Standpunkt Coronakrise: Digitalisierung mildert Härten

In der Coronakrise sind hoch digitalisierte Unternehmen im Vorteil, glaubt die Ökonomin Irene Bertschek vom ZEW in Mannheim. Sie können ihre Aktivitäten im Netz weiterführen. Doch auch in weniger stark digitalisierten Branchen können Online-Lösungen helfen.

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Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hat gezeigt: Hoch digitalisierte Unternehmen waren weniger stark von der Krise betroffen als gering digitalisierte. Laut einer Studie des ZEW Mannheim haben sich Produktivitätsniveau und -wachstum bei diesen Unternehmen kaum verringert, während sie bei gering digitalisierten Unternehmen stark zurückgingen. So nahm das Wachstum hoch digitalisierter Unternehmen während der Krise um lediglich 0,5 Prozentpunkte ab, während es bei gering digitalisierten Unternehmen um 2,3 Prozentpunkte sank. Gleichzeitig waren diese Unternehmen auch erfolgreicher darin, Prozessinnovationen umzusetzen und durch die effizientere Gestaltung von Prozessen Kosten einzusparen. Digitalisierung ist also von Vorteil bei Krisen. Die derzeitige Coronakrise macht allerdings deutlich, dass von dieser Erkenntnis nicht jeder profitieren kann.

Digitalisierte Branchen im Vorteil

In unternehmensnahen Dienstleistungsbranchen, die größtenteils schon jetzt hoch digitalisiert sind, können in Zeiten einer Pandemie, wie wir sie derzeit erleben, Tätigkeiten relativ einfach vom Büro ins Homeoffice verlagert werden. Tätigkeiten in der Forschung sowie der Rechts- und Steuerberatung finden zumindest teilweise nicht ortsgebunden statt. Der Kontakt zu Kunden und zu Projektpartnern ist auch per Mail und Videokonferenz oder telefonisch möglich. Die ohnehin sehr gefragten IT-Dienstleister erleben ein Nachfragehoch, wenn Unternehmenskunden die Zugangsmöglichkeiten zu ihrer IT-Infrastruktur zum Beispiel über VPN-Tunnel erweitern und ihre IT-Sicherheitsvorkehrungen verbessern müssen.

Im verarbeitenden Gewerbe dagegen sind zahlreiche Unternehmen gezwungen, ihre Produktion zurückzufahren oder ganz einzustellen. Obgleich in Branchen wie etwa dem Automobilbau die Produktion zum Teil schon hoch automatisiert vonstatten geht, lassen sich zahlreiche Tätigkeiten dort nicht ins Homeoffice verlagern. Zudem kämpfen diese Branchen in erster Linie mit einem Nachfragerückgang oder -ausfall sowie mit Zulieferengpässen. Kurzarbeit ist somit der nächste Schritt, es sei denn Unternehmen sind in der Lage auf die Herstellung anderer Produkte wie Arbeitsschutzmittel umzustellen. Stark von der Coronakrise betroffen sind die konsumnahen und gering digitalisierten Dienstleister wie Gastronomen und Frisöre. Ihre Dienste entstehen hauptsächlich durch manuelle Tätigkeiten und durch die direkte Interaktion mit Kunden. Ihnen bricht schlichtweg die Geschäftsgrundlage weg.

Der Gesundheitssektor ist in der Coronakrise in besonderem Maße gefordert, aber auch besonders gering digitalisiert. Die im Zuge der Krise geschaffenen Möglichkeiten, Krankmeldungen nach ausschließlich telefonischer Rücksprache auszustellen und die ansonsten nur eingeschränkt erlaubte Videosprechstunde in unbegrenztem Maße durchzuführen, sind wichtige Elemente zur Bekämpfung des Corona-Virus. Allerdings offenbart sich auch, dass manche Arztpraxen nicht einmal eine Mail-Adresse haben, um Dokumente auszutauschen, geschweige denn, dass in Krankenhäusern Patienteninformationen und Krankheitsverläufe systematisch digital erfasst werden, um Erfolg und Misserfolg von Therapien besser identifizieren und über die Wahl von Therapien besser entscheiden zu können.

Digitale Lösungen als Kommunikationsmittel und Intermediär

Bereits digitalisierte Branchen sind also im Vorteil, da sich Aktivitäten recht zügig online weiterführen lassen. Aber auch für die stark von der Krise betroffenen und bislang wenig digitalisierten Branchen können digitale Lösungen hilfreich sein. Digitale Plattformen beispielsweise helfen dabei, regionale Angebote sichtbarer zu machen. Gastronomen bieten ihre Dienste online an und liefern das Essen direkt vor die Haustür der Kunden, Bezahlung ist online möglich. Mittel- bis langfristig ist für die Beschäftigten in den von der Coronakrise stark betroffenen Branchen eine Reallokation in andere Branchen und Jobs, zumindest vorübergehend, eine Lösung. Dies erfordert Flexibilität bei den Beschäftigten oder Selbständigen, die sich umorientieren und gegebenenfalls kurzfristig weiterbilden müssen. Die Vermittlung von Arbeit kann über digitale Plattformen abgewickelt werden, wie dies jetzt schon für manche konsumnahen Dienstleistungen z.B. bei helpling oder myHammer.de der Fall ist. Auch Weiterbildungskurse werden bereits online angeboten.

Während des zweitägigen WirvsVirus-Hackaton, zu dem die Bundesregierung aufgerufen hatte, wurden Ideen entwickelt, die unter anderem dabei helfen sollen, kleine Unternehmen und Soloselbständige und deren Dienste in Zeiten von Corona zu vermitteln. Digitalisierung bietet also auch in dieser Zeit der Not oftmals eine Lösung. Sie kann dabei helfen, das kreative Potenzial der Menschen zu mobilisieren, Dienste, Produkte, Jobs und Hilfsmaßnahmen zu vermitteln. Und letztlich sind digitale Medien auch das Mittel, um in Zeiten der physischen Distanz soziale Nähe zu ermöglichen, weil Kollegen und Freunde per Videochat erreichbar sind. Allerdings werden durch die zunehmende Verlagerung von Aktivitäten in die Online-Welt die Netze stärker denn je beansprucht und diese Beanspruchung wird weiter zunehmen. Alles, was den Netzausbau beschleunigt, ist also hilfreich.

Eines ist klar: Das von der Bundesregierung geschnürte Hilfspaket ist absolut essenziell, um die Wirtschaft so weit wie möglich über Wasser zu halten. Insolvenzen und Jobverluste werden dabei nicht vermeidbar sein. Digitale Lösungen können dies nicht verhindern, aber sie können dazu beitragen, unvermeidbare Produktivitätsverluste abzumildern. Digitaler aus der Coronakrise hervorzugehen, heißt für die nächste Krise besser gewappnet zu sein.

Irene Bertschek ist Leiterin des Forschungsbereichs „Digitale Ökonomie“ am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.

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