Mikroelektronikstrategie : Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz
Die Mikroelektronikstrategie muss die industrielle Anwendung stärker berücksichtigen. Zudem brauche es eine Verzahnung mit anderen politischen Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene, fordert Polina Khubbeeva vom BDI.
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Am 1. Oktober steht die Mikroelektronikstrategie der Bundesregierung auf der Tagesordnung des Bundeskabinetts. Mikroelektronik zählt auch zu den sechs prioritären Technologiefeldern der Hightech-Agenda der Bundesregierung und ist damit ein zentrales Element der deutschen Innovations- und Souveränitätsstrategie. Völlig zu Recht, denn schließlich reicht die Bedeutung dieses Themas weit über die klassische Industriepolitik hinaus: Mikroelektronik ist längst zur geopolitischen Schlüsselfrage geworden. Wer den Zugang zu Hochleistungschips kontrolliert, bestimmt die Spielregeln der digitalen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Zukunft seiner Region.
Geopolitische Realität: Chips als Hebel der Macht
Die vergangenen Jahre haben die Verwundbarkeit globaler Lieferketten und die strategische Bedeutung von Halbleitern schonungslos offengelegt. Die Halbleiterknappheit 2020–2023 war ein Vorgeschmack auf die Auswirkungen politischer Eskalationen. Die USA und China setzen technologische Abhängigkeiten gezielt als Druckmittel ein. Exportrestriktionen bei kritischen Rohstoffen und Komponenten, wie die beiden Länder sie verhängen, treffen die europäische Industrie ins Mark. Deutschland ist mit seiner starken Industrie und seiner Rolle als größter Mikroelektronikstandort der EU besonders exponiert.
Der Marktanteil Europas an der weltweiten Halbleiterproduktion liegt bei rund zehn Prozent, der deutsche Anteil bei etwa drei Prozent. Doch in der globalen Zuliefer- und Komponentenkette der Mikroelektronik sind Deutschlands Unternehmen, von Spezialchemie bis zu Lithografiesystemen, unverzichtbar. Diese Stärken gilt es gezielt auszubauen und strategisch zu nutzen, um in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft Resilienz und Verhandlungsmacht zu sichern.
Die Mikroelektronikstrategie der Bundesregierung: Fortschritt und offene Baustellen
Die Bundesregierung bekennt sich mit ihrer Strategie zu einer Neuauflage des European Chips Act und der IPCEI-Initiativen, betont den Transfer „From Lab to Fab“ und setzt auf die Ansiedlung von Produktionskapazitäten in allen relevanten Strukturbreiten. Die gezielte Förderung bestehender technologischer Vorsprünge, etwa in Mikrokontrollern, Sensorik und Lithografie, ist ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Wirtschaftssicherheit. Auch die Integration neuer Wertschöpfungsfelder wie KI, Quantencomputing und Verteidigung ist zu begrüßen.
Die Strategie der Bundesregierung enthält aus Industriesicht also bereits wichtige Ansätze, lässt jedoch in bestimmten Bereichen noch Potenzial zur stärkeren Berücksichtigung industrieller Anforderungen erkennen. Die zentrale Rolle industrieller Forschung und Entwicklung als Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit wird nicht ausreichend adressiert. Derzeit nehmen Pilotlinien und Forschungseinrichtungen eine zentrale Rolle als Innovationstreiber ein. Ihre Beiträge sind tatsächlich essenziell. Gleichzeitig wäre eine stärkere Einbindung industrieller Entwicklungsprozesse wünschenswert, um die wirtschaftliche Skalierung gezielt zu fördern. Insgesamt fehlt eine industriegetriebene Perspektive, die die Überführung in kommerzielle Anwendungen in den Mittelpunkt stellt.
Drei Erfolgsfaktoren: Forschung, Fachkräfte, Fertigung
Die Bundesregierung setzt in ihrer Strategie auf drei Handlungsfelder: Forschung, Fachkräfte und Fertigung. Forschung und Innovation sind die Basis für technologische Souveränität. Der Transfer von Wissen in die Anwendung – „From Lab to Fab“ – muss konsequent gestärkt werden. Hier spielen die Forschungsfabrik Mikroelektronik und die Hochschulen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig ist eine mikroelektronikspezifische Fachkräfteförderung notwendig, die mit den Forschungs- und Investitionsprojekten verzahnt wird. Die Fachkräftelücke in der Halbleiterindustrie ist in den letzten Jahren dramatisch gewachsen, von etwa 62.000 auf über 82.000 unbesetzte Stellen. Ohne gezielte Aus- und Weiterbildung, Integration ausländischer Fachkräfte und einen kulturellen Wandel in der Bildungskette wird der Aufbau neuer Kapazitäten nicht gelingen.
Ein zentrales Element bleibt die Ansiedlung und Weiterentwicklung innovativer Produktionsstätten von Halbleiterfertigung über Advanced Packaging bis zu Materialien und Produktionsanlagen. Angesichts des globalen Subventionswettlaufs muss die Attraktivität des Standorts Deutschland für kritische Halbleiter und Komponenten erhöht werden. Dazu gehören auch Planungssicherheit bei Energiepreisen, eine leistungsfähige Infrastruktur und eine strategische Standort- und Verwaltungspolitik.
Industriepolitische Kernforderungen für eine resiliente Mikroelektronikstrategie
Eine resiliente Mikroelektronikstrategie für Deutschland muss die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nehmen – von der Grundlagenforschung über Design, Fertigung und Testing bis hin zur industriellen Anwendung. Nur durch diesen ganzheitlichen Ansatz kann ein robustes Ökosystem entstehen. Förderprogramme müssen sich dabei konsequent an den Bedürfnissen der Anwenderindustrien orientieren und diese frühzeitig einbinden.
Darüber hinaus ist eine strategisch ausgerichtete Rohstoff- und Chemikalienpolitik unerlässlich: Die Diversifizierung der Rohstoffimporte und die Erschließung eigener Potenziale sind notwendig, um Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.
Auch die Standortpolitik und Verwaltung müssen modernisiert werden. Kommunen sollten bei der Flächenentwicklung unterstützt, die Digitalisierung der Verwaltung vorangetrieben und die Investitionslandschaft so gestaltet werden, dass insbesondere auch kleine und mittlere Unternehmen profitieren. Im internationalen Kontext ist der Ausbau europäischer und globaler Kooperationen entscheidend. Das deutsche und europäische Mikroelektronik-Ökosystem steht im Wettbewerb mit den anderen Regionen. Daher sind die Förderung europäischer Zusammenarbeit, der Ausbau von Technologieclustern wie Dresden, Bayern und Norddeutschland sowie die Vertiefung internationaler Partnerschaften von zentraler Bedeutung.
Entscheidend ist die Verzahnung von nationalen und europäischen Maßnahmen
Nicht zuletzt sollten Exportkontrollen ausgewogen gestaltet werden. Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten müssen einen Ansatz verfolgen, der sowohl die Sicherheitsinteressen als auch die Bedürfnisse der Unternehmen berücksichtigt. Öffentliche Mittel sollten als Anstoßfinanzierung gezielt und effizient eingesetzt werden, um private Investitionen zu mobilisieren. Subventionen müssen dabei transparent, degressiv und wettbewerblich vergeben werden, um eine nachhaltige und innovationsgetriebene Entwicklung der Mikroelektronikbranche zu gewährleisten.
Europa braucht jetzt mutige politische Führung und klare Verantwortlichkeiten auf EU- und nationaler Ebene. Die Deklaration der Semiconductor Coalition, die auch von der deutschen Bundesregierung getragen wird, fordert entschlossenes Handeln: Bürokratieabbau, schnellere Genehmigungen, stabile Infrastruktur, gesicherte Rohstoffe und eine gezielte Fachkräftestrategie. Die Industrie muss systematisch in diese Politikgestaltung eingebunden werden.
Der neue EU Chips Act muss auf Wohlstand, technologische Unverzichtbarkeit und Resilienz zielen. Dafür braucht es messbare Ziele, eine enge Abstimmung mit internationalen Partnern und eine konsequente Verzahnung von nationalen und europäischen Strategien. Politische Prioritäten sind der Ausbau europäischer Allianzen, die Stärkung der Innovationspipeline, die Mobilisierung privater und öffentlicher Investitionen, beschleunigte IPCEI-Prozesse und die Förderung von Start-ups sowie KI-getriebener Wertschöpfung.
Fazit: Geschwindigkeit, Skalierung und Souveränität als Leitplanken
Auch mit der Hightech-Agenda setzt die Bundesregierung wichtige Impulse für die gezielte Förderung von Schlüsseltechnologien und schafft einen strategischen Rahmen, um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität nachhaltig zu stärken. Sie kann ihre volle Wirkung in der Mikroelektronikbranche jedoch nur entfalten, wenn die Mikroelektronikstrategie konsequent mit messbaren Erfolgen umgesetzt wird.
Vor diesem Hintergrund ist es auch entscheidend, dass die Hightech-Agenda der Bundesregierung und die nationale Mikroelektronikstrategie nicht isoliert, sondern im engen Schulterschluss mit europäischen Initiativen wie dem EU Chips Act und der European Economic Security Strategy umgesetzt werden. Nur durch eine effektive Verzahnung von nationaler und europäischer Politik, eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie und eine konsequente Ausrichtung an den strategischen Zielen kann Deutschland seine Rolle als Innovationsmotor und Europas Halbleiterstandort nachhaltig stärken.
So kann Deutschland in einer neuen Weltordnung, in der technologische Souveränität und Resilienz über Wohlstand und Sicherheit entscheiden, wirtschaftlich bestehen und prosperieren. Die Mikroelektronikstrategie muss dafür zur industriepolitischen Leitplanke werden.
Polina Khubbeeva ist Senior Manager Digitalisierung und Innovation im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Als Geschäftsführerin der Arbeitskreise Mikroelektronik und Künstliche Intelligenz & Autonome Systeme arbeitet sie gemeinsam mit Unternehmen und Verbänden die Positionen der deutschen fertigenden Industrie zur nationalen und europäischen KI- und Halbleiterpolitik aus.
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