Standpunkt Empowern statt sperren

Das Verhältnis zwischen Plattformen und ihren Nutzerinnen und Nutzern ist aus dem Gleichgewicht. Doch statt über Inhalteentscheidungen wie Sperrungen von Accounts oder das Löschen von Posts zu diskutieren, brauchen wir jetzt vor allem progressive Designvorgaben, die User wieder in den Mittelpunkt rücken, ist der Netzwerkforscher Philipp Lorenz-Spreen überzeugt.

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In den letzten Tagen wurde uns die Macht der sozialen Medien wieder einmal deutlich vor Augen geführt, und zwar in zweierlei Hinsicht: erstens ihre Macht, radikale Ideen zu verbreiten und echtes politisches Verhalten zu mobilisieren, und zweitens ihre Macht, den öffentlichen Diskurs nach ihren Regeln zu bestimmen. Eine Situation, die schon länger existiert, aber jetzt mehr denn je in die öffentliche Diskussion gerät. Gut so.

Wenn diese turbulenten Tage in den USA hoffentlich bald hinter uns liegen und unsere Demokratie mit einem blauen Auge davongekommen ist, sollten wir die Konsequenzen ziehen. Es ist richtig, dass die Sperrung von Accounts, insbesondere durch private Unternehmen und ohne plattformübergreifende Standards, keine nachhaltige Lösung ist, wie auch Bundekanzlerin Angela Merkel festgestellt hat. Aber wenn wir das als demokratische Gesellschaft nicht wollen, dann muss die Konsequenz sein, dass wir uns stattdessen ernsthaft der viel schwierigeren Frage zuwenden: Wie können wir ein Informationsökosystem oder gar einen öffentlichen Raum im Internet schaffen, in dem weder eine solche Polarisierung, selbstorganisiert oder von Einzelnen getrieben, möglich ist, noch solche plötzlichen und weitreichenden Entscheidungen von Plattformbetreibern nötig sind?

Das Informationsökosystem ist kaputt

Das ist eine hochkomplexe Frage, die auf vielen Ebenen angegangen werden kann und sollte, vom Geschäftsmodell bis hin zum Fact-Checking. Aber es gibt Hoffnung, denn viele Wissenschaftler und Aktivisten arbeiten schon seit Jahren an dieser Frage. Es wird aber noch viel politischer und gesellschaftlicher Anstrengungen bedürfen, um wirklich etwas zu erreichen. Also nutzen wir den Impuls der Stunde und fangen damit an.

Der Digital Services Act und der Democracy Action Plan der Europäischen Kommission könnten hierfür Wege bieten. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht des Joint Research Centers haben wir einen Überblick über die aktuelle verhaltenswissenschaftliche Forschung zum Zusammenspiel von Online-Plattformen und politischem Verhalten zusammengestellt. Dabei haben wir uns insbesondere auf die Perspektive der Individuen online und ihr soziales Verhalten dort konzentriert. Ein Ergebnis ist, dass das aktuelle Ökosystem, das sich rund um die Aufmerksamkeitsökonomie gebildet hat, eine Entscheidungssituation schafft, die einer überlegten Auswahl von qualitativen Informationen oder einem ausgewogenen Austausch von Argumenten oft widerspricht. Zum Beispiel sind in dieser Welt drei verärgernde Clickbaits mehr wert als ein Besuch auf einem langen Artikel abseits der Plattform, oder es lohnt sich Gruppen von Benutzerinnen zu versammeln, deren Interessen möglichst ähnlich sind um diese dann mit Werbung zu beliefern.

Vieles könnte besser gestaltet werden

Damit entsteht eine asymmetrische Beziehung zwischen Plattformen und ihren Nutzern: Was wir sehen und lesen, dient dem Geschäftsmodell der Plattformen, nicht der Agenda des Einzelnen oder der demokratischen Entscheidungsfindung, was angesichts der nun offensichtlich wichtigen Rolle dieser Beziehung zum Problem wird. Allerdings eröffnet diese Perspektive auch Raum für Lösungen. Diese benötigen sogar oftmals kein Urteil über Inhalte seitens Dritter, wie zum Beispiel die Sperrung von Accounts oder das Löschen von Inhalten, indem die Bürgerinnen auch online in die Position versetzt werden, solche wichtigen Entscheidungen selbst zu fällen.

Verpflichtende Standards für die Plattformgestaltung könnten bei der Orientierung helfen, wie zum Beispiel eine Kennzeichnungspflicht von Quellenangaben (und das Fehlen davon), die dabei hilft, dass die Informationsqualität wieder zu einem Faktor in der Entscheidungsfindung wird. Oder auch Transparenzanforderungen für den Newsfeed, die helfen zu verstehen, warum gewisse Inhalte angezeigt werden und andere nicht. Um gegen eine weitere Fragmentierung der öffentlichen Diskussion zu wirken und kollektive Entscheidungsfindung zu verbessern, können neue Formate für soziale Reaktion wie Likes oder Shares helfen, die erlauben einen besseren Überblick über eine Debatte zu erlangen. Es könnte zum Beispiel auch passives Verhalten als Bezugsgröße angezeigt werden oder die Möglichkeit nachzuverfolgen, aus welchem Bereich des sozialen Netzwerks eine Meldung ursprünglich kam.

Solche Lösungen können natürlich nur ein Teil des aufwendigen Prozesses sein. Ein auf lange Sicht nachhaltiges Informationsökosystem und eine Online-Öffentlichkeit muss mit weniger Sperrungen auskommen und auf demokratischen Grundwerten basieren. Um diese Wege unter realistischen Bedingungen weiter zu erforschen und zu testen, wird es allerdings notwendig sein entweder die Kooperation mit den Plattformen zu suchen – die sich in der Vergangenheit aber als schwierig erwiesen hat – oder groß angelegte Forschungsprojekte mit Bürgerbeteiligung zu erschaffen. Solche Projekte könnten EU-weit angedacht werden, wie zum Beispiel durch ein europäisches, öffentlich betriebenes soziales Netzwerk. Dass dies noch ein weiter Weg ist, ist klar. Um wichtige Herausforderungen der Zukunft, wie Pandemien und den Klimawandel, kollektiv zu bewältigen, aber einen Versuch wert.

Philipp Lorenz-Spreen ist ein Netzwerkwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der sich dafür interessiert, wie und warum sich Informationen auf Social-Media-Plattformen verbreiten. Seine aktuelle Forschung beschäftigt sich mit der Frage, wie soziale Netzwerke so gestaltet werden können, dass sich die Entscheidungen einzelner Nutzer:innen zu einem konstruktiven Miteinander für alle entwickeln.

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