Gebäudemodernisierungsgesetz : Heizen mit Öl und Gas wird zur Wette gegen die Zukunft
Volatile Gaspreise sind kein vorübergehendes Phänomen – sie sind das neue Normal. Wer heute in eine neue Gasheizung investiert, schreibt sich langfristige Unsicherheit ins Lastenheft. Es gibt einen besseren Weg, schreibt Dror Peled, vom Heiz- und Klimagerätersteller Mitsubishi Electric Europe.
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Für so manchen Besitzer von Öl- und Gasheizungen ist gerade jeder Blick auf den Gaszähler mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Die aktuellen Preissteigerungen machen vielen Verbrauchern zu schaffen– sie sind jedoch kein kurzfristiger Ausreißer, sondern Ausdruck struktureller Veränderungen im Energiemarkt, die die Kostenentwicklung langfristig prägen.
Im Winter 2025/26 kamen die deutschen Gasspeicher mit einem historischen Tief von rund 20 Prozent Füllstand aus der Saison. Kurzfristige geopolitische Spannungen können diese Entwicklungen zusätzlich verstärken. Wer heute eine Gasheizung erneuert, entscheidet damit auch, wie viel externe Preisunsicherheit er dauerhaft tragen will. Die Wette auf günstige oder zumindest verträgliche Preise ist riskanter geworden.
Drei Kostentreiber, die nicht verschwinden
Zur geopolitischen Unsicherheit gesellen sich zwei weitere strukturelle Faktoren, die den Gaspreis in den kommenden Jahren unter Aufwärtsdruck halten werden. Erstens der CO2-Preis: Seit 2021 steigt er planmäßig, von 25 Euro pro Tonne auf heute 55 bis 65 Euro. Ab 2028 löst das europäische Emissionshandelssystem ETS 2 den nationalen Festpreis ab, das erstmals Gebäude und Verkehr einschließt. Dann entsteht der CO₂-Preis durch Angebot und Nachfrage – zwar mit einer Marktstabilitätsreserve als Preispuffer, aber ohne feste politische Obergrenze.
Zweitens die Netzentgelte. Immer mehr Haushalte wechseln das Heizsystem; die Infrastrukturkosten des Gasnetzes verteilen sich auf weniger Schultern. Neue Abschreibungsregelungen für Netzbetreiber haben dazu beigetragen, dass die durchschnittlichen Gasnetzentgelte 2025 deutlich gestiegen sind. Wer beim Gas bleibt, finanziert eine schrumpfende Infrastruktur mit – das ist die Logik des Ausstiegs.
Drittens der globale LNG-Wettbewerb. Seit dem Wegfall russischer Pipelinelieferungen bezieht Deutschland Gas überwiegend als Flüssiggas aus Norwegen, den USA und Katar. Das hat die Versorgungssicherheit verbessert, aber den Preis anfälliger gemacht. Ein kriegerischer Konflikt, der Lieferungen verzögert, eine ungewöhnlich kalte Wintersaison woanders, und die Preise reagieren innerhalb von Tagen. Die Volatilität hat ihre Adresse gewechselt, nicht abgenommen.
Warum Strom als Energiebasis stabiler ist
Strom hingegen ist in seinem Preisgefüge breiter und resilienter aufgestellt. Er wird aus einem Mix von Wind, Solar, Wasser, Kernkraft und fossilen Quellen erzeugt – verteilt über europäische Partnersysteme, mit wachsendem Anteil heimischer und damit importunabhängiger Erzeugung. Entscheidend ist: Ein erheblicher Teil des Stroms kann lokal produziert werden – etwa durch Photovoltaik auf dem Dach, oft in Kombination mit Wärmepumpe und Speicher. Das ist eine Unabhängigkeit, die Gas strukturell nicht bieten kann.
Welche Alternativen sind heute wirklich einsatzfähig?
Wenn über den Abschied vom Gas gesprochen wird, stehen meist vier Optionen im Raum: Wärmepumpe, Fernwärme, Biomasse und Wasserstoff.
Fernwärme ist attraktiv, wo sie bereits existiert oder aktiv ausgebaut wird. Kommunale Wärmepläne, zu deren Vorlage Kommunen bis Mitte 2026 verpflichtet sind, geben dabei eine Richtung vor, sind aber rechtlich unverbindlich und kein Garant für tatsächlichen Netzausbau. Freistehende Gebäude und Gewerbeimmobilien abseits dichter Siedlungsgebiete werden auf absehbare Zeit keinen Anschluss bekommen.
Biomasse, eine etablierte, aber an Bedeutung verlierende Alternative. Steigende Rohstoffpreise und verschärfte Emissionsanforderungen machen sie für viele Gebäude weniger attraktiv.
Wasserstoff als Heizquelle ist technologisch interessant, aber nicht auf dem Weg in Wohnquartiere – das geplante Wasserstoffkernnetz zielt auf Industriestandorte. Die Effizienz liegt deutlich unter der einer Wärmepumpe. Und woher grüner Wasserstoff in ausreichender Menge zu vertretbarem Preis künftig kommen soll, ist eine Frage, die weder politisch noch ökonomisch beantwortet ist.
Die Wärmepumpe ist die einzige Variante, die heute in der Breite verfügbar ist. Für Neubauten ist sie bereits Standardtechnologie, und auch für die meisten Bestandsgebäude lässt sie sich ohne neue Infrastruktur oder lange Genehmigungsverfahren installieren. Ihr Funktionsprinzip macht sie effizient: Aus einer Kilowattstunde Strom erzeugt sie drei bis vier Kilowattstunden Heizwärme. Selbst bei höherem Strompreis liegen die Betriebskosten so oft unter denen einer Gasheizung.
Nicht alle Wärmepumpen sind gleich
Wer ernsthaft über eine Wärmepumpe nachdenkt, sollte mit einer Frage beginnen, die kaum jemand stellt: Habe ich vielleicht bereits eine? Viele Klimaanlagen, die in den letzten zwanzig Jahren in Büros und Wohngebäuden installiert wurden, sind technisch Wärmepumpen und können auch heizen. Wer im Sommer kühlt und im Winter die Anlage abschaltet, lässt möglicherweise ein effizientes, bereits vorhandenes System ungenutzt.
Für alle anderen hängt die richtige Lösung vom Gebäude ab, denn der Begriff Wärmepumpe umfasst sehr unterschiedliche Systeme.
Die Luft-Wasser-Wärmepumpe ist heute das meistinstallierte Wärmepumpensystem in Wohngebäuden. Sie entzieht der Außenluft Wärme und gibt sie über das Wassernetz an Heizkörper oder Flächenheizung ab. Keine Erdbohrungen, keine Genehmigungen, Installation in drei bis fünf Tagen. Moderne Wärmepumpensysteme mit erweitertem Temperaturbereich funktionieren auch mit herkömmlichen Heizkörpern und in der Brauchwasserbereitung, was den Einsatzbereich im Bestand erheblich erweitert.
Die Luft-Luft-Wärmepumpe gibt Wärme direkt an die Raumluft ab, ohne wasserbasiertes Heizsystem. Sie ist besonders relevant für Gewerbegebäude, aber auch für Wohngebäude und Umbauprojekte, wo keine neue Heizungsinfrastruktur verlegt werden soll oder hohe Kosten durch die aufwendige Modernisierung von Rohrleitungssträngen und Heizflächen anstehen. Ihr Nebeneffekt ist praktisch: Dieselbe Anlage, die im Winter heizt, kühlt im Sommer.
Erdwärmepumpen arbeiten effizienter, weil die Bodentemperatur konstanter ist als die Außenluft. Sie entziehen dem Erdreich über Sonden oder Kollektoren Wärme und übertragen diese über ein Wassernetz ins Gebäude. Die Erschließungskosten und Genehmigungsverfahren machen sie aufwendiger. Für Neubauten und größere Sanierungsprojekte mit entsprechendem Vorlauf sind sie trotzdem attraktiv.
Die Investitionskosten variieren stark nach System und Gebäude. Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe ist nach Förderung in günstigen Fällen nicht viel teurer als eine neue Gasheizung; Erd- und Grundwasserwärmepumpen liegen durch die Erschließungskosten deutlich darüber, bieten dafür aber langfristig niedrigere Betriebskosten.
Was die Politik jetzt leisten muss
Seit 2021 hat der Markt um fossile Brennstoffe mehrfach gezeigt, wie schnell externe Ereignisse die Heizkosten bewegen können. Die Bundesregierung hat die Heizungsförderung bis mindestens 2029 gesichert. Ein wichtiges Signal, denn laut einer Evaluation der BEG-Förderung von Prognos und weiteren Instituten löst jeder Fördereuro das Vierfache an privaten Investitionen aus.
Doch das angekündigte Gebäudemodernisierungsgesetz sendet ein widersprüchliches Signal: Es stellt die Installation neuer Öl- und Gasheizungen wieder frei. Von einem fairen Wettbewerb zwischen Wärmepumpe und fossilen Alternativen kann zudem keine Rede sein, solange Strom durch staatliche Abgaben strukturell verteuert wird und eine Senkung der Stromsteuer ausbleibt. Zugleich schaffen Vorgaben für erneuerbare Gase zusätzliche Unsicherheit: In vielen Netzgebieten ist absehbar, dass Biomethan nur begrenzt verfügbar und wirtschaftlich darstellbar sein wird. Das stellt auch die langfristige Tragfähigkeit der Gasnetze zunehmend in Frage.
Die Entscheidung wird nicht leichter
Die Politik ist also noch in der Findungsphase. Auf eine klare Weichenstellung sollten wir aber nicht warten. Die Technologie ist ausgereift, die Förderung gesichert, und wer die langfristige Preisunsicherheit bei Gas gegen stabile Stromkosten stellt, kommt in vielen Fällen zu einem klaren Ergebnis: Die Wärmepumpe bleibt derzeit die einzige Alternative, die in der Breite verfügbar, staatlich gefördert und vor allem mit Blick auf Klimaschutz und die Reduktion von Treibhausgasemissionen zukunftsfähig ist.
Dror Peled ist Deputy Division Manager, Living Environment Systems bei Mitsubishi Electric Europe B.V.
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