede andere Marke, unabhängig von ihrer Herkunft, und mit lokalen Zulieferern zusammenarbeiten. Der Plan España Auto 2030 soll genau dafür sorgen, dass diese Investitionen die gesamte Wertschöpfungskette mitziehen und deren Entwicklung vorantreiben.
Europa hat seine Ziele klar vor Augen, ist aber bisher zu langsam dabei, die Instrumente zu definieren, mit denen sie erreicht werden sollen. Deshalb wird Europa noch einige Zeit brauchen, um die Instrumente festzulegen, die die Automobilindustrie des kommenden Jahrzehnts prägen werden. Spanien kann in diese Debatte die Erfahrung einbringen, dass sich zunächst Politik und Unternehmen auf einen Plan verständigt haben.
Diese Erfahrung hat aber nur dann Wert, wenn der Plan nicht bei den ersten Maßnahmen stehen bleibt. Wir fordern deshalb, ihn vollständig umzusetzen, mit Zeitplan und Budget, und dass seine Governance regelmäßig tagt und Rechenschaft ablegt.
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