Standpunkt Keine Zeit für Schockstarre

Vor allem deutsche Unternehmen scheuen vor großen Veränderungen zurück und setzen in der Krise auf altbewährte Maßnahmen. Dabei zeigt sich jetzt, ob wir bereit sind für eine langfristig unsichere Welt, ist TLGG Consulting-Chef Max Orgeldinger überzeugt.

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Inzwischen gibt es kaum noch Zweifel, dass Covid-19 das weltweite Wirtschaftssystem auf eine Weise treffen wird, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Die anfänglichen Prognosen sind längst denen einer langfristigen Krise gewichen. Entsprechend groß ist die Unsicherheit. Unternehmen tun sich schwer, in diesem Umfeld zu reagieren. Doch wer jetzt zögerlich handelt und Veränderungen scheut, der verpasst nicht nur eine Chance der Erneuerung – sondern droht auch, zum Opfer der Corona-Disruption zu werden.

Deutsche Unternehmen scheinen derzeit – neben einem erzwungenen Wechsel ins Homeoffice – auf Sparmaßnahmen zu setzen, die ihnen bei vergangenen Rezessionen wie 2008 geholfen haben. Dabei werden nicht-essenzielle Ausgaben gekürzt und langfristige Investitionen in Frage gestellt. Reicht das nicht aus, greifen Kurzarbeit und Produktionssenkungen. Auf den ersten Blick sind die Maßnahmen verständlich, schließlich haben sie sich in der Vergangenheit bewährt. Doch die Rahmenbedingungen sind nicht wirklich miteinander vergleichbar. Schon jetzt übersteigen die laufenden Corona-Hilfsprogramme den Gesamtwert der Finanzkrise 2008. Die Pandemie wird unsere Lebensweise also wesentlich stärker verändern, obwohl das genaue Ausmaß noch unklar ist.

Von der Digitalisierung lernen, mit Unsicherheit umzugehen

Auch die langfristigen Auswirkungen von Covid-19 sind schwer vorherzusagen. Für Unternehmen bietet sich damit aktuell keinerlei seriöse Planungsbasis. Es ist nicht verwunderlich, wenn viele da erst einmal in eine Schockstarre verfallen und versuchen, Aktivitäten und Kosten zu reduzieren, bis sie mehr Gewissheit haben. Doch die Wahrheit ist: Es wird wohl für einen sehr langen Zeitraum keine Gewissheit geben.

Damit ähnelt die aktuelle Situation stark einer extremen Form der Rahmenbedingungen aus Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (VUCA), wie wir sie in der Digitalisierung erlebt haben. Vor dieser Herausforderung haben vor allem deutsche Firmen lange die Augen verschlossen und auf die eigenen, analogen Fähigkeiten vertraut, bis die digitale Welt nicht mehr zu ignorieren war. Inzwischen ist Digitalisierung längst zur Mode geworden und Unternehmen investieren viel Zeit und Geld, um sich in der „VUCA-Welt“ zu positionieren. Aber tun sie das wirklich?

Covid-19 ist echte Disruption. Jetzt zeigt sich, ob Agilität nur ein Buzzword war oder ob Unternehmen sich wirklich aktiv anpassen und durch diese Umstände sogar stärker werden als zuvor. Die erfolgreichsten Firmen werden es schaffen, sich gleichzeitig mit dem aktuellen Zustand zu arrangieren und auf dessen Ende vorzubereiten. Denn ganz gleich, ob die Situation in zwei Wochen oder zwei Jahren überstanden ist: die beste Antwort auf die VUCA-Welt sind Reaktionsvermögen und Anpassungsfähigkeit.

Die Krise als Chance für Innovation nutzen

Wer jetzt alle Entscheidungen hinausschiebt, bis mehr Klarheit herrscht, merkt womöglich irgendwann, dass es diese nicht mehr geben wird. Je mehr wir unsere Hoheit über unser Schicksal aus der Hand geben, desto größer wird der dauerhafte Schaden sein, für uns, unser Unternehmen, unsere Mitarbeiter und unsere Partner.

Es gibt viele Themen, die Firmen genau jetzt angehen können. Die offenen Stellen, die seit Jahren nicht besetzt werden konnten, weil die richtigen Kandidatinnen und Kandidaten fehlten? Jetzt sind die Leute auf dem Markt. Die Systemumstellung, für die die Mitarbeiter nicht gewonnen werden konnten? Aktuell sind sie genau auf diese digitalen Tools angewiesen. Die Experimente mit neuen Arbeitsweisen und Prozessen, die schon lange getestet werden sollten? Die laufen jetzt – ob man will oder nicht. Neue Produkte und veränderte Wertschöpfungsketten? Vielleicht gerade der einzige Weg, um weiterhin relevant zu bleiben. 

Veränderung als 

Existenzsicherung

Die Herausforderung ist, sich nun die richtigen Fragen zu stellen: Welche schon lange geplanten Projekte lassen sich jetzt realisieren, wo andere Themen wegfallen? Und welche Projekte lassen sich besonders gut umsetzen, wenn jeder Mitarbeiter von zuhause arbeitet? Was muss passieren, damit die eigenen Produkte und Dienstleistungen auch für eine Gesellschaft in Quarantäne funktionieren? Was kann jetzt digital ablaufen? Welche Preismodelle sollten sich ändern und welche Informationen und Regelungen brauchen Mitarbeiter und Kunden jetzt?

Und vielleicht ergibt sich dabei sogar eine Gelegenheit, Lösungen für aktuelle Probleme zu liefern. Wir sehen Autohersteller, die Ventilatoren bauen, Kosmetikhersteller, die auf Desinfektionsmittel umstellen und Modeunternehmen, die plötzlich Masken produzieren. Für die einen ist das eine Möglichkeit, die eigene Existenz zu sichern, für die anderen eine Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten. Die Menschen werden sich daran erinnern, wenn die Krise vorbei ist. Und die Unternehmen können beweisen, dass sie seit der Digitalisierung gelernt haben, Unsicherheit als Chance zu ergreifen.

Die Politik darf die Unternehmen dabei nicht alleine lassen. Denn um ihrer Rolle gerecht zu werden und so Dynamik zurück ins System zu bringen, benötigen Firmen ein Mindestmaß an Informationen darüber, wann und wie bestehende Maßnahmen aufgehoben werden und welche wirtschaftlichen Impulse in den kommenden Monaten gesetzt werden, damit sie Risiken und Szenarien vorhersehen können. Das gilt ganz besonders für Pläne und Richtlinien zum Lockdown.

Max Orgeldinger ist Managing Director und einer der Gründer der Digitalberatung TLGG Consulting und analysiert für Kunden wie E.ON, Lufthansa oder Mercedes veränderte Marktbedingungen.

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