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Agrar & Ernährung

Standpunkte Von Rhetorik zur Realpolitik

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschlands und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie
Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschlands und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie Foto: Santiago Engelhardt

In der Debatte um das Kinder-Lebensmittel-Werbegesetz (KLWG) stehen sich Wirtschaft und Minister scheinbar unversöhnlich gegenüber, schreibt Christoph Minhoff. Jetzt sei es an Bundesminister Cem Özdemir, von Rhetorik auf Realpolitik umzuschalten. Nur so lasse sich der Konflikt befrieden.

von Christoph Minhoff

veröffentlicht am 17.11.2023

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Der Applaus schien sicher, das Ansinnen ehrenvoll, das Feindbild klar: Cem Özdemir, der überraschende Landwirtschafts- und Ernährungsminister, machte im neuen Amt früh klar, dass er nachhaltig Kinder vor Profitinteressen der Konzerne zu schützen gedenke, denn er sagte wortwörtlich: „Geld damit verdienen, indem man die Gesundheit der Kinder ruiniert, das halte ich für keinen überzeugenden Weg.“

Was für ein Statement! Framing und Narrativ-Setzung at its best! Böse Konzerne, amoralischer Reibach, verletzliche Kinder und ein politischer Siegfried, der gegen den Werbespots- und Junkfood-speienden Drachen reitet. Eine Heldengeschichte mit einem klitzekleinen, aber entscheidenden Schwachpunkt: Das Lindenblatt von Özdemir ist die Wahrhaftigkeit. Denn dort ist er besonders verwundbar.

In seinem KLWG geht es nicht um Kinder und Konzerne, sondern um Kühlschrank und Kontrolle. Werbung soll zur Geisel einer Ernährungspolitik werden, die in gute und schlechte Lebensmittel unterscheidet, das Ernährungsverhalten der Verbraucher nudgen möchte und selbst vor staatlichen Rezepturvorgaben nicht zurückschreckt.

Özdemir steht mit diesem Ansinnen nicht alleine da: Ihm zur Seite steht die Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), aus einigen ehemals reputierlichen medizinischen Fachgesellschaften hervorgegangen, die sich heutzutage wie Vorfeldorganisation von Pharmaunternehmen gerieren, assistiert von der Verbraucherzentrale Bundesverband und angeleitet von einem ehemaligen Kampagnero von Foodwatch, den geistigen Erfindern des Themas.

Diesem Zusammenschluss stellt sich eine starke Allianz aus Zeitungsverlagen, Fernsehanstalten, Sportverbänden, Influencern, Werbewirtschaft, Handwerk, Landwirtschaft, Lebensmittelverband und Ernährungsindustrie entgegen, warnt vor den katastrophalen Folgen für Medienvielfalt, Lebensmittelauswahl, Sportförderung und Werbetreibende. Sie beharren auf Wahrhaftigkeit gegenüber einer Politik, die auf der Basis anekdotischer Evidenz des „Das weiß doch jeder!“ und „Ist doch logisch!“ weitreichende Entscheidungen treffen will.

Zusammenhang zwischen Werbung und Übergewicht schwer nachzuweisen

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Werbeverbote für Lebensmittel, die nicht dem vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft leicht modifiziertem Nährwertmodell der Weltgesundheitsorganisation entsprechen, in dieser Form eine probate Maßnahme zur Prävention von Übergewicht und nichtübertragbaren Krankheiten sind. Die Grundthese lautet kurz: Werbung macht dick! Und genau das ist wissenschaftlich betrachtet Nonsens.

Die Studien, auf die sich DANK gerne beruft, untersuchen solche Zusammenhänge gar nicht. Es sind experimentelle Studien über „Auswahl- und Konsumverhalten“, nicht über Gewichtsentwicklung infolge von Konsumentscheidungen. Diese wird immer nur „vermutet“. Mittlerweile muss jüngst die Sprecherin der DANK und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, Barbara Bitzer, zugeben, dass „ein direkter Zusammenhang zwischen Werbung für Ungesundes und kindlichem Übergewicht“ nicht immer leicht nachzuweisen sei.

Überhaupt nimmt es die DANK mit der Wahrhaftigkeit von Erkenntnissen aus Studien nicht so genau. „15-mal täglich – so oft bekommen Kinder unter 14 Jahren im Durchschnitt Werbung für ungesunde Lebensmittel dargeboten“, zitiert Bitzer eine Studie, in der man im Experiment Kindern Fernsehprogramme aussetzte, aber leider (Zufall?) den Marktführer von Kinderprogrammen – den werbefreien Kinderkanal (Kika) von ARD und ZDF – gar nicht angeboten hat. Vermeintliche Lösungen nehmen Menschen die Eigenverantwortung.

Auch bemerkenswert: der Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Jens Aberle, äußert sich sehr positiv über ein aberwitzig teures Medikament: die Abnehmspritze von Novo Nordisk, ein nur bei Dauereinnahme angeblich erfolgreichen Fett-weg-Präparat, das derzeit medial Furore macht.

Die DANK steht für die einfachen Lösungen bei multikausalen Problemen. Übergewicht – Abnehmspritze! Zu viele Pfunde – Werbeverbote! Kein ästhetischer Body-Mass-Index – Zuckersteuer!  „Lösungen“, bei denen sie selber nicht in der Pflicht sind, sondern nur mit dem Finger auf andere zeigen müssen. Und Lösungen, die den Menschen ihre Eigenverantwortung absprechen. Dabei sind die Forderungen der DANK wissenschaftlich schwach unterfüttert. Alles nachzulesen unter www.lieber-mündig.de, einer Website der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie.

Die DANK treibt Minister Özdemir vor sich her und führte beim Gesetzentwurf dem Minister die Hand. Dabei entlarven sich die Autoren immer wieder selbst: Es geht nicht nur um „Kindersendungen“, sondern um alle erfolgreichen Formate von Sportübertragungen bis Abendunterhaltung. Es geht nicht um Kinder – sondern um das Erwachsenen-Umfeld, in dem sich auch Kinder befinden können. Es geht nicht um „Junkfood“, sondern um den Großteil von alltäglichen Lebensmitteln wie Wurst, Brot und Käse.

Gesetzentwurf beruht auf nicht belastbaren Belegen

Mein Fazit: In der emotional aufgeladenen Debatte um das Wohl der Kinder und das Kinder-Lebensmittel-Werbegesetz brauchen wir eine Rückkehr zu Wahrhaftigkeit und Augenmaß! Dass die Gesundheit von Kindern über allem steht, ist ebenso Konsens wie Binse. Da sind sich alle Protagonisten einig.

Wir sind uns aber nicht einig in der Interpretation der wissenschaftlichen Basis und in den daraus folgenden Maßnahmen. Statistikexpertin Katharina Schüller sagt, dass man, um eine wissenschaftlich fundiere Grundlage überhaupt schaffen zu können, eine Langfristbeobachtung einer Gruppe benötigt. Dass solche Studien teuer sind, ist uns allen klar. Aber Ergebnisse einer solchen Studie könnten der Diskussion einen erheblichen Nutzen bringen. Denn ein Gesetzesentwurf, der von Annahmen ausgeht, für die es keine belastbaren Belege gibt, ist politisch fragwürdig und nicht verhältnismäßig.

Deshalb ist es die Aufgabe von Cem Özdemir, vor der Vorlage eines solchen Gesetzes Folgenabschätzungen vorzunehmen und nicht durch den öffentlichen Druck von Kampagnenorganisationen zu versuchen, pauschale Verbote durchzusetzen.

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