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Energie & Klima

Standpunkt

Die zweite Krise: Frankreichs Kernenergie

Lion Hirth, Professor der Hertie School und Geschäftsführer Neon
Lion Hirth, Professor der Hertie School und Geschäftsführer Neon

Die Gaskrise hat Europa im Griff, aber nun kommt noch ein zweites schwerwiegendes Problem hinzu: Frankreichs Atomkraftwerke liefern viel weniger Strom, und zwar wahrscheinlich auch im kommenden Winter. Das Hauptproblem sind Korrosionsschäden, schreiben Lion Hirth von der Hertie School und Ingmar Schlecht von der Schweizer ZHAW in ihrem Standpunkt. Ein Grund mehr für sie, auch im Strombereich drastisch Energie zu sparen.

von Lion Hirth

veröffentlicht am 01.07.2022

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Europa erlebt die wahrscheinlich schwerste Energiekrise seit dem Ölpreisschock von 1973. Russland dreht den Gashahn unter fadenscheinigen Gründen immer weiter zu und treibt damit den Börsenpreis für Erdgas auf das Zehnfache des Vorkrisenniveaus. Eine echte Gasmangellage mit physischen Versorgungsengpässen für weite Teile der Industrie ist nun eine reale Möglichkeit.

Gleichzeitig hat sich in Frankreich weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit eine zweite Energiekrise zusammengebraut: eine Stromkrise. Und eine Krise der Kernkraft.

Frankreich betreibt 56 Kernkraftwerke, die rund drei Viertel des französischen Strombedarfs decken – normalerweise. Momentan ist mehr als die Hälfte der Leistung französischer Atomkraftwerke nicht verfügbar. Dass im Sommer Anlagen zu Wartungszwecken heruntergefahren werden, ist nicht ungewöhnlich. Doch in diesem Jahr kommen weitere Revisionen hinzu, die in den letzten Jahren wegen der Corona-Pandemie verschoben werden mussten, weil Wartungsingenieure nicht reisen konnten.

Die Korrosionsschäden könnten sich noch ausweiten

Außerdem gibt es bereits jetzt im Frühsommer Abschaltungen wegen warmer Flusswassertemperaturen als Folge der Hitzewelle im Juni. Hinzu kommen Warnstreiks. Der wichtigste Faktor ist jedoch, dass in einer ganzen Reihe von Reaktoren Korrosionsschäden an Schweißnähten festgestellt wurden. Diese sogenannte Spannungsrisskorrosion betreffen das Leitungssystem, über das im Notfall borhaltiges Wasser in den Primärkreislauf eingeleitet werden kann, also den sicherheitskritischen Bereich des Reaktors. Davon sind nicht nur ältere Anlagen betroffen, sondern auch die modernsten und leistungsstärksten Kraftwerke. Es ist zu befürchten, dass bei den noch anstehenden Untersuchungen weiterer Reaktoren weitere Korrosionsschäden gefunden werden.

Die Schäden wurden im Rahmen von geplanten Revisionen entdeckt und die Anlagen sind heruntergefahren, so dass keine Gefahr eines nuklearen Unfalls droht. Aber die Behebung der Risse wird Monate dauern, und in dieser Zeit erzeugen die Kraftwerke keinen Strom. Es ist zu befürchten, dass auch im Winter eine Reihe von Reaktoren außer betrieb bleiben müssen. Der französische Energieversorger EDF hat bereits angekündigt, dass im laufenden Jahr etwa 70 TWh weniger Atomstrom erzeugt werden kann als im Vorjahr. Das ist eine gewaltige Lücke – mehr als die Jahres-Solarstromerzeugung Deutschlands oder der Stromverbrauch der Schweiz. EDF rechnet mit einem Gewinneinbruch von 19 Milliarden Euro.

Bereits heute ist die Situation im Netz spürbar. So liefern die Nachbarn, darunter Deutschland, deutlich mehr Strom nach Frankreich als im Vorjahr. Diese zusätzliche Nachfrage muss oft von Gaskraftwerken gedeckt werden, so dass Deutschland in diesem Mai mehr Gas zur Stromproduktion verbrannt hat als jemals in einem Mai zuvor – trotz des Rekordniveaus bei Gaspreisen.

Frankreich deckt ein Viertel seines Gebäudewärmebedarfs elektrisch, so dass im Winter der Strombedarf deutlich höher ist als im Sommer. Im kommenden Winter könnte Strom in Frankreich daher sehr knapp werden, vor allem wenn der Winter kalt ausfällt.

Schon heute zeigen Marktpreise die Dramatik der Situation: Für den Dezember-Peak-Terminkontrakt, also der Preis von Strom mit Lieferung tagsüber, wird momentan 1500 €/MWh gezahlt – 15 Mal mehr als vor einem Jahr und fast drei Mal so viel wie im von Gasknappheit geplagten Deutschland. Die Terminpreise legen nahe, dass der Spotpreis im Winter während hunderter Stunden vierstellig werden dürfte. Dieser Preis ist auch ein Mehrfaches höher als die Erzeugungskosten von Gasturbinenkraftwerken. Diese schwindelerregenden Preise sind offensichtlich notwendig, damit genügend Industriebetriebe ihre Produktion einstellen, damit die Stromerzeugung überhaupt ausreicht.Mit den Brennstoffkosten von Gaskraftwerken allein lassen sich solch hohe Preise anders nicht erklären.

Die von Russland ausgelöste Gaskrise und die drohende französische Stromkrise verstärken sich gegenseitig. Um einem Versorgungsengpass mit Gas auszuweichen, könnten mehr und mehr Menschen in ganz Europa Elektroradiatoren kaufen und so die Stromkrise verschärfen. Andersherum muss der fehlende Atomstrom im Winter fast komplett durch Gaskraftwerke ersetzt werden, was den Gasmangel europaweit weiter verschärft.

Wie schlimm kann es kommen? Falls der Stromverbrauch in Frankreich nicht gedeckt werden kann, muss der Netzbetreiber Verbraucher zwangsweise abwerfen. Zunächst werden dabei dafür kontrahierte Industrieanlagen abgeschaltet, wenn dies nicht ausreicht, müssen einzelne Verteilnetze abgeworfen werden. Technisch wird dies als „kontrollierter Lastabwurf“ bezeichnet, aber praktisch bedeutet dies, in ganzen Regionen kommt es dann zum Stromausfall. Zuletzt gab es eine vergleichbare Situation Anfang 2021 in Texas, damals als in Folge einer außergewöhnlichen Kältewelle Kraftwerke und Gasinfrastruktur versagten. Als Folge der großflächigen Stromausfälle kamen dabei fast 250 Menschen ums Leben.

Die drohende doppelte Energiekrise macht das Sparen von Erdgas und Strom noch wichtiger. Es ist essentiell, dass die hohen Energiepreise bei Unternehmen und Haushalten ankommen. Subventionen auf den Energieverbrauch, auch solche, die als Kriseninstrumente gerade erst beschlossen wurden, müssen umgehend abgeschafft oder ausgesetzt werden. Zur Kompensation der energieintensiven Industrie sind großzügige Kurzarbeitsregelungen, Überbrückungskredite oder direkte finanzielle Unterstützung bessere Optionen. Die zusätzlichen Belastungen für Haushalte sollte durch direkte Pro-Kopf-Einkommenstransfers abgefedert werden, die dann progressiv wirken, wenn sie der Einkommensteuer unterliegen. Dies muss jetzt administrativ vorbereitet werden.

Preise müssen eine Wirkung entfalten können, darüber sollten sich alle Betroffenen im Klaren sein. Deswegen bedarf eines einer transparenten, klaren und konsistenten Kommunikation an die Bürger: Heizen wird im nächsten Winter deutlich teurer werden und Energiesparen ist der einzig sinnvolle Weg, damit umzugehen. Ein direktes Anschreiben aller Gaskunden durch ihren Energieversorger mit dieser klaren Warnung, gepaart mit einfach umzusetzenden Spar-Tipps, könnte die politische Kommunikation unterstützen.

Lion Hirth ist Assistant Professor der Hertie School und Geschäftsführer von Neon Neue Energieökonomik. Ingmar Schlecht ist dort Co-Direktor und arbeitet und forscht an der ZHAW School of Management and Law im Schweizer Winterthur.

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