Standpunkt Der Geist des digitalen Kapitalismus

Oliver Nachtwey, Volkswirt und Soziologe, erklärt das Mindset der großen Tech-CEOs – und wie sie Regulierung verhindern wollen. Ein Standpunkt anlässlich seiner heutigen re:publica-Keynote.

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Die amerikanischen Digitalkonzerne der Westküste gehören zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Sie weisen jedes Quartal Milliardengewinne aus, ihre Spielräume werden in Zukunft jedoch enger werden. Besonders in Europa drohen ihnen eine Reihe von Regulierungen. Und in China entsteht ihnen Konkurrenz von Tencent und Alibaba, die auf gigantischen Märkten und in einem günstigen Umfeld arbeiten können.

Zumindest mittelfristig werden die amerikanischen Tech-Konzerne jedoch ihre Avantgarderolle auf den digitalen Märkten behalten. Ihre Technologien sind tief in den Lebensalltag der Menschen eingedrungen und die Netzwerkeffekte machen es schwer, auf Alternativen umzusatteln. Zudem treiben sie weiter den Aufbau ihrer soziotechnischen Ökosysteme voran und investieren Milliarden in die Forschung.

Tech-Konzerne haben eine Mission

Einer ihrer wesentlichen strategischen Vorteile ist es zudem, dass sie Träger einer spezifischen Wirtschaftsgesinnung sind. Sie haben eine Mission. Zumindest behaupten sie, eine solche zu haben. Aus den Vorstandsetagen der Tech-Konzerne wie Facebook und Google, tönt es immer wieder: Wir verbessern die Welt, wir lösen gesellschaftliche Probleme. Das ist auf den ersten Blick verwunderlich, denn schließlich handelt es sich ja nicht um NGOs, sondern um Unternehmen.

Für viele Beobachter wirkt dies wie eine zynische Camouflage. Schließlich haben die großen kalifornischen Tech-Konzerne in den letzten Jahren vor allem von sich reden gemacht, weil sie trotz riesiger Gewinne kaum Steuern zahlten, ihre Monopolstellungen ausnutzen, Daten sammeln und verkaufen, die ihren Nutzern gehören und schließlich zur Verbreitung von Fake News und politischen Manipulation beitrugen.

Milliardenvermögen und Kapuzenpullis

Die Biografien der Tech-CEOs erzählen aber eine andere Geschichte: Eine Geschichte von Menschen, die von den gesellschaftsverändernden Potentialen einer Technologie begeistert waren. Man kann annehmen, dass sie zumindest zu Beginn ihrer Karriere nicht geplant hatten, mit milliardenschweren Konzernen einmal ein wesentlicher Teil globaler Konflikte zu sein. Auch nachdem sie erfolgreich geworden sind, lehnen sie sich nicht in ihrem Wohlstand zurück, sondern arbeiten unentwegt an ihrer Mission. Reichtum stellen sie nicht zur Schau, sondern treten noch als CEO eines milliardenschweren Internetunternehmens mit Kapuzenpulli und Turnschuhen in Erscheinung. Einen relevanten Teil ihres Vermögens spenden sie für wohltätige Zwecke.

Auch für viele der hochqualifizierten Mitarbeiter ist der Gedanke der Sinnhaftigkeit ihres Tuns durchaus attraktiv. Das sind in der Regel keine Zyniker, sondern Personen, für die etwa Googles ursprünglicher Firmenslogan „Don’t be evil“ eine wirkliche Bedeutung hat.

Technologie soll politische Reformen ersetzen

Der Kapitalismus brauchte von Beginn an eine außerökonomische, kulturelle Triebfeder. Bei der Rhetorik der Weltverbesserung handelt um einen neuen digitalen Geist des Kapitalismus. Der Soziologie Max Weber hatte diesen Begriff für die protestantische Berufsethik, Disziplin und Rationalität gebraucht. Im digitalen Geist des Kapitalismus geht es nun primär darum, die Welt durch eine Technologie, eine Applikation, ein Start-Up gelingender zu gestalten. Die CEOs der Digitalkonzerne haben diese Haltung kultiviert. Für die Entrepreneure aus dem Silicon Valley ist die Welt voller kleiner und großer Fehler, sogenannter Bugs. All die kleinen und großen Bugs gilt es wie bei einem Programm, das zwar funktioniert, aber häufig abstürzt, nach und nach zu fixen.

Sie streben nicht nach Reformen, sondern nach technischen Lösungen. Die Ursache für viele Bugs sehen die Tech-Entrepreneure zudem im Bestehen von Institutionen und Regeln wie etwa dem Sozialstaat oder dem Arbeitsrecht. Sie stünden der vollen Verwirklichung menschlichen Potenzials im Wege, da sie Innovation und Initiative hemmen und lediglich Partikularinteressen schützen würden. Es bleibt deshalb auch nur wenig Platz für normative Tradeoffs (zum Beispiel zwischen Freiheit und Sicherheit) oder für demokratische Fragen – die parlamentarische Demokratie wird dementsprechend oft auch als veraltete Technologie betrachtet.

Der Geist des digitalen Kapitalismus erfüllt dabei die gleiche Funktion wie seine Vorläufer: Er rechtfertigt sehr erfolgreich unternehmerisches Handeln und die Abwehr von Regulation – mit den Mitteln einer außerökonomischen Ethik.

Oliver Nachtwey ist ein deutscher Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler. Derzeit ist er Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel. Für sein Buch Die Abstiegsgesellschaft erhielt Nachtwey 2017 den von der Friedrich-Ebert-Stiftung vergebenen Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik. In seiner jüngeren Forschung fokussiert er insbesondere auf die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung.

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