Pflegeausbildung stärken : Ausbildungsqualität zählt zur Fachkräftesicherung
Die hohen Abbruchquoten und die wachsende Unzufriedenheit unter Pflegeauszubildenden zeigen: Der Fachkräftemangel beginnt nicht erst im Berufsalltag, sondern bereits in der Ausbildung. Wer die Pflege langfristig stabilisieren will, muss hier ansetzen, schreibt Kathrin Freitag, Direktorin der Berufsfachschule für Pflege am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, in ihrem Standpunkt.
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Der Personalmangel in der Pflege wird häufig mit dem demografischen Wandel erklärt. Das ist nicht falsch, greift aber zu kurz. Aktuelle Daten lenken den Blick auf einen weiteren, oft unterschätzten Faktor: die Ausbildungsqualität. Rund 30 Prozent der Pflegeauszubildenden lösen ihren Ausbildungsvertrag vorzeitig auf. Laut dem ver.di-Ausbildungsreport Pflegeberufe 2024 ist zudem nur etwa ein Drittel der Auszubildenden mit ihrer Ausbildung zufrieden – ein Wert, der deutlich unter denen vieler anderer Ausbildungsberufe liegt.
Diese Zahlen sind mehr als statistische Randnotizen: Sie belegen strukturelle Defizite, die sich direkt auf die Fachkräftesicherung auswirken. Wer junge Menschen für die Pflege gewinnen und halten will, muss dafür sorgen, dass sie ihre Ausbildung unter guten Bedingungen beginnen und erfolgreich abschließen können. Entscheidend ist dabei ein Qualitätsverständnis, das Theorie und Praxis gleichermaßen umfasst – mit klaren Standards, verlässlicher Anleitung und einem didaktischen Konzept, das Kompetenzen systematisch aufbaut und Rückmeldungen verbindlich macht.
Praxisanleitung als Schlüssel zur Qualität
Viele Auszubildende erleben den Einstieg in die Pflege als sehr fordernd. Hohe Arbeitsdichte, Personalmangel und früh übertragene Verantwortung treffen auf eine Phase, in der Orientierung und Begleitung besonders wichtig wären. Schichtdienste sowie körperliche und psychische Belastungen gehören zum Pflegeberuf. Sie werden jedoch dann zum Problem, wenn Auszubildende damit weitgehend allein gelassen werden.
Daher spielt die Praxisanleitung in der Pflegeausbildung eine zentrale Rolle. Sie ist dafür zuständig, theoretisches Wissen in berufliche Handlungskompetenz zu überführen. Gesetzlich ist vorgesehen, dass mindestens zehn Prozent der praktischen Ausbildungszeit durch Praxisanleitung erfolgen (§ 4 Abs. 3 PflAPrV).
Die Zahl der qualifizierten Praxisanleitenden hat nachweislich einen unmittelbaren Einfluss auf die Lernerfolge der Auszubildenden. Damit Anleitung gelingt, braucht es verlässlich finanzierte und personell abgesicherte Strukturen. Modellversuche in mehreren Bundesländern zeigen, dass klare Refinanzierungsregelungen und Personalschlüssel für Anleitende messbar zur Ausbildungszufriedenheit beitragen. Hier besteht bundesweit Handlungsbedarf.
Kompetenzorientierung gezielt ausbauen
Genauso zentral ist aber auch die schulische Seite: Nur durch das Zusammenspiel einer qualitativ hochwertigen Praxisanleitung und der schulischen Grundlage können Auszubildende jene Kompetenzen erwerben, die sie im Berufsalltag auf der Station benötigen. Didaktische Leitbilder wie das CORE-Prinzip (Competence Oriented Research and Education) der SRH haben das Ziel, Lernen stärker an realen beruflichen Anforderungen auszurichten. Im Mittelpunkt soll dabei der schrittweise Aufbau von Handlungskompetenz stehen – begleitet durch qualifizierte Praxisanleitende und Lehrkräfte, die als Lerncoaches unterstützen.
Kennzeichnend für solche Konzepte sind klar formulierte Lernziele, passende Lehr- und Prüfungsformen sowie geschützte Lernsettings. Simulationen, Skills-Labs und strukturiertes Feedback ermöglichen es, Sicherheit zu gewinnen, bevor Verantwortung im Versorgungsalltag übernommen wird. Wichtig ist zudem, die Eigenverantwortung der Lernenden zu stärken, sodass sie ihre Wissenslücken selbstständig erkennen, Lösungen erarbeiten und ihre Fortschritte reflektieren können.
Ausbildung als gemeinsame Investition verstehen
Die Verantwortung für eine gute Pflegeausbildung liegt auf mehreren Ebenen: Der Bund setzt rechtliche Rahmenbedingungen, die Länder regeln Finanzierung und Schulstrukturen, die Träger gestalten die praktische Umsetzung. Entscheidend ist, dass alle Akteure gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Insbesondere seit dem Start der generalistischen Pflegeausbildung ist es essentiell, dass Bundesländer und Schulträger gemeinsame Qualitätsstandards entwickeln, etwa zur Einsatzplanung oder zur praktischen Begleitung im ersten Ausbildungsjahr.
Ausbildung darf nicht als kurzfristige Entlastung im Dienstplan verstanden werden, sondern als langfristige Investition in die Zukunftsfähigkeit des Gesundheitssystems. Die aktuellen Zufriedenheitswerte sollten deshalb als Anlass zur Weiterentwicklung genutzt werden, nicht zur Resignation. Eine hochwertige Pflegeausbildung ist kein Nebenaspekt der Fachkräftedebatte, sondern ihre zentrale Voraussetzung.
Kathrin Freitag ist Direktorin der Berufsfachschule für Pflege am SRH Klinikum in Karlsbad-Langensteinbach.
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