Wald : Gute Holzrohstoffpolitik priorisiert Wertschöpfung – nicht die Produktion von Asche
Eine Modellierung des Thünen-Instituts hat ergeben, dass der Holzvorrat in deutschen Wäldern in den nächsten 40 Jahren relativ stabil bleibt. Ein Freifahrtschein fürs weitere Verbrennen von Holz? Nein, meint Sven Selbert vom Naturschutzbund Deutschland. Dies wäre eine unverantwortliche Vernichtung von Werten und Chancen. Gerade das Laubholz könne mit der Technik des 21. Jahrhunderts wieder ein Motor für Innovation, Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Klimaschutz werden.
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Die neuen Ergebnisse der Waldentwicklungs- und Holzaufkommensmodellierung (WEHAM) werden heute im Rahmen der Jahresveranstaltung der Charta für Holz 2.0 unter dem Titel „Wald im Wandel: Perspektiven der Wald- und Rohholzentwicklung“ in Berlin und online diskutiert. Das neue Szenario des Thünen-Instituts liefert wertvolle Orientierung – doch es bedarf dringend sowohl einer methodischen als auch einer politischen Einordnung. Falsche Lobby-Erzählungen leiten uns sonst auf einen Holzweg, der die Werte der Wälder und gesellschaftliche Zukunftschancen buchstäblich verbrennt.
Das Denken in Fichtenfestmetern muss enden
Bei der Bewertung der deutschen Automobilindustrie zählt niemand die jährlich produzierten Tonnen Blech. Entscheidend sind Wertschöpfung, gute Arbeitsplätze, technologisches Know-how, globale Wettbewerbsfähigkeit und innovative Produkte. Holz als strategischer Rohstoff der Bioökonomie verdient dieselbe Perspektive. Die Debatte darf sich daher nicht länger auf Erntekubikmeter konzentrieren – sondern auf die Frage, wie wir aus heimischem Holz das Beste machen.
Die vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gemeinsam mit dem Thünen-Institut vorgestellte WEHAM schätzt das Rohholzpotenzial bis 2062 auf weiterhin bis zu 80 Millionen Erntefestmeter jährlich. In seiner Pressemitteilung betont das BMLEH zu Recht: Holz bleibt ein wichtiger nachwachsender Rohstoff – auch unter veränderten klimatischen Bedingungen.
Doch eine entscheidende Ergänzung fehlt: Nicht die Menge ist entscheidend, sondern welche Holzsortimente tatsächlich anfallen – und welche Werte wir daraus schöpfen.
Fatamorganaholz? Warnung vor massiven Laubholzphantasien
Zwischen Holzaufkommensmodell und realem Sägewerk liegt ein weiter Weg. WEHAM ist zwar extrem gut darin den Status quo zu beschreiben. Das Modell scheitert aber aus methodischen Grünen daran die fernere Zukunft vorherzusehen. Denn für entscheidende Prozesse wie klimabedingte Schadereignisse, Nachfrage- und Preiseffekte oder politische Entscheidungen ist das Modell blind.
Klar ist zwar, die Baumartenvielfalt nimmt zu und Laubholz wird mengenmäßig wichtiger – insbesondere Eiche, Buche und weitere Mischbaumarten. Das klingt vielversprechend. Doch wer auf eine Laubholzschwemme setzt, droht einer Illusion aufzusitzen. Denn was als enormer Laubholzvorrat im Waldmodell erscheint, ist noch lange nicht mobilisierbar, nutzbar oder marktfähig. Eigentümerinteressen, sinnvolle Restriktionen der Nutzung und naturräumliche Einschränkungen begrenzten bislang und wohl auch zukünftig die tatsächliche Nutzung. Wer hier zu viel verspricht, erzeugt politisches Fatamorganaholz – ein Trugbild vermeintlicher Verfügbarkeit, das schnell zu einer verfehlten Politik der Fehlanreize etwa zur Verbrennung real nicht verfügbarer Laubholzmengen führen kann.
Werte zu Wertschöpfung, nur Schrottholz zu Staub
Dass Holz gut brennt, ist ein Nebeneffekt, kein Qualitätskriterium. Alte Meisterwerke oder verzehrfähige Lebensmittel brennen auch gut – sinnvoll ist aber nur die energetischer Nutzung alter lackierter Bilderrahmen und von Biomüll.
Ein Teil der Branche nutzte die WEHAM-Zahlen aber bereits, um ein vermeintlich großes Ausbaupotenzial für die energetische Holznutzung zu belegen. Doch das ist kein Zukunftspfad, sondern der Holzweg nach Gestern. Selbst wenn man die gesamte heute nutzbare Waldholzmenge direkt verfeuern würde, bekäme man damit gerade einmal rund 160 Terawattstunden, also etwa zehn Prozent des jährlichen deutschen Strom- und Wärme-Endenergiebedarfs, abgedeckt.
Die ökonomische Logik ist eindeutig: Ein Festmeter Holz kann bei Kaskadennutzung um die 1000 Euro Bruttowertschöpfung erzeugen. Hochgerechnet auf das WEHAM-Potenzial ergibt das gut 50 Milliarden Euro jährlich – und ungefähr das Zehnfache dessen, was durch unmittelbare Verbrennung des Frischholzes zu erzielen wäre.
Die Charta für Holz 2.0 als Kompass der Wertschöpfung
Holz ist und bleibt ein zentrales Fundament der Bioökonomie – und ein begrenzter Rohstoff, der künftig in vielfältigen und teils anspruchsvollen Sortimenten anfallen wird. Deshalb braucht es eine nationale Holzrohstoff- und Biomassepolitik, die Qualität vor Quantität stellt: Gesunde Ökosysteme, hochwertige Nutzung, Innovationsförderung und moderne Verarbeitungstechnologien müssen im Mittelpunkt stehen – nicht das Fortschreiben von Mengenmodellen.
Die heute im Charta 2.0 Prozess diskutierten Fragen sind von zentraler Bedeutung: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft können gemeinsam die Leitplanken für eine zukunftsfähige Holznutzung definieren. Die WEHAM-Daten dürfen dabei nicht als Ersatz für politische Prioritätensetzung missverstanden werden.
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