Standpunkt : Deutschlands Tech-Sektor ist keine Wette mehr
Technologie aus Deutschland hat inzwischen einen festen Platz in der Wertschöpfung des Landes. Allerdings: In Deutschland bekommt das kaum jemand mit, weil man hier traditionell stark auf die Industrie blickt. Das deutsche Selbstverständnis müsse sich endlich an die neue Realität anpassen, fordert Suranga Chandratillake im Standpunkt.
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Deutschland, Land der Ingenieure? Dieser Ruf steht seit Jahren zur Debatte. Bei digitalen Geschäftsmodellen hatte das Land den Anschluss früh verloren, in der Industrie hielt die Technologieführerschaft länger – bis die Konkurrenz aus Asien auch daran rüttelte. Was blieb, war die starke universitäre Forschung. Doch daraus entstanden zu selten Unternehmen von internationalem Gewicht. Wer aus dem Labor heraus gründen wollte, ging in die USA. Gerade im Deep-Tech-Bereich, wo aus einem wissenschaftlichen Durchbruch erst ein Produkt werden muss, war der deutsche Sektor lange nicht der Rede wert.
Wer diese Erzählung für die Gegenwart hält, verkennt jedoch die Kehrtwende der vergangenen Jahre. Deutschlands Tech-Sektor ist keine Wette mehr. Er ist ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor und was hier entsteht, bleibt zunehmend hier.
Der blinde Fleck der Industrienation
Dass die Wahrnehmung hinterherhinkt, hat einen nachvollziehbaren Grund. Deutschlands wirtschaftliche Identität hängt an der industriellen Fertigung etablierter Produkte. Auch Institutionen, Kapitalmärkte, Verbände und industriepolitische Reflexe orientieren sich an dieser Achse. Sinkende Automobilexporte gelten sofort als Strukturkrise. Zweistelliges Wachstum bei Unternehmenssoftware, industrieller KI oder Robotik schafft es nur schwer auf die Tagesordnung.
Wer genauer hinsieht, erkennt drei Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken: Aus einzelnen Erfolgsgeschichten ist eine Kohorte geworden. Das Kapital, das sie finanziert, ist mitgewachsen und internationaler geworden. Und immer häufiger entstehen daraus Unternehmen, Arbeitsplätze und industrielle Wertschöpfung, die in Deutschland verankert bleiben.
Erstens: Aus Einzelfällen ist eine Kohorte geworden
Der Hurun Germany Unicorn Index zählt für 2026 achtunddreißig nicht börsennotierte deutsche Milliardenunternehmen. Damit liegt Deutschland in der EU auf Rang 1 und weltweit auf Platz 5 bei den wertvollsten Firmenneugründungen. Das sind 46 Prozent mehr als im Vorjahr und der stärkste Zuwachs seit Beginn der Erhebung. Die Unternehmen decken ein breites Spektrum ab, von Verteidigung über Robotik und Fintech bis zu generativer KI: Märkte, in denen hiesige Start-ups noch vor wenigen Jahren als abgeschlagen galten.
Und der Nachwuchs steht bereits in den Startlöchern. 2025 wurden 3.568 Start-ups gegründet, 29 Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als im bisherigen Rekordjahr 2021. All das unterstreicht: In Deutschland reden wir nicht länger nur über zwei oder drei Ausnahmefälle.
Zweitens: Der Zugang zu Kapital ist mitgewachsen und internationaler geworden
Eine größere Kohorte allein würde jedoch noch keinen Strukturwandel bedeuten. Entscheidend ist, dass diese Unternehmen heute auf deutlich mehr heimisches und internationales Wachstumskapital zugreifen können.
Zwischen 2020 und 2024 flossen netto rund 16 Milliarden Euro ausländisches Kapital nach Deutschland – ein Wert, der europaweit nur von Spanien übertroffen wurde. Wie stark sich die Dynamik zuletzt beschleunigt hat, zeigt das Jahr 2025: Knapp 8,4 Milliarden Euro Wagniskapital flossen in deutsche Start-ups. Das waren 19 Prozent mehr als im Vorjahr und laut EY-Startup-Barometer der dritthöchste Wert seit Beginn der Erhebung. Achtzehn Finanzierungsrunden lagen bei jeweils mindestens 100 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich der Aufwärtstrend fort.
Neben dem Kapitalzufluss aus dem Ausland entstehen damit auch auf europäischer Ebene neue Finanzierungsquellen. Am 4. August brachte die EU-Kommission den Scaleup Europe Fund an den Start, einen Wachstumsfonds mit einem Zielvolumen von fünf Milliarden Euro, getragen von der Kommission und privaten Ankerinvestoren wie der Allianz. Er zielt genau auf jene späten Runden, für die europäische Unternehmen bislang häufig ins Ausland ausweichen mussten.
Drittens: Die Wertschöpfung bleibt
Eine größere Kohorte und mehr Kapital sind wichtige Voraussetzungen. Entscheidend ist aber, was daraus entsteht und ob die Wertschöpfung weiterhin abwandert. Die dominante Erzählung lautete: Hier wird geforscht, verwertet wird anderswo. Diese Gleichung geht heute nicht mehr zwangsläufig auf. Immer häufiger entstehen Unternehmen, Arbeitsplätze und technologische Wertschöpfung, die in Deutschland oder Europa verankert bleiben und von hier aus internationale Märkte erreichen.
Besonders anschaulich zeigen das zwei aktuelle Beispiele. Im Juli schloss SAP die Übernahme von Prior Labs ab, achtzehn Monate zuvor noch ein Forschungsprojekt aus Freiburg. Das Labor arbeitet eigenständig weiter; SAP will über vier Jahre mehr als eine Milliarde Euro investieren. Einer der größten europäischen KI-Exits dieses Jahres ging also nicht ins Silicon Valley, sondern an einen europäischen Konzern.
Wenige Tage zuvor sammelte Proxima Fusion 411 Millionen Euro ein und wurde damit zu Europas bestfinanziertem Fusionsunternehmen.⁷ Dabei ist vor allem die Struktur der Finanzierungsrunde beachtenswert. Bayern hatte 400 Millionen Euro öffentliche Mittel in Aussicht gestellt, unter der Bedingung, dass privates Kapital in vergleichbarer Höhe folgt. Es folgte binnen drei Monaten, aus Europa, aus den USA und von strategischen Investoren wie RWE und Google. Öffentliches Geld hebelt hier privates, statt es zu ersetzen, und die Versuchsanlagen entstehen in Bayern.
Selbstverständnis und Realität müssen sich versöhnen
Natürlich ist nicht alles gelöst. Start-ups wandern ab, Verfahren könnten schneller sein, und institutionelle Kapitaltöpfe werden noch länger nicht in dem Maß zur Verfügung stehen wie etwa in den USA. Entscheidend ist die Richtung, und die stimmt: mehr Gründungen als je zuvor, mehr Kapital, mehr Unternehmen von Weltrang – und erstmals eine Generation von Firmen, die hier entstehen, hier wachsen und von hier aus globale Märkte prägen. Ob Fusionsenergie, Unternehmenssoftware, generative KI oder Raumfahrt, Deutschland liefert Beiträge zur globalen Technologieentwicklung, auf die das Land stolz sein darf. Selbstverständnis und Realität müssen sich nur endlich versöhnen.
Suranga Chandratillake ist General Partner bei Balderton Capital in London. Offenlegung: Balderton ist an Prior Labs und Proxima Fusion beteiligt.
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