Digitale Souveränität : Digitale Souveränität braucht mehr Pragmatismus
Digitale Souveränität wird überall diskutiert. Doch wie Europa unabhängig werden kann und wie stark unabhängig es werden soll, sind sich nicht alle einig. Daniel Fallmann spricht sich für einen „neuen Pragmatismus“ aus.
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Europa braucht digitale Souveränität – aber nicht durch Abschottung, sondern durch kluge Partnerschaften, Investitionen und Selbstbewusstsein. Wer gestalten will, muss offen bleiben.
Wenn ich heute auf die Debatte um digitale Souveränität in Europa blicke, fällt mir eines besonders auf: Sie wird häufig von einem reflexhaften Schwarz-Weiß-Denken geprägt. Auf der einen Seite das vermeintlich „gute“ Europa, auf der anderen die „übermächtigen“ USA – und im Hintergrund ein diffus „bedrohliches“ Asien. Immer wieder ist zu lesen, Europa müsse sich von außereuropäischen Technologien abkoppeln, um seine digitale Unabhängigkeit zu sichern.
Als Geschäftsführer eines international tätigen IT-Unternehmens mit starkem Fokus auf Künstliche Intelligenz und jahrzehntelanger Branchenerfahrung weiß ich: Solche vereinfachenden Narrative helfen uns nicht weiter. Emotionale Debatten, ideologische Frontstellungen und der Ruf nach technologischem Isolationismus lenken vom Wesentlichen ab – nämlich der Frage, wie wir Europas digitale Handlungsfähigkeit realistisch und vor allem nachhaltig stärken können.
Entkoppelung ist keine Option
Nüchtern betrachtet: Mehr als zwei Drittel des europäischen Cloud-Marktes befinden sich in der Hand US-amerikanischer Anbieter. Bei KI-Start-ups hinkt Europa deutlich hinterher und die erfolgreichen werden leider oftmals verkauft, anstatt langfristige Aufbau- und Innovationsarbeit zu leisten. Und der Anteil der EU an der weltweiten Halbleiterproduktion liegt gerade einmal bei rund zehn Prozent.
Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiges Signal, dass die EU in ihrer jüngst veröffentlichten „International Digital Strategy for the European Union“ klar Position bezieht: Eine vollständige Abkoppelung von internationalen Entwicklungen ist weder realistisch noch wünschenswert. Stattdessen braucht Europa einen pragmatischen Ansatz, der auf Vernetzung statt Abschottung setzt und eigene Stärken in den Vordergrund stellt.
Konkret bedeutet das: Aufbau eines globalen Netzwerks aus Digitalpartnerschaften, Handelsabkommen und Technologiedialogen. Bestehende Foren wie die Handels- und Technologieräte mit den USA und Indien, digitale Dialoge mit Brasilien, Australien oder den Westbalkanländern sowie Cyberdialoge mit Japan, Südkorea und den USA sollen weiter ausgebaut werden. Ziel ist ein koordiniertes, strategisch gesteuertes Netzwerk, das technologische Kooperation, Interoperabilität, Forschung und Standardisierung ebenso fördert wie Investitionen. Soweit das aktuelle Grundsatzpapier.
Ich bin überzeugt: Mit diesem „neuen Pragmatismus“, der auf globale Zusammenarbeit statt technologischen Protektionismus setzt, schlägt Europa den richtigen Weg ein.
Fortschritt durch Kooperation
Die Geschichte der Technologie ist vor allem eines: eine Geschichte der Zusammenarbeit. Ob Grundlagenforschung in der Informatik, die Entstehung des Internets oder die Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz – all diese Entwicklungen sind das Ergebnis von Kooperation, Wissensaustausch und dem Mut, über nationale und kulturelle Grenzen hinauszudenken.
Ein Blick auf die Entstehung des Internets zeigt, wie sehr globales Denken von Anfang an Teil des Erfolgs war. Ohne die Pionierarbeit amerikanischer Universitäten, europäischer Forschungsnetzwerke und asiatischer Hardwarehersteller wäre das World Wide Web in seiner heutigen Form undenkbar. Auch die Entwicklung moderner KI basiert auf offenen Standards, internationalen Forschungsteams und global vernetzten Communities. Die besten Köpfe sind überall auf der Welt zu finden – nicht nur in einem Land oder einer Region.
Technologiegeschichte ist immer auch die Geschichte des Wandels scheinbar unverrückbarer Machtverhältnisse. Ein Beispiel: Das Label „Made in Germany“ war bekanntlich einst ein Warnhinweis im wirtschaftlich überlegenen England, gedacht, um vor Billigimporten vom Kontinent zu warnen – bis deutsche Ingenieure daraus ein internationales Qualitätssiegel gemacht haben. Diese Lektion bleibt hochaktuell: In der digitalen Welt können selbst junge Unternehmen mit der richtigen Idee etablierte Marktführer herausfordern – oft schneller, als es früher je möglich war.
Kooperation statt Konfrontation
Diese auf Zusammenarbeit und Pragmatismus ausgerichtete Strategie bedeutet keineswegs, angesichts der technologischen Übermacht der USA oder Asiens die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil: Es geht jetzt darum, unsere eigenen Stärken entschlossen einzubringen.
Europa verfügt über exzellente Forschung, innovative Start-ups und eine hochkompetente, international wettbewerbsfähige mittelständische Wirtschaft. Mit der DSGVO haben wir weltweit Standards im Datenschutz gesetzt. Unsere Cloud-Anbieter bieten höchste Sicherheits- und Compliance-Standards – und sind damit zunehmend auch für internationale Partner attraktiv.
Wir sollten unsere Werte nicht verstecken, sondern selbstbewusst hervorheben und nutzen: Exzellenz, Transparenz, Fairness, Nachhaltigkeit. Sie stehen nicht für kurzfristigen Gewinn, sondern für langfristige Verantwortung – gegenüber der Umwelt, der Gesellschaft und künftigen Generationen.
Statt auf Konfrontation zu setzen, sollten wir gezielt Allianzen schmieden: zwischen lokalen Partnern, europäischen Anbietern und globalen Technologieunternehmen. Unsere Innovationskraft stärken wir, indem wir Talente fördern, Bürokratie abbauen und die Investitionen in Forschung und Entwicklung deutlich ausweiten. Und wir sollten mehr Mut haben, unsere eigenen Lösungen und Werte zu exportieren – „Made in EU“ als Qualitätsversprechen.
So schaffen wir die Freiheit für Unternehmen, jene Technologien zu wählen, die am besten zu ihren Zielen passen – unabhängig von ihrer Herkunft. Digitale Souveränität heißt nicht Autarkie, sie heißt Gestaltungsfähigkeit. Und die erreichen wir durch Offenheit, durch Partnerschaft – und durch den Willen, Europa als selbstbewussten Akteur in der digitalen Welt zu positionieren.
Daniel Fallmann ist Gründer und Geschäftsführer von Mindbreeze. Der Gründer ist schon seit seines Studiums der Informatik an der Johannes Kepler Universität in Linz im Bereich der Computer- und Informationstechnologie aktiv.
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