Landwirtschaft : Agri-PV braucht mehr als gute Absichten

Mark Kugel
Mark Kugel, Sonntag Energy Foto: Sonntag Energy

Deutschland braucht mehr Solarstrom. Deutschland braucht eine resilientere Landwirtschaft. Agri-PV darf daher nicht mehr wie ein Nischenthema behandelt werden, fordert Mark Kugel, Co-Founder des Agri-PV-Spezialisten Sonntag Energy.

von Mark Kugel, Sonntag Energy

veröffentlicht am

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Der Sommer hat einmal mehr gezeigt, wie verletzlich unsere Landwirtschaft gegenüber Wetterextremen geworden ist. Hitze, Trockenheit, Starkregen und Hagel treffen landwirtschaftliche Betriebe unmittelbar. Gleichzeitig steigen Kosten für Löhne, Energie und Material, während der Preisdruck durch internationale Wettbewerber zunimmt.

Für den einzelnen Betrieb stellt sich damit eine entscheidende Frage: Wie lässt sich der Hof wirtschaftlich zukunftsfest machen? Agri-PV kann darauf eine Antwort geben: durch zusätzliches Einkommen, Schutz vor Wetterextremen und einen messbaren Beitrag zur Energiewende.

Die Technologie ist da. Jetzt geht es um die nächste Stufe: Welche Rahmenbedingungen brauchen wir, damit aus einzelnen Agri-PV-Projekten ein skalierbares Geschäftsmodell wird?

Agri-PV muss sich rechnen

Der aktuelle EEG-Referentenentwurf sieht für Agri-PV einen zusätzlichen Bonus von 0,5 Cent pro Kilowattstunde vor. Das ist ein sinnvoller Impuls und eine Anerkennung dafür, dass Agri-PV besondere Leistungen für Landwirtschaft und Energiesystem erbringt.

Für die Skalierung der Technologie sind Boni allerdings zweitrangig. Vielmehr sind Geschäftsmodelle entscheidend, die sich auch fernab von Solarpaket 1 und Co. rechnen. Batteriespeicher können diese Brücke schlagen, indem sie Solarstrom genau dann verfügbar machen, wenn er gebraucht wird oder am Strommarkt einen höheren Wert erzielt.

Noch größer wird dieses Potenzial, wenn Speicher auch Graustrom aus dem Netz beziehen können. Dann ist ihre Nutzung nicht mehr allein an die Solarstromproduktion gekoppelt. Sie können auf Preissignale reagieren, ihre Kapazität besser auslasten und gezielt dann Strom aufnehmen oder abgeben, wenn dies wirtschaftlich oder für das Netz sinnvoll ist.

Die geplante MiSpeL-Regelung geht deshalb in die richtige Richtung. Sie schafft die Grundlage dafür, Mischstromspeicher flexibler einzusetzen und damit neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Umso schwerer nachvollziehbar ist, warum dieser Ansatz zunächst nur freiwillig erprobt und erst im Folgejahr verbindlich umgesetzt werden soll. Wenn die technischen Voraussetzungen vorhanden sind und der wirtschaftliche Nutzen absehbar ist, sollten wir solche Lösungen schneller in die Praxis bringen. Für selbstgemachte Verzögerungen fehlt uns die Zeit.

Auch die Netzbetreiber brauchen dafür passende Rahmenbedingungen. Speicher müssen nicht zu jeder Zeit mit voller Leistung laden oder einspeisen. Flexible Anschlussbedingungen können festlegen, wann ein Speicher verfügbar sein muss und wann seine Leistung aufgrund der Netzsituation begrenzt werden kann.

Mehr Wertschöpfung direkt vor Ort

In vielen Fällen befinden sich landwirtschaftliche Betriebe und größere Stromverbraucher in unmittelbarer Nähe. Der Strom muss dann nicht zwangsläufig den Umweg über das öffentliche Netz nehmen. Er kann direkt dort genutzt werden, wo er gebraucht wird – etwa in einem benachbarten Gewerbebetrieb oder in einem Unternehmen mit hohem und planbarem Strombedarf.

Solche Direktliefermodelle schaffen für beide Seiten Vorteile: Der Betreiber der Agri-PV-Anlage erhält einen verlässlichen Abnehmer und einen höheren Preis, der Verbraucher langfristig kalkulierbare und günstigere Strompreise. Um mehr von dieser sinnvollen lokalen Verzahnung aus Stromerzeugung und -verbrauch möglich zu machen, müssen die VDE-Regelungen stärker darauf ausgerichtet werden, wie dezentrale Erzeugung und lokale Abnahme tatsächlich funktionieren. Der Wille, Direktlieferung zu vereinfachen, ist im Koalitionsvertrag bereits vorgesehen. Jetzt kommt es darauf an, diese Intention auch in praxistaugliche Regeln zu übersetzen.

Energy Sharing bietet hier zusätzlich interessante Perspektiven. Wenn Strom innerhalb einer Region erzeugt und verbraucht wird, sollte sich diese räumliche Nähe stärker in den Netzentgelten widerspiegeln. Geringere Netzentgelte für lokal geteilten Strom könnten einen zusätzlichen wirtschaftlichen Anreiz schaffen, Erzeugung und Verbrauch zusammenzubringen. Aus einer einzelnen Agri-PV-Anlage kann dadurch ein Bestandteil eines regionalen Energiesystems werden. Der Blick nach Österreich zeigt, wie Energy Sharing schon erfolgreich in der Praxis umgesetzt wird. Davon sollten wir uns eine Scheibe abschneiden.

Viele Höfe, viele Anlagen

Skalierung bedeutet bei Agri-PV etwas anderes als bei klassischen Solarparks. Wir brauchen viele Anlagen auf vielen landwirtschaftlichen Betrieben, die den erzeugten Strom auf ihren Höfen nutzen können. Die im Bereich der Freiflächen-PV sinnvolle Anlagenzusammenfassung, also die rechtliche Zusammenlegung mehrerer kleiner Freiflächen-PV-Anlagen, schafft für die Agri-PV daher ein Hindernis. Wenn mehrere landwirtschaftliche Betriebe in derselben Gemeinde jeweils in Agri-PV investieren, ist das genau die Entwicklung, die wir brauchen: zusätzliche Wertschöpfung für die Höfe, mehr erneuerbarer Strom und eine dezentrale Energieversorgung.

Werden diese eigenständigen Projekte aufgrund ihrer räumlichen Nähe zusammengefasst, ist jedoch bereits die zweite und jede weitere Anlage wirtschaftlich schlechter gestellt, da sie keine Chance auf die attraktive MWp-Fixvergütung hat. Der wünschenswerten lokalen Dynamik aus Landwirten, die von Leuchtturmprojekten begeistert, auch investieren wollen, wird damit Wind aus den Segeln genommen. Für baurechtlich privilegierte, hofnahe Agri-PV sollte die Anlagenzusammenfassung deshalb ausgesetzt werden.

Aus einzelnen Projekten muss ein Markt werden

Damit Agri-PV in die Breite kommt, müssen mehrere Stellschrauben ineinandergreifen: Speicher müssen flexibler eingesetzt werden können, Netzanschlüsse unterschiedliche Betriebsweisen ermöglichen und Strom muss einfacher direkt an Verbraucher in der Umgebung geliefert werden können. Erst im Gleichklang dieser Maßnahmen entstehen die wirtschaftlichen Spielräume, die hofnahe Agri-PV langfristig wirtschaftlich tragfähig macht - mit oder ohne Solarpaket 1.

Parallel zur Auseinandersetzung um regulatorische Rahmenbedingungen ist die Branche gefordert: Wir sollten nicht auf den perfekten Förderrahmen warten, sondern Projekte entwickeln, die heute schon einen Fingerzeig in Richtung einer Zukunft geben, in der Agri-PV die Resilienz der Landwirtschaft und unserer Stromversorgung sichert.

Raus aus der Nische

Agri-PV hat das Potenzial, gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe zu stärken und einen Beitrag zu einem flexibleren Energiesystem zu leisten. Dafür brauchen wir keine einzelne große Stellschraube. Wir brauchen ein Zusammenspiel aus wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsmodellen und Rahmenbedingungen, die ihre Skalierung ermöglichen.

Förderung ist gut, entscheidend wird aber sein, ob wir die nächste Anlage auch dann wirtschaftlich betreiben können, wenn ihr Geschäftsmodell auf mehreren Beinen steht: mit Solarstrom, Speicher, Eigenverbrauch, Direktlieferung und intelligenter Vermarktung.

Wenn das gelingt, entsteht aus einzelnen Projekten ein Markt. Aus einem Markt entsteht Skalierung. Und aus der Nischentechnologie Agri-PV kann ein relevanter Baustein für eine resilientere Landwirtschaft und ein flexibles Energiesystem werden.

Dafür müssen wir jetzt die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und eine ordentliche Schippe Pragmatismus zulegen.

Mark Kugel wuchs in einer Obstbaufamilie am Bodensee auf und gründete als Wirtschaftsingenieur vor Sonntag Energy das Raumfahrtunternehmen Yuri.

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