Verflechtung mit Tech-Konzernen : Irland ist die Stimme des Silicon Valley in der EU
Irland ist strukturell abhängig von den Einnahmen, die ihnen die Europazentralen von Apple, Microsoft, Meta, Google und Co. bescheren. Die EU sollte deshalb offen benennen, dass Dublin kein neutraler Akteur in der europäischen Digitalpolitik ist. Und Irland einen Deal anbieten.
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Der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll kam in den 1950er Jahren nach Irland – auf der Suche nach etwas, das Europa verloren hatte: Einfachheit, Authentizität. Er fand, was er suchte, und er liebte es. Aber was würde er vom heutigen Irland halten?
Zweigstelle kalifornischer Tech-Konzerne
Das Land beheimatet die europäischen Hauptsitze von Apple, Google, Meta, Microsoft und vielen weiteren US-Technologieunternehmen. Ein Land, dessen Staatsfinanzen ebenso sehr von Entscheidungen in kalifornischen Vorstandsetagen abhängen wie von politischen Entscheidungen in Dublin oder Brüssel. Denn Irland hat zugelassen, dass es zu einer wirtschaftlichen Zweigstelle geworden ist. Es gibt drei Merkmale, die Irlands Situation von allen anderen EU-Mitgliedsstaaten unterscheiden.
Zwar hat jede große Volkswirtschaft prägende Unternehmen. Deutschland hat Volkswagen: einheimisch, industriell, seit mehr als einem Jahrhundert tief im deutschen Selbstverständnis verankert. Irland dagegen hat Apple, Google, Meta, Microsoft. Keines dieser Unternehmen ist irisch. Es sind amerikanische Konzerne, die Irland als ihren europäischen Rechts- und Steuersitz gewählt haben.
Merkmale der Verflechtung
Das erste Merkmal: Irlands Beziehung zu den amerikanischen Tech-Multis beruht im Wesentlichen auf dem Zugang zum EU-Binnenmarkt, auf (im EU-Vergleich) großer Arbeitsmarktflexibilität, auf einem riesigen Rechts- und Regulierungsapparat, der um die Multis herum errichtet wurde. Vor allem aber – machen wir uns nichts vor – beruht sie auf günstiger Steuergestaltung. Es handelt sich dabei um eine transaktionale Beziehung, aufgebaut auf Briefkastenfirmen, IP-Holdingstrukturen und der Verschiebung immaterieller Vermögenswerte.
Das zweite Merkmal ist ein Konzentrationsrisiko, dessen Ausmaß jedem seriösen Ökonomen Sorgen machen sollte. Die Abhängigkeit Irlands von Tech und Pharma ist einzigartig: Nach Angaben des unabhängigen Irish Fiscal Advisory Council entfielen allein auf drei multinationale Unternehmen – vermutlich Microsoft, Apple und Eli Lilly – im Jahr 2024 für 46 Prozent aller Körperschaftsteuereinnahmen. Mehr noch: Die zehn größten Unternehmensgruppen standen für 56 Prozent der gesamten irischen Steuereinnahmen.
Ein Vergleich: Im OECD-Durchschnitt liegt der Anteil der Körperschaftsteuer an den Gesamteinnahmen bei rund 12 Prozent, in Deutschland bei sechs Prozent. Irland kam 2025 auf mehr als 30 Prozent. Das Fiscal Council hat dies mit Norwegens Öleinnahmen verglichen: ertragreich, risikoreich und möglicherweise endlich. Norwegen baute den größten Staatsfonds der Welt, um dieses Risiko zu bewältigen. Irland gibt trotz zweier langfristiger Investitionsfonds etwa 90 Prozent dieses Geldsegens jährlich direkt wieder aus.
Das dritte Merkmal ist die verzerrende Wirkung auf die irische Wirtschaft durch Steuergestaltung. Irlands modifiziertes Bruttonationaleinkommen, also die Wirtschaftskraft ohne die Aktivitäten multinationaler Konzerne, liegt rund 40 Prozent unter dem nominalen BIP. Irland ist nicht in der Lage, seine eigene Wirtschaft korrekt zu messen, weil die Multis die Zahlen völlig „kolonisiert“ haben.
Gefangen in Abhängigkeiten
Betrachten wir nun, wie diese Merkmale politische Abhängigkeiten schaffen.
Irland ist nicht Delaware, kein virtueller Standort. US-Unternehmen beschäftigen in Irland direkt rund 245.000 Menschen – fast zehn Prozent der Erwerbsbevölkerung. Sie sind der Teil der irischen Wirtschaft, der die Staatsfinanzen liquide hält. Das erklärte Ziel der Trump-Regierung, amerikanisches geistiges Eigentum und Produktion zurückzuholen, ist eine existenzielle Bedrohung für das irische Wirtschaftsmodell – und Dublin weiß das.
Der irische Premierminister betont deshalb stets, Europas Antwort an Washington müsse „besonnen, maßvoll und verhältnismäßig" sein. Übersetzt: Bitte provoziert die Amerikaner nicht so sehr, dass sie am Ende noch ihre irischen Investitionen überdenken. Irlands Festlegung, EU-Digitalsteuern „abzuwehren", ist kein Resultat politischer Prinzipien, sondern blinde Panik. Genauer gesagt: die Panik eines Landes ohne Strategie für den Fall, dass die Tech-Firmen abziehen.
Strukturell betrachtet agiert Irland deshalb als Stimme des Silicon Valley im Europäischen Rat.
Nirgendwo ist das sichtbarer als in Irlands Rolle als federführende Datenschutzaufsicht. Aufgrund des One-Stop-Shop-Mechanismus der DSGVO ist die irische DPC die primäre Regulierungsstelle für nahezu alle großen US-Techfirmen in Europa. Die Bilanz ist verheerend: Zwar wurden seit 2018 DSGVO-Bußgelder von mehr als vier Milliarden Euro verhängt, aber nur 20 Millionen Euro – weniger als 0,5 Prozent – wurden tatsächlich eingetrieben. Die Entscheidungen der DPC wurden wiederholt vom Europäischen Datenschutzausschuss korrigiert, der strengere Maßnahmen verhängte, als Dublin durchzusetzen bereit war.
Im September 2025 ernannte die irische Regierung eine ehemalige hochrangige Lobbyistin von Meta zur Datenschutzbeauftragten – eine Frau, die bis wenige Monate vor ihrer Ernennung dafür bezahlt worden war, im Auftrag von Meta bei der irischen Regierung gegen strenge Datenschutzmaßnahmen zu lobbyieren. Helen Dixon, die die Datenschutzbehörde DPC ein Jahrzehnt lang leitete, wechselte nach ihrem Ausscheiden 2025 zu Mason Hayes & Curran – einer Kanzlei, die Meta, Instagram, Airbnb, Fitbit,Slack, Stripe und WhatsApp zu ihren Mandanten zählt. Ein behagliches Kartell, das in beide Richtungen funktioniert.
Was nun zu tun ist
Aus dieser Gemengelage ergeben sich meiner Ansicht nach vier Schlussfolgerungen.
- Irland ist kein neutraler Akteur in der europäischen Digitalpolitik. Es ist befangen. Seine wirtschaftliche Abhängigkeit ist so tiefgreifend, dass es in Debatten über Digitalregulierung, Wettbewerbspolitik oder Datenschutz nicht als unparteiische Stimme auftreten kann. Brüssel sollte das offen benennen.
- Die EU braucht eine echte zentrale Aufsichts- und Durchsetzungsbehörde, abgeschirmt von nationalen Wirtschaftsinteressen – nach dem Vorbild der Verlagerung der Bankenaufsicht zur EZB.
- Washington versteht Irlands Abhängigkeit besser als Dublin selbst. Trump betrachtet Irland als Werkzeug – nützlich, um amerikanische Interessen in die EU zu projizieren und einsetzbar gegen Irland selbst, wenn die Beziehung sich verschlechtert. Trumps Bemerkung, Irland „betrüge" die USA bei Arzneimitteln – geäußert, während er den Premierminister herzlich empfing –, ist eine Warnung.
- Europa muss aufhören, so zu tun, als funktioniere die derzeitige Gemengelage. Die EU sollte Irland einen großen Deal anbieten: Wenn Dublin bereit ist, die Tech-Regulierung und Durchsetzung auf die europäische Ebene zu verlagern, erhält es aktive Unterstützung bei den Fragen, die der irischen Regierung schlaflose Nächte bereiten: Bei Sicherheit, Verteidigung und dem nächsten EU-Haushalt, für den Irland ein großer Nettozahler sein wird.
Dr. Eoin Drea ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wilfried-Martens-Zentrum für Europastudien und hat sich auf Geopolitik, Makroökonomie und Sozialpolitik spezialisiert. Er ist Experte für die politische Ökonomie der Europäischen Union mit den Schwerpunkten Zukunft der Eurozone sowie Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien sowie zwischen der EU, den USA und Irland (der Anglosphäre).
Der Text ist die gekürzte Version einer Rede auf dem European Data Summit der Konrad-Adenauer-Stiftung Mitte April.
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