Standards : Lasst uns Leitplanken entwickeln, bevor KI den Journalismus grundlegend wandelt!
KI-Systeme ziehen Inhalte aus Nachrichten heraus und verbreiten sie. Medienhäuser müssen darauf reagieren und sich Standards setzen. Als KI-Anbieter für Redaktionstools sieht sich der Open-Mind-Chef Tor Kielland als Teil des Problems, aber auch als Teil der Lösung.
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Stellen wir uns die Medienlandschaft von morgen vor: Wenn ein Reporter eine Story veröffentlicht, können KI-Systeme die Fakten herausziehen und diese innerhalb von Minuten im Stil zig anderer Medien umschreiben. Die ursprüngliche Geschichte wird zur Massenware.
Wenn niemand mehr erkennt, ob ein Text von einer Journalistin stammt oder von einer KI, verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Maschine. Hochwertige Medien kämpfen darum, sich von solchen auf KI-basierten Content-Farmen produzierten Inhalten abzugrenzen. PR-Firmen hingegen optimieren ihre Botschaften eben genau dafür, dass KI-Systeme die Fakten extrahieren und dann möglichst breit vervielfältigen.
Die Marktkräfte, die uns dorthin treiben
Dieser von Künstlicher Intelligenz (KI) angetriebener Prozess passiert nicht aus reiner Bosheit, sondern ist eine Reaktion auf Wettbewerbsdruck. Jede Entscheidung für sich genommen mag sinnvoll sein, in der Gesamtheit wird das aber problematisch.
Fakten haben keinen Urheberrechtsschutz. KI-Systeme dürfen Fakten ganz legal aus jeder Nachricht extrahieren und sofort wiederveröffentlichen. Warum in Originalrecherche investieren, wenn Wettbewerber die Informationen umgehend übernehmen können?
Nachrichtenorganisationen kooperieren sogar mit KI-Unternehmen. Associated Press, The Guardian, Axel Springer – sie brauchen die zusätzlichen Einnahmen. Kurzfristiges Überleben geht vor langfristige Konsequenzen. Jedes Geschäft erscheint einzeln vielleicht sinnvoll, aber zusammen trainieren die Medienunternehmen so ihre künftigen Ersatzkräfte.
Große Medien haben zudem begonnen, ihre Titel- und Startseien anzupassen. Sie orientieren sich daran, was am besten geklickt wird. KI kann Texte dementsprechend optimieren. Redaktionen stehen jetzt vor einem Dilemma: Geben sie nach und nutzen die KI, um möglichst viele Leute auf die eigene Webseite zu ziehen? Oder überlassen sie Wettbewerbern, die stärker auf KI setzen, einfach das Feld?
Die meisten Medienhäuser geloben, transparent beim KI-Einsatz zu sein. Sie kennzeichnen zwar harmlose Zusammenfassungen als KI-generiert. Sie schweigen aber gleichzeitig darüber, wie KI die Recherche oder den Schreibprozess des Autors unterstützt hat. „Human in the loop“ ist eine gefährlich niedrige Hürde. Nötig sind Journalisten, die über Themen entscheiden, Quellen bewerten, Perspektiven wählen und mit ihrem Namen dafür einstehen.
Ohne gemeinsame Standards werden diese Marktkräfte dem Journalismus schneller schaden, als der Berufsstand sich anpassen kann.
Eine Lösung in Bewegung: Eine Charta für KI-Anbieter
Wir entwickeln selbst KI-Tools, die Redaktionen verwenden. Das macht uns zu einem Teil des Problems und potenziell zu einem Teil der Lösung. An diesem Mittwoch haben wir eine Charta vorgelegt – verbindliche Regeln für uns selbst, verankert in Code und Verträgen mit unseren Kunden. Unser Management hat sich für den Inhalt der Charta mit einem Beirat beraten, dem unter anderem die ehemalige Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, Miriam Meckel, und der Forscher am Reuters-Institut der University of Oxford, Felix Simon, angehören.
Kernpunkte der Charta sind:
- Wer publiziert, steht dafür ein – ethisch wie professionell. Nur Menschen können Verantwortung tragen, denn nur Menschen müssen mit Konsequenzen leben.
- Verpflichtende Schulung: Bevor Nutzer unsere Plattform verwenden, müssen sie in einer Schulung mehr über KI-Grenzen, Halluzinationen, Verzerrungsmuster und trügerische Sicherheit generierter Texte lernen.
- Interne Transparenz: Wir dokumentieren sämtliche KI-Interaktionen lückenlos für interne Zwecke der Medienhäuser. Wir verlangen von unseren Kunden nicht, alle KI-Einsätze öffentlich zu machen. So können Verlage sich aber selbst nicht mehr darüber täuschen, wie sie KI einsetzen.
Wir laden andere Anbieter journalistischer KI-Lösungen dazu ein, sich uns anzuschließen und gemeinsame Standards für die Branche festzulegen. Das allein reicht aber nicht aus. Es fehlen Standards auf Verlagsebene.
Verlage müssen sich selbst Standards geben
Heute folgt jede Redaktion eigenen KI-Richtlinien – meist lax umgesetzt. Leser erfahren nicht, wie Medien KI verwenden. Die Branche braucht, was Open-Source-Software längst hat: klare, allgemein verständliche Standards. Entwickler wissen zum Beispiel bei „MIT-Lizenz“ oder „GPL“ sofort, was gilt. Der Journalismus braucht diese Klarheit ebenfalls. Verlage könnten deklarieren, einem bestimmten Standard zu folgen – Leser wüssten dann genau, wie der jeweilige Verlag mit KI umgeht und Journalismus schützt.
Deutschland ist bestens aufgestellt, hier voranzugehen. Die hiesigen Medien zeichnen sich durch redaktionelle Verantwortung und hohes öffentliches Vertrauen aus. Der Deutsche Presserat liegt richtig, wenn er bestehende Pressegrundsätze auf KI anwendet. Doch solche abstrakten Prinzipien allein können mit dem Tempo des technologischen Wandels nicht mithalten. Presseethik ist über Jahrzehnte gewachsen. KI fordert aber konkrete, messbare Standards. Jetzt.
Würden deutsche Leitmedien – Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, FAZ, Spiegel, Zeit – mit dem Presserat überprüfbare KI-Standards entwickeln, könnten sie Maßstäbe setzen für Europa und die Welt. Diese könnten klare Vorgaben für Tool-Zertifizierung, Transparenzprotokolle und Quellenprüfung enthalten. Verlage, die diese Standards erfüllen, erhielten ein Gütesiegel für verantwortungsvollen Journalismus.
Der Moment zu handeln ist jetzt.
Tor Kielland leitet als CEO das norwegische KI-Unternehmen Open Mind, das spezialisierte KI-Werkzeuge für Journalisten entwickelt.
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