Netzpaket : Netzengpässe lösen, statt Investitionen ausbremsen
Das Netzpaket der Bundesregierung werfe die richtigen Fragen auf, doch die Antworten blieben zu zaghaft. Das schreibt Mark Becker-von Bredow, Energiebereichsleiter beim ZVEI, in seinem Standpunkt. Über den Redispatchvorbehalt hinaus gebe es weitere Stellschrauben, um Netzengpässe zu lösen. Eine davon seien bundesweit einheitliche Anschlussverfahren.
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Leistungsfähige Stromnetze und der Zugang dazu sind längst ein entscheidender Standortfaktor. Das gilt selbst dann, wenn man die Energiewende außen vorließe. Ohne schnelle Anschlüsse keine neuen Fabriken, keine Rechenzentren, keine neue Wertschöpfung. Das Netzpaket der Bundesregierung stellt zwar die richtigen Fragen, aber seine Antworten bleiben angesichts der zunehmenden Knappheiten im Stromnetz zu zaghaft. Netzengpässe lassen sich nicht dauerhaft dadurch lösen, dass Investitionen in erneuerbare Energien, Speicher und neu anzuschließende Verbraucher ausgebremst werden.
Besonders deutlich zeigt sich das beim Redispatchvorbehalt, denn der löst das eigentliche Problem nicht. Ein Beispiel: 2025 kostete das Netzengpassmanagement rund 3,1 Milliarden Euro. Abgeregelte erneuerbare Energie schlug dabei mit 433 Millionen Euro zu Buche. Und selbst hiervon würde die jetzt vorgesehene Regelung lediglich einen Teil erfassen, weil sie nur neue Anlagen in ausgewiesenen Gebieten betrifft.
Zudem wurden 2025 rund 65 Prozent der Abregelungen erneuerbarer Anlagen durch Engpässe im Übertragungsnetz ausgelöst. Ein Verteilnetzgebiet kann trotzdem als kapazitätslimitiert eingestuft werden, obwohl der maßgebliche Engpass ganz woanders liegt.
Alternativen zum jetzigen Redispatchvorbehalt
Eine nicht zielgenaue Regelung und damit verbundene Kosteneinsparungen in noch nicht bezifferter aber geringer Höhe drohen somit, reale Investitionen zu erschweren. Projektrenditen sinken und Finanzierungen werden deutlich schwieriger und teurer. Darüber hinaus würden günstige Erzeugungsstandorte unattraktiver. Das wäre verheerend für die industrielle Wertschöpfung in einer Zukunftsbranche. Es gibt einige Vorschläge den Redispatchvorbehalt weniger restriktiv auszugestalten: Die Auslöseschwelle von fünf auf zehn Prozent anheben; Mengen, die durch Engpässe im Übertragungsnetz verursacht werden, nicht bei der Feststellung eines kapazitätslimitierten Gebiets einrechnen; die Einstufung auf fünf Jahre begrenzen und die Verlängerungsoption streichen.
Was es aber vor allem braucht, sind bessere Instrumente: flexible Netzanschlussvereinbarungen können helfen, Anlagen schneller ans Netz zu bringen. Dazu müssen Umfang und Dauer möglicher Begrenzungen vor der Investitionsentscheidung transparent, kalkulierbar und bankfähig sein. Außerdem können Überbauung, Cable Pooling und die Kombination komplementärer Erzeugungsanlagen und Speicher bestehende Anschlüsse deutlich besser auslasten. Es muss darum gehen, vorhandene Kapazität intelligent zu nutzen.
Digitale Anlaufstelle für Anschlussverfahren
Ein ganz anderes Thema, bei dem das Netzpaket zu wenig ambitioniert ist: Auch die Netzanschlussverfahren selbst müssen endlich im digitalen Zeitalter ankommen. Über 850 Netzbetreiber, unterschiedliche Formulare, Portale und technische Bedingungen – das bremst nicht nur überregionale Projekte aus, das ist höchst ineffizient. Deutschland braucht ein bundesweit einheitliches Verfahren für die jeweiligen Netzebenen. Oder anders gesagt: eine zentrale digitale Anlaufstelle und transparente Daten zu freien Kapazitäten, und Anschlussdauern. Die Priorisierung von Anschlussanträgen ist eine industriepolitische Weichenstellung. Kriterien und Gewichtung müssen daher gesetzlich oder durch die Bundesnetzagentur transparent vorgegeben werden, statt durch einzelne Netzbetreiber.
Der wirksamste Hebel bleibt der Ausbau und die Modernisierung der Netze. Allein der laufende Netzausbau kann den Redispatchbedarf nach Berechnungen von Amprion von rund 25 auf sieben Terawattstunden im Jahr 2029 senken. Das würde Kosten von etwa zwei Milliarden Euro vermeiden. Speicher, flexible Verbraucher sowie digitale, topologische und kurative Maßnahmen kommen hinzu.
Politik sollte nicht den Mangel organisieren, sondern seine Ursachen beseitigen. Deutschland braucht mehr Tempo beim Netzausbau, mehr Digitalisierung und mehr Flexibilität. Netzanschlüsse könnten so zum Beschleuniger von Wachstum und Transformation werden, nicht zu ihrem Flaschenhals.
Mark Becker-von Bredow ist seit Juli Leiter im neu geschaffenen Bereich Energie beim Elektroverband ZVEI. Bereits seit 2022 ist Becker-von Bredow Leiter des Bereichs Elektrifizierung und Klima beim ZVEI. Zuvor war er bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) tätig.
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