Der digitale Euro : Innovationsmotor für die europäische Wirtschaft
Wie die Musik-CD zur Audiodatei wurde, so werde jetzt der Euro zum digitalen Wert, der schnellere, kostengünstigere und neue Zahlungsmöglichkeiten eröffne, schreibt Joachim Wuermeling, Leiter des Digital Euro Hub an der Wirtschaftshochschule ESMT in Berlin, in seinem Standpunkt. Der Ex-Bundesbank-Vorstand, hauptberuflich für die internationale Rechtsberatung A & O Shearman tätig, sieht im digitalen Euro „eine strategische Antwort auf die neue geopolitische Lage“ und einen Innovationsmotor.
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Digitales Geld ist konventionellem Geld in vielerlei Hinsicht überlegen: Es lässt sich schneller übertragen, ist sicherer in der Anwendung und kostet weniger im Betrieb. Während Bargeld transportiert, verwahrt und gezählt werden muss, lässt sich digitales Geld in Sekunden bewegen – und das ohne physische Grenzen. Und auch Buchgeld auf Konten ist träge.
Geld war über Jahrhunderte hinweg ein physischer Gegenstand – Münzen, Banknoten, später Kontobuchungen. Seine Digitalisierung bedeutet, den Wert in einen verschlüsselten Datensatz zu verpacken, der wie jede andere Datei verschickt, gespeichert und verarbeitet werden kann. Genau wie der Brief zur E-Mail wurde, die CD zur Audio-Datei oder dieser Artikel zu einer Webseite werden nun auch Wertgegenstände digitalisiert. Hier liegt auch der Unterschied zum Onlinebanking oder zu Kartenzahlungen. Digital verschickt werden dabei nur Informationen an die klassischen kontoführenden Stellen, nicht aber das Geld selbst.
Digitales Geld mit neuen Funktionen
Der Vergleich zeigt zugleich, dass digitale Transformationen nicht nur eine neue Form, sondern auch neue Möglichkeiten schaffen. Die E-Mail ist nicht nur ein schnellerer Brief; sie ist global, jederzeit verfügbar und mit anderen digitalen Systemen verknüpft. Ebenso eröffnet digitales Geld neue Funktionalitäten: Transaktionen können rund um die Uhr ausgeführt werden, ohne Rücksicht auf Banköffnungszeiten. Zahlungen können weltweit in Sekunden vollzogen werden, unabhängig von Banken und Karten.
Die Abwicklung von Geschäften im Netz wird möglich durch die Digitalisierung einer Leistung zum Beispiel eines digitalen Wertpapiers oder eines „Tokens“, der ein reales Gut repräsentiert wie eine Goldmünze oder einen Weizenlieferung. Die Gegenleistung wird mit digitalem Geld erbracht. Die sogenannte Distributed-Ledger-Technologie (DLT) oder „Blockchain“ ermöglichen als Infrastruktur eine sichere Übermittlung der wertvollen Datenpakete.
Die besondere Innovation in dem dank DLT ermöglichten „intelligenten Vertrag“ („Smart Contract“) liegt darin, dass die Erbringung der Leistung digital festgestellt werden; wenn beispielsweise das Wertpapier den Empfänger erreicht, die Goldmünze dem Käufer geliefert worden ist oder der Weizen abgeladen wurde. Das leisten viele verschiedene digitale Informationsquellen wie Sensoren, Geodaten oder Fotos unter Einsatz von künstlicher Intelligenz.
Automatische und sofortige Zahlungen
Der Clou dabei ist, dass dann die Zahlung automatisch und sofort erfolgt. Das war mit den traditionellen physischen oder kontogestützten Zahlungsmitteln schlicht nicht möglich. Digitales Geld ermöglicht damit Innovation, die weit über das hinausgeht, was heutige Zahlungssysteme leisten können.
Solche Smart Contracts bieten ein bisher kaum abzuschätzendes Potential: Es entfällt nicht nur der Aufwand für Rechnungsstellung, Zahlungsausführung und Nachverfolgung. Geschäfte können zudem so weltweit fast risikolos ausgeführt werden. Und zahlreiche weitere Elemente einer Vertragsbeziehung können im Netz sicher abgebildet und dokumentiert werden, beispielsweise Nebenleistungen, Qualitätssicherung, Zertifikate, Zinszahlungen. Für diese neue digitale Transaktionswelt wird digitales Geld als tauschbarer Datensatz benötigt.
Solches Geld gibt es schon von privaten Emittenten. Die bekannteste sind Krypto-Assets wie Bitcoin. Sie sind innovativ, aber volatil und deshalb nur begrenzt als Zahlungsmittel geeignet. Neuerdings im Fokus sind Stablecoins, die an eine Währung gekoppelt und mit Sicherheiten gedeckt sind. Hinzu kommen noch „tokenisierte Bankeinlagen“, die in einem Datenpaket Kontoguthaben repräsentieren. Alle diese digitalen Geldformen sind privatwirtschaftlich organisiert und damit abhängig von der Bonität ihrer Emittenten oder Sicherungssystemen.
Zentralbankgeld statt volatile private Geldformen
Die staatlich ausgegebene Variante digitalen Geldes dagegen ist digitales Zentralbankgeld, für die Eurozone der digitale Euro, den die EZB gerade vorbereitet. Gibt es dafür einen Bedarf, nachdem ja privates digitales Geld angeboten wird? Ich meine: ja!
Zentralbankgeld ist sicher, denn es ist staatlich garantiert. Bürger und Unternehmen können von ihrem Staat erwarten, dass er ihnen werthaltiges und stabiles Geld zur Verfügung steht. Das waren bisher Bargeld und Guthaben bei der Zentralbank. Verlagert sich nun der Austausch von Waren und Dienstleistungen in die digitale Welt, muss auch dort mit dem Euro der EZB bezahlt werden können. Das geht nur mit dem digitalen Euro.
Würde der digitale Transaktionsraum privaten Geldanbietern überlassen, bestünde die Gefahr, dass das staatliche Geld Schritt für Schritt verdrängt wird und seine Funktion als monetärer Anker verliert. Dann griffe auch die Geldpolitik zur Sicherung der Stabilität der Währung und Bekämpfung der Inflation nicht mehr.
Strategische Entscheidung zwischen Dollar und Euro
Hinzu kommt, dass privates digitales Geld derzeit fast ausschließlich von amerikanischen Tech- oder Finanzunternehmen angeboten wird. Die ohnehin starke Dominanz des US-Dollars soll nach dem ausdrücklichen Willen der Trump-Administration mit Krypto-Assets und Stablecoins gefestigt werden.
Es geht also auch darum, ob wir in der künftigen digitalen Welt mit amerikanischem oder europäischem Geld bezahlen wollen. Insofern ist der digitale Euro eine strategische Antwort auf die neue geopolitische Lage. Seine globale Verwendung könnte sogar wachsen, wenn er in modernster Technologie als vertrauenswürdige Alternative zum Dollar angeboten würde.
Einwände gegen den digitalen Euro kommen von unterschiedlichen Seiten. Datenschützer befürchten zusätzliche Überwachung. Aber auch heute schon wäre es für den Staat ein leichtes, den Zahlungsverkehr zu kontrollieren. Er tut es aber wegen dem Schutz der Privatsphäre nicht. Warum sollte das mit dem digitalen Euro anders werden?
Fortschritt statt Schutz bestehender Marktstrukturen
Andere befürchten eine Verdrängung des Bargelds. Aber niemand muss den digitalen Euro nutzen und Bargeld bleibt verfügbar. Vor allem aber verlängert der digitale Euro das Bargeld als „digitales Cash“ ins Netz und ermöglicht damit das Bezahlen im Netz mit Bargeld in seiner digitalen Form.
Schließlich wehren sich Banken und Zahlungsdienstleister gegen die staatliche Geldkonkurrenz. Doch das hoheitliche Geld darf vor dem Netz nicht Halt machen, wollen wir seine Vorteile bewahren. Der digitale Fortschritt lässt sich nicht aufhalten mit dem Schutz bestehender Marktstrukturen.
Der digitale Euro ist also nicht nur ein technisches Projekt und weit mehr als ein weiteres Zahlungsmittel. Er bringt Bürgern und Unternehmen einen echten Nutzen und ist ein Innovationsmotor für die europäische Wirtschaft. Wird er als tokenisiertes, für alle Akteure zugängliches digitales Zentralbankgeld gestaltet, kann er zu einem starken europäischen Wertanker in der digitalen Welt werden.
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