Deutsche Robotikstrategie : Deutschland muss „Physical AI“-Champion sein
Selbstlernende Industrieroboter, intelligente Pflegroboter und selbstlenkende Drohnen – Deutschland muss „Physical AI“-Champion werden, sagt Thomas Koenen, Co-Bereichsleiter Innovation, Sicherheit und Technologie beim Bundesverband der Deutschen Industrie e.V.
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Die diesjährige Hannover Messe steht unter dem Motto „Think Tech Forward“. Inhaltlich geht es vor allem um Physical beziehungsweise Industrial AI. Im Unterschied zum weltweiten Rennen um KI-Software aufgrund des bemerkenswerten Erfolgs der Large Language Models sind bei der Physical AI Engpässe, Machtfaktoren und Skalierungslogiken völlig andere: KI ist primär ein digitales Skalierungsrennen, Physical AI ein industrielles Systemrennen.
Physical AI ist mit Sprachmodellen nicht vergleichbar
Physical AI bezeichnet Künstliche Intelligenz, die direkt in physische Systeme eingebettet ist und über Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung in der realen Welt verfügt. Sie existiert verkörpert (daher häufig auch Embodied AI) in Maschinen und ist an Naturgesetze, Sicherheit und Materialität gebunden.
Sie ist über Materialien, Energie, Fertigung und Logistik an die Grenzen der Physik gebunden. Skalierung ist auch hier möglich, allerdings weniger exponentiell und in langsameren Zyklen. Wettbewerbsvorteile im KI-Rennen sind Rechenleistung, Trainingsdaten, Algorithmen und talentierte Forscher:innen. Sie sind damit enorm konzentrierbar auf einige wenige Anbieter.
Systemengineering als Wettbewerbsvorteil
Wettbewerbsvorteile bei Physical AI entstehen nicht primär durch ein einzelnes starkes KI‑Modell, sondern durch langfristig aufgebaute, schwer kopierbare Systemfähigkeiten. Wettbewerbsvorteil haben Akteure, die dieses Gesamtsystem aus einer Hand entwickeln und beherrschen. Oder anders: Bei Physical AI gewinnt nicht das beste Modell, sondern das beste Systemengineering.
Technisch entscheidend sind Sensorik, Aktorik, kognitive KI, Echtzeitsteuerung und physische Interaktion mit der Umwelt. Physical AI verbindet damit wissenschaftlich betrachtet Robotik, Kognitionswissenschaft, Materialwissenschaft und maschinelles Lernen zu einem holistischen System. Der Unterschied zur bisherigen deterministischen Robotik, bei der Verhalten vollständig durch vorab definierte Regeln festgelegt ist, zeigt sich deutlich. Sie verhält sich gegenüber Physical AI wie ein Notenblatt (präzise und wiederholbar) zu improvisiertem Jazz.
Bei den hochperformanten Rechenzentren in den USA ist noch weitgehend unklar, wie sich die enormen Kosten amortisieren werden. Die Geschäftsmodelle im Bereich Physical AI sind eindeutiger: von autonomen Fahrzeugen und Lieferdrohnen im Bereich der Mobilität über selbstlernende Fertigungsroboter in der Industrie, Assistenz- und Reha-Roboter in der Medizin, autonome Systemen im Bereich Defense bis hin zu Haushaltsrobotern entstehen neue Milliardenmärkte.
Nicht zu unterschätzen: Robotik für mehr Souveränität
Durch die absehbaren neuen Einsatzfelder gewinnt die Robotik kontinuierlich an strategischer Bedeutung für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Wachstum. Innovative Anwendungen tragen dazu bei, zentrale strukturelle Herausforderungen wie Fachkräftemangel, die alternde Erwerbsbevölkerung oder den steigenden internationalen Kostendruck zu bewältigen.
Der weltweite Industrie-Robotikmarkt wird sich laut BDI-Deeptech-Studie von rund 20 Milliarden Euro im Jahr 2024 bis 2030 auf 40 Milliarden Euro verdoppeln. PWC berechnet ein Marktpotenzial von insgesamt 430 Milliarden Euro bis 2030 für den Einsatz von physischer KI im Mobilitätssektor, in Luft- und Raumfahrt sowie Gesundheit und Verteidigung. Angesichts dieser Potenziale müssen wir sicherstellen, dass wir in diesem Innovationsrennen nicht ins Hintertreffen geraten, denn die Abhängigkeiten, die hier entstehen können, sind um ein Vielfaches größer als bei Office-Software und Sprachmodellen.
Ausgangssituation ist gut
Deutschland verfügt mit weltweit führenden Unternehmen und Universitäten über eine starke Ausgangslage im Hardwarebereich und in der Automatisierungstechnik. Es gilt, aus der vorhandenen Erfahrung der einzelnen Industrievertikalen aufzubauen, und diese im Zusammenspiel mit KI auf die nächste Entwicklungsstufe zu heben und Stärken wie im Bereich Sensorik und Aktorik, Regelungstechnik und Sicherheit auszuspielen.
Letztere spielt bei Physical AI eine herausragende Rolle, denn auch hier kann es ebenso wie bei Sprachmodellen zu Halluzinationen kommen. Sie sind aber potenziell deutlich folgenreicher. Physical‑AI‑Halluzinationen sind falsche Weltannahmen, die zu realen Fehlhandlungen führen. Zum Beispiel verwechselt ein Pflegeroboter normales Verhalten mit einem Notfall. Hier kann und muss Deutschland seine Stärken voll ausspielen, denn Vertrauen in Sicherheit, Präzision und Datenschutz werden entscheidend für den weltweiten Markterfolg sein.
Starke Industrieerfahrung spricht für Deutschland
Die Bestandsaufnahme zeigt, dass Deutschland über ausgeprägte technologische Stärken und industrielle Kompetenzen in der KI-basierten Robotik verfügt. Junge Unternehmen, wie Neura Robotics oder Agile Robots, machen schnell Fortschritte bei der Humanoiden Robotik. Zugleich wird deutlich, dass kritischer Handlungsbedarf besteht, um den Anschluss an die Wettbewerber nicht zu verlieren.
Die Bundesregierung hat mit der im Juli 2025 verabschiedeten Hightech Agenda Deutschland erste Weichen gestellt. Sie bildet einen Auftakt, indem sie Robotik im Rahmen einer umfassenderen KI-Strategie berücksichtigt. Um das wirtschaftliche Potenzial dieser Technologie jedoch voll auszuschöpfen, muss der Fokus auf KI-gestützte Robotik deutlich vertieft werden. Konkret heißt das: Ausarbeitung und Umsetzung einer dedizierten, innovationsfreundlichen Robotikstrategie gemeinsam mit der Industrie.
Thomas Koenen ist einer der beiden Bereichsleiter Innovation, Sicherheit und Technologie beim Bundesverband der Deutschen Industrie.
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