Standpunkt Wie Städte digitale Nachhaltigkeit leben können

Mit der Digitalisierung hat es in vielen deutschen Städten noch nicht so geklappt, mit Klimaschutz noch weniger. Dabei muss sich beides nicht mal im Weg stehen, nur endlich angegangen werden, schreibt Alicia Sophia Hinon von der Klimaliste Berlin.

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In unseren Städten haben die regierenden Volksvertretungen wertvolle Jahre verpasst, die Stadt auf die Mobilitäts- und Energiewende vorzubereiten. Stattdessen schauen die Menschen nun neidisch nach Kopenhagen, Paris und Barcelona. Dabei gibt es längst umfassende Strategien und Empfehlungen, wie die Digitalisierung Metropolen wie Berlin zu einem klimagerechten Zukunftsort machen kann.

Zunächst erscheinen Digitalisierung und Klima als ein Widerspruch, zu oft begleitet das Narrativ der erfolgs- und energiehungrigen Digital-Start-ups die Wahrnehmung. Doch die Erfahrungen der lokal ansässigen Internet-Unternehmen, gerade aus den Bereichen des Impact und Social Entrepreneurship, sollte sich Städte wie Berlin zu Herzen nehmen. Konzepte wie die konsequente Dematerialisierung (dem Ersetzen von materiellen durch digitale Produkte und Dienstleistungen), Dezentralisierung (also die räumliche und strukturelle Verteilung von Verantwortung) und die kritische Überwachung von Rebound-Effekten (bei denen die Verbesserung der Effizienz nicht zum Energiesparen, sondern zur Mehrnutzung führt) können wertvolle Indikatoren sein.

Um die Herausforderungen der Erderhitzung aktiv anzugehen, muss Berlin in den kommenden Jahren schnellstmöglich seine Infrastruktur zugunsten einer intelligenten grünen Stadt umgestalten. Schlanke und größtenteils automatisierte Behördenprozesse können da nur der Anfang sein. Das gerade zurückgekaufte Stromnetz muss in Bürger:innenhand überführt und für die Hunderttausenden neuen, kleinräumigen Solaranlagen auf den Häuserdächern fit gemacht werden, Einspeisung, Lastverteilung und Abrechnungen gehen nur digital. Internet-Übertragungen aus den Stadtparlamenten ohne prompte, umfassende digitale Bereitstellung der diskutierten Inhalte verspotten die dringend nötige Transparenz und Bürgerbeteiligung.

Stabiles Internet als Innovationstreiber

Digitale anonyme Messungen sollen die Nutzungsströme von Lieferdiensten, ÖPNV-Angeboten und Zweiradmobilität analysieren, um Verkehr zu bündeln sowie effektivere, direktere Verbindungen und grüne Wellen für Fahrradfahrende zu realisieren. Ein konsequenter Fokus auf Homeoffice und wohnortnahes Co-Working reduziert Pendelzeit und spart enorme Mengen an CO2, benötigt aber stabiles Internet und idealerweise stadtweiten, kostenlosen Zugang. Ressourcenintensivem, konkurrierendem Netzausbau muss eine klare Absage erteilt werden.

Rechenzentren müssen ab Planungsstart in den Wärmekreislauf der Stadt eingebunden werden, Wetterereignisse umfassend digital erfasst und öffentlich bereitgestellt werden, um auch lokal unmittelbar Maßnahmen gegen die Klimakrise ableiten zu können. Es bedarf einer umgehenden und umfassenden Elektroschrott-Strategie inklusive der kostengünstigen Zurverfügungstellung von aufgearbeiteten Geräten. Die Klimakrise reduziert die Verfügbarkeit von Elektronik-Rohstoffen, die unreflektierte Beschaffungsstrategie des jüngst beschlossenen Digitalpakts wird schon jetzt absehbar wieder auf dem Rücken von Schulen und Bibliotheken ausgetragen werden.

Städte brauchen digitale Partizipation

Gerade Letztere werden in den kommenden Jahren wieder zu zentralen Stätten der Vernetzung und Kollaboration für digitale zivilgesellschaftliche Projekte, entsprechend muss ihre Ausstattung und Sichtbarkeit drastisch erhöht werden, die Einrichtung von Maker-Spaces und Technologie-Erlebnisorten konsequent vorangetrieben werden. Auch die Wirtschaft selbst würde von einer nachhaltigen Digitalisierungsstrategie profitieren, etwa durch „grüne“ Fördertöpfe und neue Entwicklungsanreize. Städte und Bezirke müssen bei Ausschreibungen einen konsequenten Schattenpreis von 195 Euro pro Tonne CO2-e berücksichtigen, so erhielten endlich auch junge, klimaneutral wirtschaftende Unternehmen besseren Zugang zu öffentlichen Aufträgen.

Die Stadt der Zukunft ist klimapositiv und lebenswert, digitale Prozesse arbeiten im Hintergrund und sind suffizient auf die Bedürfnisse der Stadtgesellschaft angepasst. Und die Bürger:innen müssen sich jeden Tag ein Stück weniger mit blöder Technik herumärgern. Wenn wir jetzt starten.

Alicia Sophia Hinon ist Vorstandsmitglied bei D64 - Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. und Spitzenkandidatin der Klimaliste Berlin bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2021.

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