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Digitalisierung & KI

Standpunkt

Weichenstellung für die Bildungsreise

Leiterin Bildung, Wissenschaft & Kultur bei Wikimedia
Leiterin Bildung, Wissenschaft & Kultur bei Wikimedia Foto: Wikimedia

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) treibt das Projekt einer Nationalen Bildungsplattform voran. Dabei ist leider die Debatte versäumt worden, wer über ihre Ausrichtung bestimmen soll, bemängelt Heike Ekea Gleibs von Wikimedia.

von Heike Ekea Gleibs

veröffentlicht am 07.07.2022

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Die Idee klingt vielversprechend: eine Plattform, auf der „vom kleinen Schulkind bis zum Rentner“ alle Bürger:innen digitale Lernangebote finden. Auf der staatliche und privatwirtschaftliche Angebote gebündelt werden, so dass jede:r sie sich „passgenau“ zusammenstellen kann, im Prozess dessen, was wir lebenslanges Lernen nennen. Das so beworbene Vorhaben – im vergangenen Jahr von der damaligen Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) präsentiert – trägt den Namen Nationale Bildungsplattform (NBP). Bis 2025 will der Bund für die Umsetzung 630 Millionen Euro zur Verfügung stellen, was zwar nicht an die künftigen Militärausgaben heranreicht, aber genug ist, um von einem Prestigeprojekt zu sprechen. Hat uns nicht die Pandemie gelehrt, welchen Nachholbedarf wir im Bereich der digitalen Bildung haben – insbesondere, wenn es um Inhalte und freie und offene Lizenz geht?

Mangelnde Beteiligung und Transparenz

In einer ersten Phase sind vier Prototypen und eine Vielzahl kleinerer Projekte mit 150 Millionen Euro gefördert worden, damit aus den Informationen über die technischen Voraussetzungen der geplanten ‚Meta-Plattform‘ Modelle für ihre künftige Umsetzung abgeleitet werden können. Jüngst haben nun das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Projektträger, die VDI/VDE Innovation + Technik GmbH, die europaweite Ausschreibung der Nationalen Bildungsplattform veröffentlicht. Sie gibt Auskunft darüber, welche Pfade eingeschlagen werden.

Gesucht werden Entwickler:innen-Teams für vier zentrale Bausteine. Zum einen für das Identitätsmanagement, das personalisierte Anmeldeverfahren, das den Zugriff auf sämtliche Angebote ermöglicht. Außerdem für eine Art elektronische Brieftasche, ein „Wallet“, in dem Zertifikate wie Zeugnisse lebenslang abgelegt werden können, bei voller Datensouveränität. Außerdem soll ein Hub für Metadaten entstehen, um die Lernangebote auffindbar zu machen – und schließlich ein Display, in dem sie präsentiert werden können. Bemerkenswert ist: Die Betaversion soll bereits Mitte 2023, in knapp einem Jahr, fertig sein.

Technik bestimmt Pädagogik

Begrüßenswert ist, dass die Software Open Source entstehen wird. Umso bedauerlicher, dass Offenheit längst nicht in jeder Hinsicht zum Programm der NBP erklärt wurde. Vor der Ausschreibung hätte eine gemeinsame gesellschaftliche Verständigung darüber, welche Idee von digitaler Bildung dieser Plattform eigentlich zugrunde liegt stattfinden müssen. Wie sie unser Lernen in Zukunft steuern soll. Hier fehlt es an Transparenz und Beteiligung. Statt etwa eine Kommission aus Vertreter:innen von Bund, Ländern und verschiedenen zivilgesellschaftlichen Interessengruppen den Prozess begleiten zu lassen, statt Lehrer:innen und Schüler:innen zu hören, die am Ende mit dem System zurechtkommen müssen, sind hinter verschlossenen Türen Prototypen entstanden und evaluiert worden.

„Die Verantwortlichen tun alles dafür, das Projekt rein technisch und unpolitisch aussehen zu lassen“, kritisiert der Plattformtheoretiker Michael Seemann. Oberflächlich betrachtet scheint es nur darum zu gehen, ein digitales Ökosystem zu schaffen, das bereits bestehende Lernsysteme der Bundesländer mit Produkten neuer kommerzieller und nicht-kommerzieller Anbieter vernetzt. Aber technische Entscheidungen sind in diesem Fall auch pädagogische Entscheidungen.

Lernen auf Schienen

Durch die Festlegung von Datenspeicherung, Algorithmen und Schnittstellen werden schon früh die Weichen dafür gestellt, wohin die viel beschworene „lebensbegleitende Bildungsreise“ geht. Das beginnt bei der sogenannten Governance-Struktur, die zukünftige Planungs- und Steuerungsprozesse festlegt. Wer bestimmt darüber, was im Display zu sehen ist? Wollen wir beispielsweise, dass nach altem Top-down-Verständnis ein Expert:innen-Gremium Inhalte definiert und daraus Kompetenzmodelle, Lernziele und -pfade ableitet? Oder geht es auch weniger linear?

Es gibt Alternativen zum Lernen auf vorgegebener Schiene: In einer communitybasierten Bottom-up-Struktur etwa werden die Regeln und Inhalte gemeinschaftlich ausgehandelt – ähnlich wie in der Wikipedia. Hier wird das Lernen in produktiver Weise als offener Prozess verstanden. Was die „Leistung“ ist, bestimmen die Lernenden selbst.

Darauf scheint die Nationalen Bildungsplattform nicht ausgerichtet zu sein. Ein Feature wie das „Wallet“ mag praktisch erscheinen, verrät aber auch eine Geisteshaltung, die nur das Zeugnis als Nachweis des Lernerfolgs gelten lässt – noch dazu des individuellen. Wie steht es um Leistungen, die in nicht-formellen Kontexten erbracht werden? Oder kollektiv? Im digitalen Ehrenamt, beim autodidaktischen Erlernen einer Programmiersprache? So etwas lässt sich nur schwer in der elektronischen Brieftasche abbilden.

Wer schützt die Daten?

Und noch eine wichtige Frage ist im Zusammenhang mit der Nationalen Bildungsplattform bis dato ungeklärt: Wo und wie werden die digitalen Inhalte gespeichert? Wenn es sich zum Beispiel um Videos handelt, die im schulischen Kontext entstehen, sprechen wir von hochsensiblen Daten. Ist überhaupt sichergestellt, dass die Plattform in staatlicher Hand verbleibt? Oder könnte sie perspektivisch auch von einem privaten Unternehmen mit kommerziellen Interessen übernommen werden? Falls ja, welchen Regeln sollen die Betreiber dann unterworfen sein – und wer kontrolliert sie?
Zu überlegen wäre etwa die Einrichtung einer Bürger:innen-Cloud, in der Daten geschützt und von einer staatlichen Betreibergesellschaft gehostet werden. Aber auch das sollte in einer öffentlichen Debatte zur Verhandlung stehen.

Offen gestaltet kann Bildungspraxis ein zentraler Treiber für mehr gesellschaftliche Teilhabe sein. Wir erleben das bei den in Kollaboration mit Communities aufgebauten Wikimedia-Projekten Wikipedia, Wikidata oder Wikimedia Commons. Hier machen Lernende die Erfahrung, dass sie ihr soziales und digitales Umfeld aktiv mitgestalten können – zum Wohle aller. Wo Offenheit besteht, haben gute Ideen auch die Chance, sinnvoll Gestalt anzunehmen.

Heike Ekea Gleibs leitet das Team „Bildung, Wissenschaft, Kultur“ bei Wikimedia Deutschland und setzt sich dort für den freien Zugang zu Wissen und Bildung ein. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und systemische Coachin und arbeitet seit vielen Jahren im gemeinnützigen Sektor.

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