Standpunkt : Die Wärmewende braucht Software, keine Subventionen
Die Politik diskutiert und verabschiedet Gesetze mit Symbolkraft, doch die hohe Nachfrage nach Wärmepumpen schafft längst Fakten. Dieser neue Boom braucht keine Kaufanreize mehr, sondern digitale Infrastruktur. Die Zukunft der Wärmewende entscheidet sich durch Software, meint Till Stenzel, Partner beim Energy-Tech-Investor SET Ventures.
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Während die Politik derzeit alles daran setzt, den Heizungsmarkt so kompliziert wie möglich für den Kunden zu machen, schafft der Markt Tatsachen. Die Nachfrage nach Wärmepumpen wächst rasant. Längst hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die im Vergleich zu Gaskesseln drei- bis viermal effizientere Heizungslösung die bessere Wahl ist. Und nicht zuletzt die Blockade der Straße von Hormus hat noch einmal zusätzlich unterstrichen, dass sich unser Energiesystem von der fatalen Abhängigkeit fossiler Energieträger lösen muss.
Günstige und komfortable Wärmelösungen
Doch der Markt sollte trotz dieser Dynamik nicht die Lehren aus dem Boom-Bust-Zyklus nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs vergessen. Auf Energiehochpreisphasen folgen auch wieder Normalisierungen. Das billige Kapital der Nullzinsphase ist weg. Sich einzig auf die Installation von „dummer“ Hardware zu fokussieren, ist damit nicht mehr wettbewerbsfähig. Wer aus dem aktuellen Hochlauf erfolgreich hervorgehen will, darf die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.
Die Restrukturierungs- und Konsolidierungswellen im Solarenergiemarkt zeigen schmerzhaft, was passiert, wenn man in diesem veränderten Umfeld auf rein analoge, kapitalintensive Geschäftsmodelle setzt. Viele Unternehmen bauten damals große Lagerbestände auf und stellten Investitionen in einen schlanken Vertrieb und digitale Produkte hinten an. Sobald jedoch politische Unsicherheit entsteht oder Preissignale schwanken, sind solche Geschäftsmodelle bedroht. Wir sollten drei Aspekte grundsätzlich anders angehen, um den Hochlauf dieses Mal tatsächlich nachhaltig, wirtschaftlich und sicher zu gestalten.
Den Markt vom Kunden her denken
Bisher wurde der Einbau von Wärmepumpen wie ein klassisches Bauprojekt verstanden. Lange Planungszyklen, fehlende Bündelung von Einkaufsmacht bei den Herstellern und nicht abgestimmte Installationsketten über mehrere Gewerke und Installationsteams machen Projekte zur Einzel-Manufaktur. Damit ist der breite Markt-Roll-out nicht zu stemmen.
Dabei gibt es schon heute verschiedene digitale Werkzeuge und Plattformen, die eine schnelle und komfortable Umsetzung für den Kunden ermöglichen. Ein radikaler Asset-Light-Ansatz verzichtet komplett auf eigene Installationsflotten und lagert die physische Umsetzung vor Ort an lokale Fachpartner aus. Angebote werden innerhalb eines Tages erstellt, nicht erst nach Wochen der Planung. Diese moderne Arbeitsteilung erfasst die rein digitale Orchestrierung der gesamten Wertschöpfungskette, während der Handwerker sich auf das fokussiert, was er oder sie am besten kann: Das Handwerk. Die intelligente Umsetzung dieser Kette entscheidet über die ökonomische Resilienz der gesamten Branche, nicht staatliche Kaufanreize.
Die Vernetzungslücke
Eine Wärmepumpe ohne intelligente Software und Energiemanagementsystem ist heute nicht mehr wettbewerbsfähig. Punkt. Gas- und Ölheizungen wurden nur bis zum Warmwasserkessel gedacht und liefen mit minimalen Anpassungen konstant. Der Treibstoff musste vom Kunden beschafft werden, Hersteller sahen sich nicht dafür zuständig, für den Kunden eine optimale Lösung aus Anlage und Treibstoff bereitzustellen.
Dies muss heute komplett neu gedacht werden. Eine intelligente Wärmepumpensteuerung kann den durchschnittlichen Preis für den Betrieb der Anlage um 30-50 Prozent senken. Dies ist längst kein nettes Feature auf Nachfrage mehr, sondern ein elementarer Bestandteil des Beratungsgesprächs mit dem Kunden. Diese müssen direkt in der Angebotserstellung sehen können, wie viel sie in ihrem konkreten Fall sparen können.
Und diese Vorteile gehen weit über den einzelnen Haushalt hinaus. Der digitale Layer für das Energiesystem kann längst verschiedene Hardwarekomponenten wie Batterien, Solaranlagen, Wärmepumpen und E-Autos gemeinsam steuern. Aus einem zentralistisch geplanten starren Stromnetz wird ein selbstoptimierendes System. Nur wenn Wärmepumpen digital steuerbar sind, können sie ihren Verbrauch flexibel in die Stunden verschieben, in denen grüner Strom günstig und im Überfluss vorhanden ist. Zahlreiche Orchestrationsplattformen zeigen, dass der Bedarf besteht und die Modelle wirtschaftlich sind.
Cybersecurity wird zur Netzsicherheit
Gleichzeitig müssen wir eine dritte Entwicklung anerkennen. Das Energiesystem eignet sich hervorragend als Ziel einer hybriden Aggression. Die gezielte Attacke auf mehrere Windparks in Polen im Dezember 2025 zeigt exemplarisch, dass unsere Energieinfrastruktur angreifbar ist. Diese Erkenntnis führt uns zu einer weiteren Lehre: die Sicherheit unserer digitalen Energieinfrastruktur muss eine höhere Priorität bekommen.
Früher war der Energiesektor ein in sich geschlossenes System. Heute werden moderne Wärmepumpen, PV-Anlagen und Heimspeicher über das Internet gesteuert und im Smart Home vernetzt.
Mit der cloudbasierten Anbindung von Hunderttausenden Wärmepumpen wird Cybersecurity schlagartig zu einer Kernfrage für die Stabilität des gesamten Energienetzes. In Zeiten hybrider Bedrohungsszenarien ist eine schlecht gesicherte Wärmepumpe ein potenzielles Einfallstor für koordinierte Angriffe auf die Versorgung.
Software entscheidet über die Skalierung
Diese drei Lehren zeigen, dass der Erfolg der Wärmewende im Software-Layer liegt. In Zeiten von KI-Agenten, die Code in Sekundenschnelle generieren, wirkt das zunächst kontraintuitiv. Doch unzuverlässiger „KI-Slop“ wird im Energiesektor schnell zum Systemrisiko. Komplexe Interoperabilität und Cybersecurity lassen sich nicht mit oberflächlicher Software lösen.
Sie erfordern eine robuste, KI-gestützte Infrastruktur, die im Millisekundenbereich arbeitet. Nur wenn Algorithmen die Energieflüsse der Wärmepumpen präzise steuern und administrative Prozesse im Hintergrund vollautomatisch absichern, entsteht die nötige Resilienz für den Markt. Und Steuerungssoftware „Made in Germany“ ist dabei auch der beste Schutz gegen etwaige trojanische Pferde in chinesischer Hardware. Die Integration von Wärmepumpen ist eben mehr als die Installation am und im Haus, sie ist ein Softwareprodukt. Erst wenn wir sie auch so denken und bauen, wird die Wärmewende unabhängig von der politischen Großwetterlage.
Till Stenzel ist Partner beim Energy-Tech-Investor SET Ventures und investiert seit über 20 Jahren in die digitale Transformation des Energiesektors.
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