Wenig Ertrag, weitreichende Folgen : Warum eine höhere Schaumweinsteuer der falsche Weg ist

Silvia Wiesner
Silvia Wiesner, CEO der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien

Die geplante Erhöhung der Schaumweinsteuer wird zu einem Rückgang des Verbrauchs und im Endeffekt zu sinkenden Steuereinnahmen führen, meint Silvia Wiesner. Zugleich träfe die Mehrbelastung vor allem mittelständische Hersteller und günstige Produkte. Die Folgen: weniger Investitionen, bedrohte Arbeitsplätze und Einbußen für Handel, Gastronomie und Kommunen. Auch Innovationen wie alkoholfreie Alternativen würden ausgebremst.

von Silvia Wiesner, Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien

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Die Diskussion über die von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil geplante Erhöhung der Schaumweinsteuer folgt einem vertrauten Muster: Kurzfristige Einnahmen werden für den Bund benötigt. Eine Verbrauchssteuer soll es richten. Was so einfach klingt, ist realistisch keine Lösung, sondern maximal ein fiskalisches Nullsummenspiel.

Die aktuellen Haushaltsannahmen unterstellen stabile Absatzmengen. So sollen 65 Millionen Euro – was lediglich 0,01 Prozent des Bundeshaushalts entspricht – zusätzlich in der Staatskasse landen. Diese Berechnung mag zwar der klassischen Vorgehensweise bei der Erstellung des Bundeshaushalts entsprechen, geht jedoch in diesem Fall weit an der Realität vorbei.

Der Schaumweinmarkt ist seit Jahren rückläufig. Erhöhungen der Endverbraucherpreise führen zu spürbaren Absatzrückgängen. Bei Berücksichtigung realer Marktreaktionen würden die erwarteten Steuermehreinnahmen perspektivisch nicht steigen, sondern zurückgehen. Aktuelle Modellrechnungen vom Verband Deutscher Sektkellereien zeigen, dass Absatzrückgänge bereits 2029 dazu führen würden, dass die absoluten Steuereinnahmen um 2,1 Prozent unter das Ausgangsniveau von 2026 fallen werden – trotz der relativen Erhöhung.

Mehr als es klingt: 20 Cent machen einen relevanten Unterschied

Gleichzeitig steigt bei Umsetzung der geplanten Erhöhung die zusätzliche Steuerbelastung für die Schaumweinhersteller um rund 20 Prozent. Für Unternehmen greift diese Belastung prozentual wie absolut im gleichen Maße, da die Steuer als Mengensteuer unabhängig vom Preis pro Flasche anfällt. Aus 1,02 Euro pro Flasche würden so rund 1,22 Euro werden, zuzüglich Mehrwertsteuer.

20 Cent klingen nicht viel, sind aber in Relation zum durchschnittlichen Verkaufspreis einer Flasche Schaumwein in Deutschland zu betrachten. Der Schaumweinmarkt ist offensichtlich preissensibel: Rund 85 Prozent aller Schaumweine in Deutschland werden für einen Preis von unter 3,50 Euro verkauft, zeigen interne Daten des Marktforschungsinstituts Circana für den Zeitraum von Juli 2025 bis Juni 2026. 20 Cent fallen für gemeinhin leistbare Produkte deutlich stärker ins Gewicht als beispielsweise bei einer hochpreisigen Flasche Champagner für 40 Euro und mehr.

Damit wird ausgerechnet der bezahlbare Genuss für die Mitte der Gesellschaft am stärksten belastet. Sollen höhere Preise insbesondere das Verhalten einkommensschwächerer Menschen beeinflussen? Dieser unvermeidbare Effekt kann nicht gewollt sein. Aus der Vergangenheit wissen wir jedoch: Bereits eine aus der Steuererhöhung resultierende Preissteigerung von rund 30 Cent pro Flasche kann über Kauf oder Nichtkauf entscheiden.

Was die geplante Steuererhöhung für den Mittelstand bedeutet

Für ein mittelständisch geprägtes Unternehmen wie Rotkäppchen-Mumm, das einen wesentlichen Teil seiner Wertschöpfung in Deutschland schafft, wirkt die Steuer doppelt. Als Mengensteuer trifft sie die günstigeren Produkte im Portfolio überproportional – und anders als bei internationalen Konzernen mit hochpreisigen Portfolios fehlen die Möglichkeiten zur Quersubventionierung.

Ein Absatzrückgang hierzulande kann nicht durch eine Verlagerung ins Ausland ausgeglichen werden, denn Deutschland ist der zentrale Absatzmarkt der Sektbranche. Fast 90 Prozent der in Deutschland hergestellten Flaschen Sekt werden im Inland vermarktet.

Nicht besteuerte, vor allem ausländische Perlweine würden hingegen von den zu erwartenden Ausweichreaktionen der Verbraucher:innen profitieren. Das reduziert nicht nur die prognostizierten Steuererträge, sondern schwächt zugleich die Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit deutscher, mittelständischer Produzenten.

Die Folge: Durch massive Absatzverluste muss der Erhalt von traditionsreichen Standorten hinterfragt werden. Der Erhalt von Arbeitsplätzen in ländlichen Regionen wird schwieriger, Unternehmen kommen an die finanzielle Belastungsgrenze – oder darüber hinaus.

Die Auswirkungen reichen dabei weit über die produzierenden Unternehmen hinaus. Belastet werden auch Handel, Gastronomie, Hotellerie, Eventwirtschaft, Glashütten sowie zahlreiche weitere Dienstleister und Zulieferer. Viele Unternehmen stehen bereits heute unter erheblichem Druck durch steigende Kosten, rückläufige Nachfrage sowie anhaltende wirtschaftliche Unsicherheit.

Dass eine weitere Belastung für unsere Partner ebenso einschneidende Folgen haben wird, ist offensichtlich. Einen offenen Brief gegen die Erhöhung der Schaumweinsteuer unterzeichneten daher auch 130 Unternehmen aus der gesamten Wertschöpfungskette.

Und dort endet die Zusatzbelastung nicht: Auch die Kommunen müssen die Folgen einer solchen Steuererhöhung auf Bundesebene einkalkulieren. Denn wenn Absatz, Umsatz und Gewinne regional ansässiger Unternehmen sinken, werden auch Gewerbesteuer, Körperschaftsteuer und Umsatzsteuer zurückgehen – und damit Einnahmen von Ländern und Kommunen. Der Bund nimmt im besten Fall einen begrenzten Betrag ein, verteilt die wirtschaftlichen Risiken aber in die Regionen.

Das trifft besonders dort, wo Sektkellereien, wie beispielsweise Rotkäppchen-Mumm in Freyburg, ein bedeutender Gewerbesteuerzahler ist. Oftmals sind es ländliche Kommunen, die ohnehin strukturell unter Druck stehen, die so Einnahmen als mittelbare Konsequenz der Schaumweinsteuererhöhung verlieren werden.

Kerngeschäft nicht schwächen

65 Millionen Euro sind für den Bundeshaushalt beinahe ein Rundungsfehler – für mittelständische Betriebe sind sie eine enorme weitere Zusatzbelastung. Und zwar eine, die in einem ohnehin anspruchsvollen Marktumfeld erhebliche Unsicherheit bei der wirtschaftlichen Planung bedeutet und Einschnitte in das operative Ergebnis und damit in die Zukunftsfähigkeit nach sich zieht. Investitionen müssten reduziert, pausiert oder ganz ausgesetzt werden.

Besonders kontraproduktiv ist ein solcher Schritt bei der Innovationskraft für alkoholfreie Alternativen. Deutsche Hersteller gehören hier zu den Vorreitern: Mit Rotkäppchen haben wir beispielsweise schon seit 2008 alkoholfreie Alternativen im Portfolio; seit 2015 betreiben wir eine eigene Anlage zur Entalkoholisierung. Innovationen wie diese müssen aus einem erfolgreichen Kerngeschäft mit klassischem Schaumwein finanziert werden.

Zusätzliche steuerliche Belastungen würden damit genau jene Innovationskraft beeinträchtigen, die gesundheitspolitisch erwünscht ist. Oder anders gesagt: Wer das Kerngeschäft zusätzlich belastet, schwächt Investitionen in die Getränkeangebote von morgen. Als Geschäftsführerin eines Unternehmens, das seit Jahrzehnten in deutsche Standorte, Marken und Innovationen investiert, blicke ich mit großer Sorge auf eine solche Entwicklung.

Fazit: Eine Steuer, die kaum Einnahmen bringt, die mittelständische Wirtschaft schwächt und Investitionen hemmt, sollte nicht Bestandteil einer zukunftsorientierten Haushaltspolitik sein. Der Gesetzgeber hat im jetzt startenden parlamentarischen Verfahren noch die Chance, auf die geplante und wirtschaftlich kontraproduktive Erhöhung der Schaumweinsteuer zu verzichten.

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