Standpunkt Die echten Probleme falscher Nachrichten

Falschinformationen sind nicht das größte Problem im Netz: Gefährlicher ist die Instrumentalisierung von Nachrichten durch populistische Kräfte in Medien und Politik, meint der Forscher Matthias Kettemann.

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Manipulativ, halbwahr oder als staatliche Propagandamaßnahme. So würden uns Informationen im Internet oft entgegnen, beklagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnungsfeier der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes am 8. Februar 2019. „Deshalb müssen wir lernen, auch mit den sogenannten Fake News als Teil einer hybriden Kriegsführung umzugehen“. 

Ob Fake Accounts, denen selbst echte Journalistinnen und Journalisten auf den Leim gehen, Social Bots, die Stimmungsbilder verfälschen oder staatlich gesteuerte Desinformationskampagnen als Instrument der Weltpolitik: Passend auf Desinformation im Internet zu reagieren, zumal jene, die von sozialen Medien transportiert wird, gilt heute als eine der großen Herausforderungen für Politik, Unternehmen und Zivilgesellschaft in Afrika, Asien und Europa. Aber worin genau besteht das Problem wirklich? 

Die Gefahr liegt anderswo

Medial wird die Gefahr oft im Ausland verortet: Staaten würden aus dem Ausland mittels Desinformationsoperationen angegriffen und demokratische Deliberationsprozesse damit unterwandert. Bot-Armeen und Click-Farmen würden die Kommunikation im Internet in Deutschland und anderen europäischen Ländern gefährden. Wenn dem so wäre, müssten wir Cyberaußenpolitik neu denken und unsere Kommunikationssphären vor Desinformationsakteuren schützen. Doch die Gute Nachricht: dem ist nicht so

Zwar gibt es mäßig erfolgreiche Desinformationskampagnen, aber die weit größere Gefahr ist eine andere: Die Instrumentalisierung von Nachrichten (teils auch wahren) durch populistische Kräfte in Medien und Politik. Die Verschiebung der Narrative, die Politisierung der gesellschaftlichen Referenzen, die Atomisierung der Gesellschaft, die empfundene Singularisierung des menschlichen (Er)Lebens, die gefühlte Verfügbarkeit grundsätzlicher gesellschaftlicher Werte sind die wahren Herausforderungen. 

Der Mensch ist fehlbar: Die menschlichen Biases und die relative Neuheit von Onlinekommunikation machen es schwer, Nachrichten richtig zu erfassen und passend darauf zu reagieren. So entstehen Shitstorms, so entsteht Hass, der sich dann auf besonders vulnerable Gruppen richtet oder an Persönlichkeiten entzündet, die Onlinepräsenz zeigen und als Blitzableiter dienen. 

Forschungen zeigen: Filterblasen sind keine besonders große Gefahr; Suchmaschinenergebnisse überraschend unabhängig von personalisierten Kriterien; Falschinformationen kein echtes Problem; die Medienrepertoires der Internetnutzenden weiterhin breit. Auch Zeitungen werden noch gelesen und öffentlich-rechtliche Sender gesehen. 

Resilienz als gesellschaftliches Projekt

Besteht also überhaupt Handlungsbedarf? Ja. Aber anstatt zu skandalisieren und den Kampf gegen Desinformation auch sprachlich aufzurüsten („Informationskriegsführung“) sollten Plattformen weiterhin ihre Bemühungen verstärken, Desinformationsinhalte („coordinated inauthetic behaviour“) zu bekämpfen (was Zensurkritik mit sich zieht, aber das müssen die Plattformen aushalten). Die Unterbindung der Verbreitung von Desinformation vollzieht sich einerseits durch das Kennzeichnen von „schlechten Inhalten“, das Löschen von schlechten“ und gemeinschaftsstandardswidrigen Inhalten (denn rechtmäßig ist auch ein Großteil der „Fake News“, solange er nicht hetzerisch ist), sowie – besonders wichtig – durch den Einsatz von Algorithmen, um „Borderline“-Inhalten weniger Aufmerksamkeit zu geben. Aber auch spielerisches Lernen (Gamification) des Umgehens mit Falschnachrichten hilft Resilienz zu steigern. Hier sind auch schulische Einrichtungen und Eltern gefragt. 

Neben „Faktenchecker“-Ansätzen, denen das Problem innewohnt, Falschnachrichten zumindest erwähnen zu müssen, um sie dann zu widerlegen, sind auch crowdgesourcte Ansätze sinnvoll, die die Vertrauenswürdigkeit von Quellen einschätzen.

Es geht ums Ganze

All diese Maßnahmen sind wichtig und richtig, aber sie müssen unterfüttert werden durch eine stärkere Sensibilisierung für das größere Ganze. Sowohl der Rechtsstaat, als auch eine offene Kommunikationslandschaft im Internet, sind von Voraussetzungen abhängig, die sie selbst nicht hervorbringen können. Neben dem Schutz individueller Freiheitsräume müssen wir auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen sozialen Zusammenhalts sichern, was angesichts der Privatisierung von Plattformen und der Destabilisierung von geteilten Informationsbeständen, von Kommunikationspraktiken und Medienportfolios eine große Herausforderung darstellt. 

Bundeskanzlerin Merkel fragte in ihrer eingangs zitierten Rede: „Welche Information stimmt? Was wurde manipuliert? Wohinter steckt gegebenenfalls die Propaganda einer staatlichen Organisation?“ Das sind essenzielle Fragen. Um sie zu beantworten und passend reagieren zu können, braucht es kritische Forschung, ein waches Publikums, ein passendes Rechtssystems und rechenschaftspflichtige Plattformen. 

Matthias C. Kettemann ist Forschungsprogrammleiter am Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut in Hamburg und assoziierter Forscher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin. Am HIIG diskutiert er heute Abend mit Expertinnen und Experten aus Deutschland und Europa im Vorfeld des Internet Governance Forums über Desinformation.

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