Hohe Energiepreise : Die Energie-Entlastung, die den Staat nichts kostet
Deutschland hat die höchsten Strompreise der G20 und stützt Strom- und Gaspreise mit knapp 27 Milliarden Euro im Jahr. Für die versprochene Stromsteuersenkung fehlt trotzdem das Geld. Dabei liegen rund sechs Milliarden Euro Entlastung im Markt selbst: Nämlich bei den Preisen, die bisher nur für Neukunden gelten. Zwei Änderungen im EnWG würden sie allen Haushalten zugänglich machen, meint Bastian Gierull von Octopus Energy.
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Deutschland hat die höchsten Strompreise aller G20-Staaten – 35,6 Cent je Kilowattstunde, mehr als das Doppelte des G20-Durchschnitts von 16,3 Cent. Zum Vergleich: In Frankreich zahlt man 23,3 Cent, in den USA nur 18,3 Cent. Das zeigt eine aktuelle Verivox-Analyse. Auch beim Gas liegen die Preise im oberen Drittel der G20-Länder.
Der Staat versucht mit viel Geld dagegen zu halten. Rund 17 Milliarden Euro trägt der Bund in diesem Jahr für die EEG-Förderung, die früher als Umlage auf der Stromrechnung stand. Dazu kommen 6,5 Milliarden Euro Zuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten und 3,4 Milliarden Euro für die abgeschaffte Gasspeicherumlage. Insgesamt sind das knapp 27 Milliarden Euro in diesem Jahr, um Strom- und Gaspreise zu dämpfen. Aber reicht das?
Die im Koalitionsvertrag zugesagte Stromsteuersenkung in Höhe von ca. 2 Cent pro Kilowattstunde wird aktuell kontrovers diskutiert. Kanzler Merz und die Bundesländer drängen darauf, das Finanzministerium verweist auf fehlende Haushaltsmittel. Das Geld ist knapp.
Deshalb sollte der Gesetzgeber eine Entlastung ins Auge fassen, die kein Steuergeld kostet: Bestandskunden sollten Preise erhalten, die auch für Neukunden gelten.
Sechs Milliarden Euro Ersparnisse, die niemand abholt
Die Bundesnetzagentur beziffert den modellierten Neukundenpreis für Strom im Januar 2026 auf 34,9 Cent je Kilowattstunde. Bei 3500 Kilowattstunden Jahresverbrauch spart ein Haushalt durch einen Wechsel im Schnitt rund 95 Euro im Jahr. Gewechselt haben 2025 aber nur 6,7 Mio. Haushalte und Kleinverbraucher, eine Quote von etwa 14 Prozent. Die anderen 86 Prozent, etwa 42 Millionen Haushalte und Kleinverbraucher, zahlen weiter alte Preise. Hochgerechnet auf den Durchschnittsverbrauch liegen damit rund 2,6 Milliarden Euro Entlastung pro Jahr brach.
Beim Gas ist das Bild dasselbe. Den Neukundenpreis beziffert die Behörde im Januar 2026 auf 9,6 Cent je Kilowattstunde, rund 13 Prozent weniger als im Vorjahr. Ein Haushalt mit 20.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch spart durch einen Wechsel etwa 360 Euro im Jahr. Gewechselt haben 2025 rund 2,1 Millionen Gaskunden, gut vier von fünf blieben beim alten Vertrag. Hochgerechnet auf den Durchschnittsverbrauch kommen so rund 3,46 weitere Milliarden Euro dazu.
Zusammen sind das rund sechs Milliarden Euro potenzielle Ersparnis im Jahr für niedrigere Energiekosten. Sie kommen aber nicht an.
Günstige Preise sollten nicht nur für Wechsler gelten
Das übliche Argument lautet: „Wer will, kann doch wechseln.“ Das stimmt, und niemand sollte davon abgehalten werden. Die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen aber, dass nach wie vor nur ein Bruchteil der Haushalte seinen Energievertrag wechselt.
Und wer wechselt, ist kein Zufall: häufiger jüngere Entscheider, häufiger Haushalte mit höherem Einkommen. Ausgerechnet die Haushalte, für die 95 oder 360 Euro am meisten bedeuten, profitieren am seltensten.
Dabei gibt es keinen sachlichen Grund, günstige Preise an einen Anbieterwechsel zu knüpfen. Denn Einkaufskosten für Energie sinken nicht für die Kunden, die kündigen. Der Neukundenpreis zeigt schlicht, was Strom und Gas heute kosten. Bei Bestandskunden spiegeln sich diese Marktpreise kaum wider.
Dass sich diese Lücke nicht von selbst schließen dürfte, zeigt eine Auswertung von rund 2400 Strom-Preisanpassungsschreiben durch die RWTH Aachen: In drei von vier Fällen erhalten Bestandskunden nach 11 bis 14 Monaten eine Preisanpassung. Nach oben.
Wechseln repariert hohe Preise für den Einzelnen, nicht für den Markt. Wer heute wechselt, ist in einem Jahr selbst wieder Bestandskunde und gezwungen, für faire Preise zu wechseln. Ein System, das mehr Aufwand auf beiden Seiten in Anspruch nimmt und genau die zurücklässt, die sich nicht ständig kümmern können oder wollen. Viele Versorger, auch auf kommunaler Ebene, zeigen längst, dass es anders geht: ein fairer Preis für alle Kunden, stabil kalkuliert.
Notwendig sind zwei Änderungen im Energiewirtschaftsgesetz
Nicht nur aktive Wechsler, sondern alle Haushalte sollten in den Genuss von günstigen Neukundenpreisen kommen. Dieses Prinzip sollte zum Standard werden. Umzusetzen wäre das mit zwei Ergänzungen im Energiewirtschaftsgesetz, für Strom- wie für Gasverträge.
Erstens ein Gleichbehandlungs-Gebot. Preise, mit denen um Neukunden geworben wird, müssen auch für Bestandskunden zugänglich sein. In Großbritannien wird genau das unter dem Stichwort „Best Available Tariff“ ermöglicht. Wie ein Anbieter kalkuliert, bleibt seine Sache. Neu- und Bestandskunden müssen aber gleich behandelt werden. Teil des Gleichbehandlungs- Gebots sollte auch eine „Mitteilung über den besten Tarif“ sein. Auf den Preisanpassungsschreiben, die mit jeder Preisänderung schon heute verschickt werden, sollten Kunden über den günstigsten verfügbaren Tarif des Energieanbieters informiert werden, etwa mithilfe eines QR-Codes. Eine ähnliche Regelung gibt es seit 2021 schon für Kunden von Internetverträgen.
Zweitens eine Beschränkung von Neukundenboni, etwa auf 15 Prozent der Jahresrechnung. Auf Vergleichsportalen sind Anbieter gezwungen, hohe Provisionen und Neukundenboni zu zahlen, um im Ranking angezeigt zu werden. Oft betragen die Boni 30 Prozent und mehr der Jahresrechnung. Energieanbieter müssen diese später über Preiserhöhungen bei ihren Kunden refinanzieren. Die Kosten für Boni und Provisionen werden am Ende von den ca. zwei Dritteln der Haushalte getragen, die nie oder selten wechseln und bei denen de facto kein Wettbewerb stattfindet.
Keiner dieser zwei Schritte kostet den Bundeshaushalt auch nur einen Euro. Stattdessen sorgen sie dafür, dass günstige Preise nicht länger von der Wechselbereitschaft abhängen und der Wettbewerb bei Strom und bei Gas, der im Neukundensegment nachweislich funktioniert, endlich alle Haushalte erreicht.
Bastian Gierull ist seit Juli 2023 CEO bei Octopus Energy Germany. Als ehemaliger Director of Product, Marketing und Technology begleitet Gierull das Unternehmen seit dem deutschen Markteintritt im Jahr 2020. Davor war er in führender Funktion bei Unternehmen in der eCommerce- und Telekommunikationsbranche tätig.
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