Krankenhauswesen : Digitalisierung heißt sofortige Einsparung? Diese Gleichung geht nicht gleich auf
Digitalisierung verbessert Qualität, entlastet Personal und erhöht die Patientensicherheit, spart aber kurzfristig kaum Geld, schreibt Vivantes-Chef Johannes Danckert im Standpunkt. Hohe Investitionskosten, starre Finanzierungssysteme und vorgeschriebene Personalvorgaben verhinderten schnelle Einsparungen. KI helfe in Diagnostik und Verwaltung, ersetze aber kein Personal. Um aus der finanziellen Not herauszukommen, braucht es andere Mittel, so Danckert.
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„Prognosen sind schwierig – vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Dieses Mark Twain zugeschriebene Zitat kam mir in den Sinn, als jüngst wieder die Digitalisierung im Gesundheitswesen als Instrument zur Kostendämpfung gepriesen wurde. Bereits vor acht Jahren schätzte das Beratungsunternehmen McKinsey das Nutzenpotenzial digitaler Technologien im Gesundheitswesen auf 34 Milliarden Euro, in einer Folgestudie vor vier Jahren stieg die Zahl auf 42 Milliarden – davon 12,4 Milliarden alleine in den Krankenhäusern. Das entspricht nach Schätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft ungefähr dem Defizit aller deutschen Klinika in Höhe von 12,7 Milliarden.
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Rettung aus dem finanziellen Ruin – diese Prognose ist zu schön, um wahr zu sein. Auch McKinsey selbst bezifferte das tatsächlich realisierte Einsparpotenzial gerade einmal auf 1,4 Milliarden Euro.
Vivantes muss man als Klinikkonzern nicht mehr vom Nutzen der Digitalisierung überzeugen. Digitalisierung entlastet unser medizinisches und pflegerisches Personal, schafft dadurch mehr Spielräume für menschliche Zuwendung und verbessert Versorgungsqualität sowie Patientensteuerung. Aber sie ist nicht der Königsweg zur schnellen Kostenreduzierung.
Hoher Aufwand, fehlende Refinanzierung
Die digitalen Tools müssen eingeführt und gewartet werden, das erfordert zunächst mehr hochqualifiziertes Personal und kostet eine Menge Geld. Die Aufwendungen dafür sind aktuell nicht in der Refinanzierung durch die Kostenträger DRGs abgebildet. Betriebswirtschaftliche Effizienzgewinne sind in der Praxis dagegen nur schwer sofort nachweisbar, wenn man Einsparungen durch einen harten Abbau von Personal außen vorlässt.
Wir haben in den vergangenen Jahren digitale Anwendungen eingeführt, welche Pflegekräfte entlasten. Dennoch benötigen wir mehr Pflegekräfte, um den für Vivantes geltenden Entlastungstarifvertrag und die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung zu erfüllen und der Demografie etwas entgegenzusetzen. Diese Vorgaben werden von den Kostenträgern finanziert, nicht aber der Einsatz von digitalen Technologien, die Medizin und Pflege ebenfalls besser machen können. Hier zeigt sich wieder einmal der alte Webfehler des deutschen Gesundheitssystems: Fixierung auf Strukturen und Vernachlässigung der Ergebnisqualität.
Anders als zum Beispiel bei einem Autohersteller wirkt sich Digitalisierung im Krankenhaus nicht direkt auf die Rentabilität aus. Unser Personaleinsatz wird durch Pflegepersonaluntergrenzen, Strukturvorgaben der Krankenkassen und Tarifverträge definiert, unser Erlös durch Fall- und vielleicht mal Vorhaltepauschalen. Übertragen auf VW wäre das so, als ob das Bundesverkehrsministerium festlegte, wie viele Mitarbeiter am Band stehen müssen, um einen ID3 zu montieren, und der ADAC bestimmte, wie viel das Auto kosten darf.
Künstliche Intelligenz: Mehr Qualität, kaum ökonomische Effekte
Künstliche Intelligenz (KI) kann im klinischen Alltag Routinearbeiten übernehmen, die bisher Personalressourcen gebunden haben, und frühzeitig Muster erkennen. So unterstützen bei Vivantes seit einigen Jahren KI-gestützte Bildanalysetools in der Radiologie die Detektion von Frakturen, Lungenembolien oder Hirnblutungen und machen Radiologen auf verdächtige Befunde aufmerksam. Und das jetzt schon auf sehr gutem, facharztähnlichem Niveau. Die KI wird nie müde, entlastet unsere Ärzte und ermöglicht ihnen schnelleres Reagieren im Notfall. Das steigert die Sicherheit und Qualität der Versorgung. Der Erlös der DRG wächst dadurch aber nicht und die maßgeblich durch Strukturvorgaben der Kostenträger definierte Zahl an medizinischem Personal sinkt ebenfalls durch diesen Einsatz nicht.
Bei medizinischen Prognosen setzt Vivantes ebenfalls KI ein. Risikowarnsysteme machen auf Basis kontinuierlicher Datenanalyse frühzeitig auf schwerwiegende Krankheitsbilder wie Delir, Sepsis oder akutes Nierenversagen aufmerksam. Auch hier ist höhere Sicherheit für Patient:innen und Beschäftigte das Resultat. Betriebswirtschaftliche Effekte konnten wir noch nicht nachweisen. Bestimmt aber steigt die Qualität der Versorgung unserer Patienten.
Die digitalisierten Patientendaten füllen – nach Einwilligung – den klinischen Datenpool von Vivantes. In Projekten mit Kooperationspartnern stellen wir Analyseergebnisse auf Basis dieser Daten zur Verfügung – zum Beispiel Pharmaunternehmen, welche so die Wirksamkeit ihrer Therapien überprüfen. Wird die Forschung dadurch schneller und besser? Davon ist auszugehen. Sinken dadurch die Arzneimittelpreise? Ich habe so meine Zweifel.
Vergleichsweise leicht fällt der Nutzennachweis für KI-Lösungen, die direkt auf die Wirtschaftlichkeit des Klinikbetriebs durchschlagen. Dies gilt zum Beispiel für KI-gestützte Dokumentation und deren ebenfalls KI-gestützte Auswertung, für Online-Chatbots oder Telefonassistenten in Ambulanzen und Sekretariaten. An diesen Einzelpunkten ist das gut messbar. Aber umfassende Evaluierungen über größere Zeiträume fehlen noch.
Nachhaltige Entlastung notwendig
Angesichts der überbordenden Bürokratie ist zu hoffen, dass digitale Anwendungen bald Ärzte und Pflegekräfte von administrativen Tätigkeiten spürbar entlasten können. In deutschen Krankenhäusern sind sie durchschnittlich drei Stunden pro Tag mit Bürokratie beschäftigt. Würde die Digitalisierung der Dokumentationsaufgaben nur eine Arbeitsstunde einsparen, könnte dies nach Berechnungen des Deutschen Krankenhaus Instituts theoretisch 21.000 Ärzte und 47.000 Pflegekräfte freisetzen. Diese würden wiederum nicht entlassen, sondern die durch den demografischen Wandel ausscheidenden Fachkräfte ersetzen.
Digitalisierung kann medizinischem und pflegerischem Personal mehr Freiräume verschaffen. Sie kann durch Unterstützung in Diagnose- und Prognosesystemen die Patientensicherheit und Behandlungsqualität erhöhen. Der Nachweis des ökonomischen Nutzens bleibt für viele Bereiche eine Herausforderung. Meine Prognose – bei aller Vorsicht bezüglich der Zukunft: Digitalisierung wird nicht schnell viele Milliarden einsparen und uns schon gar nicht schmerzhafte Strukturreformen ersparen.
Johannes Danckert ist Vorsitzender der Geschäftsführung und Geschäftsführer Klinikmanagement bei Vivantes.
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