Weniger Compliance, mehr Impact : Wann ist Regulatorik zielführend?
Tausende Firmen in der EU unternehmen große Anstrengungen, die regulatorischen Vorgaben rund um die Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen. Die Klagen über zu viel Bürokratie reißen nicht ab – und seien mitunter berechtigt, schreibt Philipp Buddemeier von der Unternehmensberatung Better Earth. Deshalb müsse eine Frage stärker beleuchtet werden, so Buddemeier: Wo hat die Regulatorik der EU wirklich einen signifikanten Impact auf ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen?
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Im Jahr 2022 hatten mein Team und ich den Auftrag einer Stiftung, die Gesetzesvorhaben der EU zur Nachhaltigkeit zu analysieren. Im Ergebnis haben wir zwei wesentliche Fehlentwicklungen identifiziert: Eine mögliche Überbetonung von Transparenzanforderungen und die aus unserer Sicht unrealistische Erwartungshaltung, dass Finanzakteure ihre Finanzierungs- und Investmententscheidungen darauf basierend anpassen würden.
Wir hatten – aus heutiger Perspektive – wohl nicht ganz unrecht: Unternehmen stellen mit hohem bürokratischem Aufwand eine Vielzahl von Daten bereit. Aber die Handlungsrelevanz und die konkrete Wirkung sind zweifelhaft und auch die Steuerungsfunktion mit Blick auf den Finanzsektor ist nicht wie erwünscht gegeben.
Was ist also schiefgelaufen? Und welche Form der Regulatorik hat eine tatsächliche Auswirkung?
Schauen wir konkret auf die Nachhaltigkeitsregulatorik, lassen sich zwei Kernziele grob unterscheiden: Transparenz und Lenkungswirkung.
Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ist dabei das prominenteste Beispiel für transparenzorientierte Regulatorik. Ziel der CSRD ist, durch die Offenlegung ökologischer und sozialer Auswirkungen der wirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen Handlungsanreize zu erzeugen. Es soll Druck durch Investoren, Kund:innen und die gesamte Öffentlichkeit entstehen.
Aufwand und Impact: Es gibt Fragezeichen
Stehen die Aufwände in einem sinnvollen Verhältnis zum wirklichen Impact? Da gibt es tatsächlich einige Fragezeichen.
Zum einen fehlt bei der Berichterstattung die Kontextualisierung; oftmals gibt es keine Orientierung an wissenschaftlichen Vorgaben. Beispiel „Wasserentnahmemengen“: Wenn der Kontext fehlt – in diesem Fall die regionale Knappheit – sind die ausgewiesenen Daten nur bedingt aussagekräftig. Entscheidungsrelevanz und Wirkung kann diese Art der Transparenz so nicht liefern.
Der Hauptkritikpunkt bleibt jedoch die Bürokratie. So kam bei einer Befragung des Verbands der Chemischen Industrie kürzlich zutage, dass die Bürokratie bei den größten Problemen der Branche die Nummer eins ist.
Die bisherige Erfahrung mit der CSRD zeigt, dass die Regeln zum Teil so komplex sind, dass viele Unternehmen in Compliance investieren und teilweise teure Beratungshäuser engagieren, um den bürokratischen Aufwänden gerecht zu werden. Dazu kommt, dass die oftmals anschließenden Fragenkataloge der Prüfer in vielen Fällen gar keine Nachhaltigkeitsrelevanz haben.
Die Investitionen in Compliance müssten in Dekarbonisierung fließen, auch wenn unbestritten ist, dass ein gewisses Maß an Dokumentation und Analyse unabdingbar ist.
Aber es geht auch anders: Es gibt diverse Beispiele für funktionierende Regulatorik, Mechanismen, die langfristig verlässliche Anreize setzen. Viele europäische Staaten haben beispielsweise Fördergesetze für die Einspeisung von grünem Strom eingeführt und so den massiven Ausbau von erneuerbaren Energien bewirkt – das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz gilt dabei sogar weltweit als Vorbild für wirkungsvollen Energie-Regulatorik.
Der europäische Emissionshandel ist ein Erfolgsmodell
Auch der europäische Emissionshandel ist unterm Strich ein Erfolgsmodell. Das EU ETS, das im Jahr 2005 eingeführt wurde, ist ein hervorragendes Beispiel für eine direkte und positive Lenkungswirkung: Das Prinzip „cap and trade“ funktioniert. Die Emissionen werden dort eingespart, wo es am günstigsten ist.
Die Gesamtemissionen sind dabei gegenüber 2005 um etwa die Hälfte gesenkt worden; allein im Jahr 2024 gingen sie um fünf Prozent zurück. Beispiel Strommarkt: Allein zwischen 2022 und 2024 wurden in der EU mehr Solar- und Windstromanlagen installiert als in den acht Jahren davor.
Ein weiteres Beispiel für einen sinnvollen Preismechanismus ist der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) – auch wenn die Umsetzung zweifellos mit einigen Hürden verbunden ist. Er trägt der Tatsache Rechnung, dass die EU nicht in Isolation handelt. Dabei verlangt sie eine Grenzabgabe auf CO2-intensive Importe, wie beispielsweise Zement oder Stahl. So sollen gleiche Wettbewerbsbedingungen für europäische Unternehmen geschaffen werden, für die bereits CO2-Kosten durch den EU-Emissionshandel anfallen.
Funktionierende Regulatorik setzt Anreize
Diese Beispiele zeigen also einen entscheidenden Unterschied gegenüber transparenzbasierten Datensammel-Modellen wie der CSRD auf: Sie schaffen klare ökonomische Anreize für umweltfreundliche Lösungen und generieren gleichzeitig Mehrkosten für klimaschädliche Produkte. Am besten funktionieren diese Anreize, wenn sie praktikabel sind und zudem Planungssicherheit für die Unternehmen liefern. Dann können ambitionierte Klimaziele auch erreicht werden.
Das heißt nicht, dass Ansätze wie die CSRD grundsätzlich falsch sind. Aber der eigentliche Zweck darf nie verloren gehen. Unternehmen dürfen nicht weniger Zeit für die eigentliche Aufgabe haben, ihre ESG-Ziele zu erreichen, weil sie in erster Linie mit dem Sammeln von Daten beschäftigt sind.
Nachhaltigkeitsregulierung wirkt dann, wenn sie das Verhalten der Akteure ändert und nicht nur, wenn sie Daten sammelt. Wir brauchen also weniger Compliance und mehr Impact.
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