Standpunkt-Gastbeitrag : Wie Banken physische Klimarisiken einpreisen
Banken tun gut daran, Klimarisiken bei der Vergabe von Krediten zu berücksichtigen, findet Karol Kempa von der Frankfurt School of Finance & Management. Nur bekommen sie das auch vernünftig hin? In einer neu veröffentlichten Studie zeigt der Wissenschaftler auf, wie Banken das bereits tun und macht deutlich: Es braucht viel granularere Daten.
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Der Klimawandel führt weltweit zu häufigeren und intensiveren Extremwetterereignissen. Solche physischen Risiken betreffen Unternehmen unmittelbar: Sie können Gebäude, Produktionsstätten und Maschinen beschädigen, Produktionsprozesse beeinträchtigen, sowie Transportwege und Energieversorgung unterbrechen. Somit wird ihre Fähigkeit zu produzieren und Umsätze zu erzielen eingeschränkt, im Extremfall gerät auch die Rückzahlung von Krediten unter Druck.
Bleiben diese Risiken in der Kreditvergabe von Banken unberücksichtigt, verschwinden sie nicht, sie verlagern sich lediglich in den Finanzsektor. Klimabedingte Schäden können zu Kreditausfällen führen, Verluste in Bankbilanzen verursachen und – bei breiter Betroffenheit – möglicherweise die Finanzstabilität beeinträchtigen.
Banken müssen physische Klimarisiken daher in ihrer Kreditentscheidung berücksichtigen, Risikomanagement sollte der zentrale Treiber sein: Klimarisiken sollten sich – wie andere Risikofaktoren auch – in Preis und Konditionen widerspiegeln.
Physische Klimarisiken und Kreditzinsen
Ob Banken das in der Praxis berücksichtigen, habe ich in einer globalen Analyse von mehr als 86.000 syndizierten Unternehmensdarlehen zwischen 1996 und 2022 untersucht. Die zentrale Forschungsfrage war: Müssen Unternehmen, die in klimatisch besonders vulnerablen Ländern tätig sind, höhere Kreditzinsen zahlen?
Der Befund der Studie ist klar: Physische Klimarisiken wirken sich messbar auf Kreditzinsen aus. Pro Standardabweichung höherer klimatischer Verwundbarkeit steigt der durchschnittliche Kreditzinsaufschlag um rund 39 Basispunkte. Anders gesagt: Banken verlangen spürbar höhere Risikoprämien, wenn Unternehmen in stärker exponierten Ländern tätig sind.
Weitere Analysen zeigen Muster, die zu einem rationalen Risikomanagement passen: Der Effekt ist besonders ausgeprägt bei finanziell bereits angeschlagenen Unternehmen, die einen deutlich stärkeren „Klimarisikoaufpreis“ zahlen als finanziell robuste Unternehmen. Zudem nimmt der Effekt mit der Laufzeit der Kredite zu. Der klimarisikobedingte Aufpreis auf die Kreditkosten ist bei langfristigen Darlehen deutlich stärker als bei kurzfristigen – ein Hinweis darauf, dass physische Klimarisiken vor allem als strukturelles, nicht als kurzfristiges Risiko wahrgenommen werden.
Risikomanagement über den Zinssatz hinaus
Die Reaktion der Banken auf erhöhte Klimarisiken beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Kreditkosten. Banken reagieren auch über andere Vertragskonditionen: Bei Krediten an Unternehmen mit hoher Exposition zu physischen Risiken sind Kreditlaufzeiten kürzer, Kreditvolumina tendenziell geringer, Sicherheiten werden häufiger verlangt und Vertragsklauseln strenger ausgestaltet. Somit zeigen die Daten, dass physische Klimarisiken für viele Banken offenbar keine abstrakte Zukunftsfrage sind, sondern Bestandteil der laufenden Risikobewertung.
Der Effekt von physischen Klimarisiken auf die Bonität von Unternehmen zeigt sich auch in ihren Ratings. So zeigt eine weitere Analyse von Ratinginformationen, dass langfristige Kreditrisiko-Ratings signifikant schlechter ausfallen, wenn Unternehmen eine hohe Exposition gegenüber physischen Risken haben, während kurzfristige Ratings praktisch nicht reagieren – ein Befund, der gut zu den Laufzeitunterschieden bei Krediten passt.
Die Rolle indirekter Klimarisiken
Gleichzeitig ist der Blick der Studie relativ grob, da die Klimavulnerabilität über einen international etablierten Länderindex gemessen wird. Das erlaubt einen global vergleichbaren Ansatz, bildet jedoch nicht jedes unternehmensspezifische Risiko ab – und insbesondere nicht Risiken entlang komplexer Lieferketten.
Gerade für Deutschland und die Europäische Union ist das relevant. Die deutsche Industrie ist tief in globale Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden; rund ein Drittel der Vorleistungsimporte stammt aus Ländern außerhalb der EU. EU-weit bestehen die meisten Importe aus nicht-EU Ländern aus Zwischen- und Vorprodukten. Klimabedingte Produktionsausfälle in anderen Weltregionen können daher indirekt auf europäische Unternehmen durchschlagen – selbst wenn deren eigener Standort wenig exponiert ist.
Solche Lieferkettenrisiken sind in aggregierten Länderindikatoren nicht erfasst. Das bedeutet: Banken reagieren auf die Informationen, die verfügbar sind – aber nicht zwangsläufig auf alle relevanten Risiken. Was die Auswertung jedoch zeigt, ist, dass Banken bei multinationalen Unternehmen die physischen Klimarisiken auch in den Ländern berücksichtigen, in denen Tochterunternehmen operieren. Die Berücksichtigung von Tochtergesellschaften verbessert zwar die Abbildung des internationalen Produktionsfußabdrucks eines Konzerns, ersetzt aber keine Erfassung indirekter Risiken über Zulieferer und Vorleistungsketten.
Märkte reagieren – doch mehr Informationen sind entscheidend
Das zentrale Erkenntnis der Studie ist deutlich. Klimarisiken sind längst Kapitalmarktrisiken. Banken behandeln physische Klimarisiken im Risikomanagement ähnlich wie andere Ausfallrisiken und passen Preise sowie Vertragsbedingungen entsprechend an. Das ist ein wichtiges Signal dafür, dass diese Risiken von Kreditmärkten gesehen werden und diese darauf auch reagieren.
Ob der Umgang „angemessen“ ist, hängt jedoch entscheidend davon ab, wie gut die relevanten Risiken überhaupt messbar sind. Denn um künftig alle wesentlichen klimabezogenen Risiken bei der Kreditvergabe angemessen zu berücksichtigen, braucht es granularere Daten zu Standorten von Anlagen und Tochtergesellschaften, zur Anpassungsfähigkeit von Unternehmen und zu Lieferketten. Je stärker solche Informationen von Unternehmen standardisiert und vergleichbar offengelegt werden, desto präziser können Banken auf Risiken reagieren.
Insbesondere die Exponierung entlang internationaler Lieferketten ist sehr komplex. Somit braucht es mehr Forschung, die diese indirekten Kanäle systematisch quantifiziert. Je besser Daten und Evidenz zu diesen Mechanismen werden, desto zielgenauer können Finanzmarktakteure physische Klimarisiken bei Kreditentscheidungen berücksichtigen – und desto geringer ist die Gefahr, dass relevante Risiken zwar realwirtschaftlich existieren, aber finanziell erst sichtbar werden, wenn Schäden bereits eingetreten sind.
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