Standpunkt Die digitale Zukunft droht ungerecht zu werden

Der digitale Wandel könnte Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt verstärken. Ob die Politik einen Ausgleich findet, wird die Zukunft des westlichen Kapitalismus definieren, glaubt Marius Busemeyer von der Uni Konstanz. Eine Lösung dürfte im Bildungssektor liegen.

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Die Digitalisierung der Arbeitswelt hat weitreichende Folgen, die heute bereits in Grundzügen erkennbar sind. In den nächsten Jahren wird der Wandel sich aber sichtlich beschleunigen. In öffentlichen Debatten über diese Veränderungen stellt sich bei genauer Betrachtung das Schlagwort von der Digitalisierung der Arbeit häufig als Platzhalter von Entwicklungen heraus, die ganz unterschiedliche Phänomene betreffen: die fortschreitende Automatisierung und Robotisierung von Produktionsprozessen, die Ausweitung der Plattform- oder „Gig“-Economy, die Digitalisierung von Arbeitsprozessen und -abläufen durch die Verbreitung neuer Software-Algorithmen oder den zunehmenden „Techno-Stress“ als Folge von Arbeitsbedingungen, die sich stetig wandeln.

Ein Aspekt, der Sorgen über die Zukunft befördert, sind Befürchtungen über zunehmende soziale Ungleichheit als Folge von Digitalisierung. Die meisten, wenn auch nicht unbedingt alle der genannten Prozesse können tatsächlich solche negativen Folgen haben. Entscheidend hierfür wird sein, wie und ob die Politik entsprechend gegensteuert.

Der technologische Wandel wirkt bereits jetzt

Die aktuelle Arbeitsmarktforschung zeigt, dass der technologische Wandel bereits jetzt Spuren auf den Arbeitsmärkten hinterlassen und insgesamt zu einer zunehmenden Polarisierung von Beschäftigungschancen und Einkommen beigetragen hat: Wer gut ausgebildet ist und einen Beruf hat, der ein geringes Routinisierungs- und damit Automatisierungspotenzial hat, ist vergleichsweise sicher. Wer dagegen weniger gut ausgebildet ist und eine einfachere, stärker gleichförmige Tätigkeit ausübt, wird eher unter negativen Folgen der zukünftigen technologischen Entwicklungen zu leiden haben.

Ein neues Phänomen sind Umwälzungen in der Arbeitswelt keineswegs. Das historisch Neue an der gegenwärtigen Welle technologischen Wandels ist aber, dass dieses Mal auch traditionelle Mittelklasseberufe von Automatisierung betroffen sind.

Weitere Erosion der Mittelschichten wahrscheinlich

Beispielsweise werden zunehmend einfache und mittelkomplexe Tätigkeiten in Büroberufen durch Software-Algorithmenersetzt oder – dank moderner Kommunikationstechnologie – an billigere Fachkräfte im fernen Ausland ausgelagert werden. Manche wissenschaftlichen Fachzeitschriften werden zum Beispiel in Indien gesetzt, von Menschen, die kein Wort der betreffenden Sprache sprechen. Einfache Dienstleistungen, zum Beispiel im Catering oder in der Pflege, sind hingegen vor Automatisierungsschüben vergleichsweise geschützt, wobei sich die Beschäftigungsbedingungen und die Bezahlung in diesen Arbeitsmarktsektoren dennoch nicht nachhaltig verbessern dürften.

Insofern ist es wahrscheinlich, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt die Erosion der Mittelschichten weiter befördern wird. Beschäftigte in Berufen auf einem mittleren Qualifikationsniveau müssen sich entweder durch Aus- und Weiterbildung fit machen für Berufe in höheren Qualifikationsstufen oder in Berufen, die stärker auf kommunikative, personenbezogene und Management-Kompetenzen setzen, da hier das Automatisierungsrisiko geringer ist. Ansonsten droht das Abrutschen in weniger qualifizierte oder prekäre Beschäftigung. Für diejenigen, die bereits in diesen Arbeitsmarktsegmenten arbeiten, könnte die zunehmende „Digital Divide“ zwischen den Gewinnern und Verlieren der Digitalisierung zu weiter abnehmenden Aussichten auf sozialen Ausstieg führen.

Fairer Ausgleich als entscheidende Frage für die Politik

Natürlich – so die Digitalisierungsoptimisten – wird der technologische Wandel nicht nur Arbeitsplätze vernichten, sondern auch neue Arbeitsplätze schaffen. Bislang war die digitale Ökonomie eher ein Innovations- und Beschäftigungsmotor als eine Jobvernichtungsmaschine. Aber: Erstens ist zur Zeit nur sehr bedingt vorhersehbar, ob dies auch in Zukunft so bleiben wird. Große Automatisierungsschübe, wie beispielsweise durch selbstfahrende Autos, sich selbst verbessernde Software-Algorithmen oder vielseitig einsetzbare Industrieroboter ausgelöst, könnten noch vor uns liegen. Zweitens ist unzweifelhaft, dass die digitale Transformation zumindest in einer Übergangsperiode, die durchaus mehrere Jahrzehnte dauern könnte, massiv zu Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt beitragen wird, selbst wenn unter dem Strich mehr Jobs entstehen als vernichtet werden.

Schafft es die Politik, einen fairen Ausgleich von Lasten und Chancen zwischen den Gewinnern und Verlierern der Digitalisierung zu erzielen? Das ist die alles entscheidende Frage, die sich in den nächsten Jahren entscheiden wird. Die Antwort wird auch die Spielregeln für die nächste Entwicklungsstufe des demokratischen Kapitalismus westlicher Prägung definieren.

Verhinderung von Technologien ist langfristig nicht zielführend

Eine scheinbar attraktive Antwort auf die genannten Herausforderungen ist das Bemühen, die Geschwindigkeit des technologischen Wandels zu bremsen. Wenn neue Technologien Jobs gefährden, dann könnte man doch einfach die Einführung dieser Technologien verhindern. Diese Option erscheint attraktiv und funktioniert im Einzelfall auch mal: Beispielsweise stockt die Verbreitung von selbstfahrenden Autos wegen ungeklärter rechtlicher Fragen. Aber langfristig wird diese Option nicht zielführend sein. Technologischer Wandel lässt sich global betrachtet nicht durch die Entscheidung einzelner Regierungen aufhalten. Vielmehr besteht die Gefahr, dass eine Blockadehaltung einzelner Länder langfristig dazu beiträgt, dass diese gänzlich den Anschluss verlieren und damit ihren Wohlstand gefährden.

Deshalb geht es eher darum, den technologischen Wandel bewusst und zielgerichtet durch eine kluge Forschungspolitik zu fördern und auf diese Weise dazu beizutragen, dass die Erträge der digitalen Ökonomie nicht einzelnen Individuen oder Megakonzernen zufließen, sondern der Allgemeinheit zu Gute kommen.

Nicht jeder kann plötzlich Softwareingenieur werden

Eine weitere oft geäußerte Empfehlung wissenschaftlicher Experten und Expertinnen ist, die Investitionen in Bildung, vor allem in Formen des lebenslangen Lernen, auszubauen. Natürlich ist das richtig, nur sollte man sich davor hüten, den Ausbau von Bildungschancen als allheilendes Wundermittel gegen die negativen Nebenwirkungen des technologischen Wandels zu betrachten. Nicht jede Person, die ihren Job in den „alten“ Wirtschaftssektoren verliert, kann über Nacht zum Softwareingenieur umgeschult werden. Insofern braucht es neue sozialpolitische Ansätze, wie eine Integration und Weiterqualifizierung von Arbeitskräften in die wachsenden Wirtschaftssektoren gelingen kann.

Leitbild eines solches Ansatzes sollte nicht ausschließlich die Maximierung von Beschäftigung sein, denn eine solche einseitige Strategie könnte sich langfristig negativ auf die Qualität der Beschäftigung auswirken und wäre somit nur eine kurzfristig wirkende Maßnahme. Stattdessen sollte idealerweise die Politik dazu beitragen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch eine Politik des lebenslangen Lernens in die Lage versetzt werden, für sich selbst neue Lern- und Berufsziele zu setzen und diese dann auch umzusetzen. In Österreich beispielsweise gibt es das Instrument der Bildungskarenz, dass es erlaubt, bis zu zwölf Monate in die persönliche Weiterbildung zu investieren. Für diesen Zeitraum können die Beschäftigten Weiterbildungsgeld in Höhe des regulären Arbeitslosengelds erhalten.

Einseitige Förderung der Hochschulbildung ist keine Lösung

Desweiteren wird in einschlägigen Debatten, insbesondere auf EU-Ebene, betont, dass insbesondere Investitionen in Hochschulbildung und MINT-Fächer (Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaft) eine wirksame Antwort auf Digitalisierung darstellen. Dies scheint sich logisch aus der Natur des technologischen Wandels zu erklären: Wenn die Anforderungen an Berufe steigen, müssen mehr Menschen mit hochqualifizierenden Abschlüssen ausgebildet werden. Wenn die digitale Wirtschaft wächst, braucht es mehr Menschen mit Computerkenntnissen. Auch hier gilt: Natürlich ist dies richtig, aber es braucht komplexere Antworten.

Zum Beispiel zeigt die Forschung zu Arbeitsmarktpolarisierung, dass die Länder mit einer ausgebauten Berufsbildung tendenziell weniger von dieser Entwicklung betroffen sind als diejenigen ohne eine gut funktionierende berufliche Bildung. Die duale Ausbildung ist in Deutschland eine weithin geschätzte Alternative zur akademischen Hochschulbildung. Natürlich muss auch die berufliche Bildung an die Herausforderungen des digitalen Wandels angepasst werden, aber sie wird dadurch keineswegs obsolet. Im Gegenteil: Eine Bildungspolitik, die einseitig auf den Ausbau von Hochschulen setzt, würde ein wichtiges Pfund verspielen.

„Soft Skills“ als Zukunftsfaktor

Die berufliche Bildung eröffnet alternative Zugänge zu gut bezahlter Beschäftigung für diejenigen, die kein Universitätsstudium anfangen wollen oder können. Sie wird von Arbeitgebern geschätzt, weil sie passgenaue Ausbildungsgänge anbietet. Deshalb sollte die Antwort der Bildungspolitik auf die Digitalisierung der Arbeitswelt auch mit einer Stärkung der beruflichen Bildung einhergehen. Unter anderem könnten neue Modelle gestärkt werden wie die duale Studiengänge, die eine berufliche mit einer universitären Ausbildung kombinieren.

Ein letzter Punkt betrifft die Schulpolitik. Sicherlich ist angesichts des Fachkräftemangels in Teilen der Wirtschaft eine Stärkung der MINT-Fächer sinnvoll. Allerdings – das zeigen die Arbeitsmarktanalysen – werden in Zukunft nicht nur die „harten“ Fertigkeiten in der digitalen Ökonomie gefragt sein, sondern auch und zunehmend „Soft Skills“ wie Kommunikation, Management und Kreativität. Denn genau diese Fähigkeiten haben Computer und Roboter nicht.

Im Moment wird vor allem über die Frage diskutiert, wie „Digital Skills“, also Programmieren und Informatik, stärker in den Schulen verankert werden können. Eine Debatte zur Stärkung der Vermittlung der erwähnten „Soft Skills“ scheint mir allerdings noch gar nicht stattzufinden. Langfristig könnte jedoch der Ausbau des sozialen (öffentlichen wie privaten) Dienstleistungssektors in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Pflege oder Soziales wesentlich mehr Beschäftigungspotenziale schaffen als die digitale Ökonomie im engeren Sinne, und zwar auch für weniger qualifizierte Tätigkeiten. 

Marius R. Busemeyer ist Professor für Politikwissenschaft und Sprecher des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz.

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