Kritik an den neuen Regel-Regeln

Das neue Mischpreisverfahren im Regelenergiemarkt schadet der Netzsicherheit, treibt die Kosten in die Höhe und verdrängt erneuerbare Energien, kritisiert der Kölner Stromhändler Next Kraftwerke. Die Bundesnetzagentur widerspricht.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen

Am 17. Oktober 2017 kommt es auf dem Regelenergiemarkt zu einer Extremsituation. Zwischen 19.15 Uhr und 19.45 Uhr gibt es Ungleichgewichte zwischen erzeugten und abgenommenen Strommengen. So weit, so normal. Dafür gibt es den Regelenergiemarkt, in dem Minutenreserveleistungen gehandelt werden. Diese benötigen Übertragungsnetzbetreiber zum Ausgleich solcher Ungleichgewichte.

Doch der Arbeitspreis des Angebots für eine Kilowattstunde, das in diesem Moment den Zuschlag bekommt, liegt bei 77.777 Euro. Dies führt dazu, dass in zwei Viertelstunden im Schnitt mit rund 20.000 Euro respektive 24.500 Euro die höchsten jemals erzielten Preise für Ausgleichsenergie bezahlt werden müssen. Zum Vergleich: Im Intraday-Handel lag der Preis für dieselben Viertelstunden bei rund 72 beziehungsweise 75 Euro/MWh.

Eine Situation, die ein wenig regulierter Regelenergiemarkt verursachen kann. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) sieht sich im Zugzwang und beschließt im Mai 2018 die Einführung des Mischpreisverfahrens im Regelenergiemarkt. Zuschläge sollen nicht mehr nur basierend auf Leistungspreise verteilt werden, sondern auch die Arbeitspreise mit eingerechnet werden. Ziel ist es, Wettbewerb zu schaffen und damit die angebotenen Arbeitspreise zu senken oder zumindest Extreme zu verhindern. Das neue Verfahren kommt seit Mitte Oktober 2018 zur Anwendung.

Mittlerweile wird das Mischpreisverfahren also seit gut zwei Monaten im Regelenergiemarkt angewandt. Zeit für ein Unternehmen im Energiemarkt wie Next Kraftwerke, Bilanz zu ziehen. Und diese fällt nicht rosig aus. Die Qualität der Netzsicherheit habe extrem gelitten, sagte Pressesprecher Jan Aengenvoort zu Tagesspiegel Background. Momentan haben wir eine Netzsituation, die kennen wir seit Jahren nicht mehr.

Die Bewertung des Mischpreisverfahrens durch Next in den vergangenen zwei Monaten basiere auf öffentlich zugänglichen Daten. Im Ergebnis habe das Verfahren zwar die Arbeitspreise gesenkt, allerdings zu Lasten der Leistungspreise. Und im Gegensatz zu den Arbeitspreisen zahlen die Leistungspreise nicht die Verursacher, sondern die Nutzer. Insgesamt seien dadurch auch die Gesamtkosten um 52 Prozent gestiegen.

Auf Anfrage zeigt sich die BNetzA skeptisch hinsichtlich dieser Analyse. Eine Einschätzung der Gesamtkosten sei zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht möglich. Zwar stimme es, dass die Leistungspreise gestiegen seien. Die Tatsache, dass eine Leistungsvorhaltung wenig wert war sei jedoch mit ein Grund dafür, dass sich die Arbeitspreise im Regelenergiemarkt von den Spotmarktpreisen völlig entkoppelt haben.

Ein weiterer Kritikpunkt von Next Kraftwerke ist die Zunahme extremer Netzsituationen. Während vor Einführung in 0,1 Prozent aller Viertelstunden mehr als 70 Prozent der verfügbaren Regelenergie abgerufen wurden, sei dieser Anteil auf 1,1 Prozent gestiegen. Zusätzlich kamen Abrufe von mehr als 80 Prozent der vorhandenen Leistung nach Einführung in 0,3 Prozent der Viertelstunden vor. Zuvor gab es keinen einzigen Fall.

Das liegt nach Ansicht von Aengenvoort aber nicht an einer Zunahme extremer Situationen, die einen Rückgriff auf Regelenergie notwendig machten. Vielmehr würden die gesenkten Arbeitspreise teilweise dazu führen, dass Ausgleichspreise aus dem Reservemarkt aus Gründen der Kostenoptimierung attraktiver werden als zum Beispiel Preise aus dem Intraday-Handel.

Auch hier ist die Bundesnetzagentur anderer Meinung. Das Mischpreisverfahren wirke sich nicht auf die Netzsituation aus. Vielmehr hätten die Übertragungsnetzbetreiber zu Beginn des vierten Quartals 2018 die Menge an vorgehaltener Regelenergie […] deutlich gesenkt, was prozentual gesehen zu einer höheren Inanspruchnahme von Regelenergie führe.

Ein weiterer Kritikpunkt in der Bewertung von Next Kraftwerke sind negative Auswirkungen des Mischpreisverfahrens auf Unternehmen, die auf sogenannte Clean-Tech-Lösungen setzen. Diese Unternehmen, wie Next Kraftwerke selbst, setzen auf hohe Arbeitspreise bei niedrigen Leistungspreisen und hätten somit in diesem System wenig Chancen, Zuschläge zu erhalten. Laut Unternehmenssprecher Aengenvoort würde dies dazu führen, dass Treiber der Energiewende vom Markt gedrängt würden und damit diejenigen, die diesen Markt bald übernehmen sollen.

Ist das Mischpreisverfahren bei allen Anbietern so unbeliebt? Lisa Pflaum, Expertin bei Aurora Energy Research beobachtet: Das Mischpreisverfahren für den Regelenergiemarkt wird von Marktteilnehmern sehr unterschiedlich bewertet. So würden kleinere Akteure wie Stadtwerke das Verfahren durchaus begrüßen, genauso wie Direktvermarkter von erneuerbaren Energien, da das Preisrisiko im Intraday-Handel verringert wird.

Insgesamt zeigt sich also, dass das Mischpreisverfahren im Regelenergiemarkt für gemischte Gefühle sorgt. Mit der europäischen Electricity-Balancing-Verordnung soll nun allerdings ein sogenannter Regelarbeitsmarkt entstehen. Dann würde das Mischpreisverfahren im Regelenergiemarkt laut Aussage der BNetzA systembedingt nicht mehr zur Anwendung kommen. Die Verordnung wurde im November 2017 beschlossen. Wann der Regelarbeitsmarkt wirklich kommt, ist jedoch noch ungewiss.

Lernen Sie Tagesspiegel Background kennen

Jetzt kostenlos lesen
Sie sind bereits Background-Kunde? hier einloggen